Disney Villains: Faszination des Bösen

Erschienen: September 2021

Bibliographische Angaben

Hardcover, 192 Seiten

ISBN: 9783845513515

Couch-Wertung:

7
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Yannic Niehr
Die dunkle Seite des Zeichentrick-Giganten

Buch-Rezension von Yannic Niehr Okt 2021

Was wären die größten Disney-Klassiker ohne ihre Bösewichte? Kaum jemand versteht sich so darauf, unvergessliche und unterhaltsame Schurken zu erschaffen wie die Disney-Studios. Ob Dschafar, Malefiz, Chernobog, Gaston oder die böse Königin: Seit Jahrzehnten begeistern sie Zuschauer mit ihrem Humor, ihren ohrwurmlastigen Songs, ihrem visuell einprägsamen Erscheinungsbild und ihrer blanken Durchtriebenheit. Denn eine Geschichte ist oft nur so gut wie ihr Antagonist – daher ist das vorliegende, umfassende Nachschlagewerk diesen berüchtigten Figuren gewidmet und nimmt sich in Bild und Text der Faszination nach, die seit jeher von ihnen ausgeht … 

„Niemand mag gemeine Typen, es sei denn, man kann ihnen gemütlich vom Kinositz aus bei ihren Schurkereien zuschauen“

Der formschön und edel aufgemachte Band gliedert sich in thematische Abschnitte, denen die verschiedenen Charaktere zugeordnet sind. Dies ist zwar weniger übersichtlich als ein chronologisches Vorgehen, dafür aber auch interessanter. So geht es im Kapitel „Game of Thrones“ z.B. um intrigante Fieslinge, die nach Macht streben, wie Scar, Hades oder Yzma, wohingegen unter „Spoiler-Alarm“ die gerade in den 2000ern beliebt gewordenen Twist Villains vorgestellt werden, die erst spät im Film überraschend ihr wahres Gesicht zeigen. Da das Buch im Original bereits 2016 erschien, fehlen leider einige der eher jüngeren Neuzugänge in Disneys Schurkenriege (so wird z.B. Tamatoa, die Monsterkrabbe mit Hang zum Bling-Bling aus Vaiana, schmerzlich vermisst). Dafür werden auch einige kleinere Halunken vorgestellt, die man gerade heutzutage kaum noch auf dem Schirm hat, z.B. aus den diversen Kurzfilmen der frühen Jahre. Die meisten Bösewichte werden dabei auf je einer Seite (gelegentlich auch einer Doppelseite) vorgestellt, die mit ihrem ersten Auftritt, englischen sowie deutschen Synchronsprecher*innen, den jeweiligen Animator*innen, einem kurzen Infotext sowie zahlreichen Hochglanzbildern aufwarten. Eingestreut werden Fun Facts sowie Bonusmaterial, z.B. eine Übersicht der weltweiten Disneyland-Attraktionen, in deren Mittelpunkt die Unholde stehen. 

„Everybody wants to rule the world”

Jen Darcy, studierte Bibliothekarin und bekennender Disneyfan, wirkte bereits bei zwei weiteren Disney-Büchern mit und zeichnet sich für Beiträge in Zeitschriften wie dem Disney Magazine oder der Wondertime verantwortlich. Ihren Texten merkt man an, dass ihr die Materie am Herzen liegt. Leider kratzen die Texte häufig nur an der Oberfläche. Den im Klappentext versprochenen Details zu Ursprung, Produktionshistorie und Einfluss auf die (Pop-)Kultur wird nur wenig Platz eingeräumt, sodass eingefleischte Disney-Nerds (abgesehen von den Fun Facts) kaum Neues erfahren dürften. Auch das Bonusmaterial beschränkt sich manchmal nur auf ein paar Szenenfotos nebst kurzer Beschreibung. Zumindest ein ausführliches Vorwort oder ein Epilog hätten hier Abhilfe geschafft – oder schlicht eine Erhöhung der Seitenzahl.

Interessant wäre z.B. die Beliebtheit gerade der weiblichen Disneyschurken in Teilen der Queer Culture zu beleuchten gewesen – nicht (nur) aufgrund ihrer Theatralik und ihres eindrucksvollen Äußeren (wer würde z.B. – bei aller Bosheit – schon Cruella DeVil ihr unschlagbares Mode- und Stilbewusstsein absprechen wollen?), sondern vielleicht auch, da sie (im Gegensatz zu den Disney-Held*innen, die – gerade in der Renaissance-Ära des Studios während der 90er Jahre – oft ihren Platz im Leben suchten) stets schonungslos und ungeniert sie selbst sind. Ursula mag bei ihren Verträgen schummeln, doch könnte ihre ausladende Körperlichkeit durchaus als Beispiel für „body positivity“ herhalten. Es fehlt auch ein kritischer Umgang mit der aus heutiger Sicht problematischen Darstellung gewisser Figuren (z.B. die perfiden Siamkatzen in Susi und Strolch). Fairerweise sollte man erwähnen, dass das eher familienfreundlich gehaltene Buch nicht den Anspruch einer fundierten Kulturanalyse erhebt, sondern eine möglichst breite Masse für die schillernden Bösewichte begeistern will.

So mögen einige kleine Wermutstropfen wie die bereits genannten in der Summe den Gesamteindruck für Kenner leicht stören. Als großer Pluspunkt des Bandes sind hingegen die vielen Konzeptzeichnungen, Alternativskizzen und Storyboards zu erwähnen, die (unter Nennung der jeweiligen Künstler*innen und sogar des Herstellungsmediums!) einen Einblick in den Prozess ermöglichen, welcher der Schöpfung einer fertigen Figur vorausgeht. Dieses akribisch recherchierte Bildmaterial bietet auch langjährigen Disney-Liebhabern einen formschönen Fundus, der alleine schon die Anschaffung des Buches wert ist.

Fazit

Disney Villains: Faszination des Bösen kann sich nicht ganz für ein Zielpublikum entscheiden. Disneyfans der ersten Stunde könnten vom Informationsgehalt enttäuscht werden, während Neulinge oder Gelegenheitsgucker sich eventuell ein bisschen erschlagen fühlen. Als Nachschlagewerk über Disneys berühmteste Bösewichte ist das Buch dennoch konkurrenzlos und sollte gerade aufgrund der hochwertigen und liebevoll zusammengestellten visuellen Präsentation in keiner Disney-Sammlung fehlen!

Disney Villains: Faszination des Bösen

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