Gewitter im Kopf

Erschienen: Juni 2021

Bibliographische Angaben

Broschur, 189 Seiten

ISBN: 9783960961598

Couch-Wertung:

6
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Sabine Bongenberg
Eher etwas für Fans

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jul 2021

Jan Zimmermann und Tim Lehmann sind schon lange Freunde. Allerdings sind sie in ihrer Freundschaft selten allein zu zweit, denn bei Jan mischt sich immer wieder „Gisela“ ein. „Gisela“, so hat er diese scheinbar unsichtbare Person genannt, die geweckt wird, sobald Jan von irgendetwas getriggert wird und die sich dann mit frechen – oder auch unverschämten – Sprüchen einbringen muss, kaum die Finger von Feuermeldern oder Notbremsen lassen kann oder -  banal formuliert – manchmal einfach eine Plage ist. „Gisela“ – so haben Jan und Tim das Tourette-Syndrom getauft, unter dem Jan leidet und wer die Bekanntschaft dieser Dame – oder ihrer namenlosen Geschwister macht – erlebt zwangsläufig viele ungewöhnliche Situationen. Über diese Besonderheiten berichten Jan und Tim regelmäßig auf ihrem YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf“. Ihren Geschichten folgt mittlerweile eine riesige Fangemeinde.

Ich habe keine großen Erfahrungen mit dem Tourette-Syndrom. Natürlich habe ich davon gehört, aber wenn jemand in der U-Bahn irgendwelche Schimpfwörter vor sich hin brummelte, war es nach meiner Erfahrung bisher immer jemand, der irgendeinen Rap-Song über Kopfhörer hörte und mitsprach. Insoweit war ich sehr gespannt auf dieses Buch. Der Einstieg war dann auch sehr vielversprechend. Ich lernte, dass Tourette sich nicht nur auf das bloße Herausschreien von Schimpfwörtern beschränkt, sondern dass – situationsbedingt – auch eigentlich sehr witzige (wenn auch natürlich grenzüberschreitende) Sprüche herausgehauen werden können und dass es auch im Hinblick auf die Tonlage, in der das geschieht, verschiedene Ausprägungen geben kann. Mir war auch nicht bekannt, dass zum Beispiel Feuerlöscher, Notbremsen oder Notrufknöpfe eine magische Anziehungskraft ausüben und damit dann auch noch zusätzliche Komplikationen geschaffen werden. Diese Punkte werden von Jan Zimmermann und Tim Lehmann, die abwechselnd aus ihrem Leben und ihrer Freundschaft berichten, gut und klar dargestellt. Beeindruckend fand ich auch, dass Tim, der zwischenzeitlich unter großen persönlichen Problemen litt, den Lesern eine Hilfestellung bietet, sollten sie ähnliches erfahren.

Leider löst sich das Buch aber alsbald vom Leben des „Normalos“ mit Tourette und wird zu einer Erzählung vom Leben mit dem Tourette-Kanal, den die beiden Freunde bei YouTube führen. Ab diesem Punkt liegt das Hauptaugenmerk des Buches auf der Plattform und das was hier geschildert wird, hat mit dem Alltag des regulären Tourette-Erkrankten möglicherweise nicht mehr so viel zu tun. Die beiden Autoren berichten vielmehr von Festivals, zu denen sie geladen wurden, von besonderen Events an denen sie dank ihrer Kochbemühungen auf ihrer Plattform teilnehmen durften und ähnlichem. Dank ihrer entsprechenden Prominenz schlug ihnen damit auch regelmäßig besonderes Verständnis entgegen. Manchmal hatte ich aber auch das Gefühl, dass dieses Verständnis der anderen grundsätzlich erwartet wurde, ohne dass andererseits daran gedacht wurde, vielleicht auch einen kleinen Beitrag zu leisten. Überrascht war ich auch über die Vielzahl der Kochrezepte, die im Buch veröffentlicht wurden. Sicher – das eine oder andere hätte ich ganz lustig und erfrischend gefunden, zumal ja auch gerne beschrieben wird, was Gisela mit den Zutaten anfängt oder generell vom zubereiteten Ergebnis hält. Aber diese Menge an Rezepten hätte ich dann doch nicht erwartet. Mir fiel auch auf, dass die beiden Autoren gelegentlich zweimal über dasselbe berichten und hier hätte ich mir doch ein paar Kürzungen und Streichungen gewünscht. Schön fand ich, dass auch Fotos in dem Buch abgebildet wurden, hier hätte ich aber auch gerne gewusst, wer denn – neben Jan und Tim – auf diesen Fotos zu sehen ist oder wo und wie sie entstanden sind.

Fazit

Jan und Tim berichten sicherlich vom Leben mit dem Tourette-Syndrom – aber vom Leben mit dem Tourette-Syndrom eines bekannten YouTubers. Damit aber treten die möglicherweise alltäglichen Probleme eines Menschen, der an diesem Syndrom leidet, in den Hintergrund und ein Großteil der Handlung bezieht sich nur noch auf die Berichterstattung des YouTube-Alltags und der damit verbunden Prominenz. Für Fans ist „Gewitter im Kopf“ bestimmt eine tolles, zusätzliches Merchandising – für denjenigen, der aber über das normale Leben mit dem Syndrom mehr lernen möchte, ist das, was hier geboten wird, zu wenig. Ich empfehle aber, sich „Gewitter im Kopf“ einmal auf YouTube anzusehen, denn die beiden Jungs kommen hier noch einmal wesentlich lustiger, sympathischer und vielleicht auch ein wenig seriöser rüber, als abschnittsweise in diesem Buch.

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