Der Brief für den König

Erschienen: März 2020

Bibliographische Angaben

übersetzt von Liesel Linn und Gottfried Bartjes; Broschur, 454 Seiten

ISBN: 9783407755766

Couch-Wertung:

9
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Kirsten Kohlbrei
Das Schicksal eines Königreichs liegt in den Händen eines jungen Schildknappens.

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Jun 2021

Der sechzehnjährige Tiuri steht vor seiner Ernennung zum Ritter des Königs von Dagonaut und verbringt der Tradition nach die Nacht vor der Zeremonie mit den anderen Anwärtern auf die Ritterwürde schweigend, in innerer Einkehr in einer Kapelle. Als er jedoch plötzlich von draußen einen Hilferuf vernimmt, verstößt er gegen die Regel und unterbricht die Wache.

Ein Auftrag als Briefbote

Vor der Tür entdeckt der Knappe einen Unbekannten, der ihn anfleht, einen wichtigen Brief an seinen Herrn, den schwarzen Ritter mit dem weißen Schild zu überbringen, der in einem nahe gelegenen Gasthof wartet. In der Hoffnung rechtzeitig am Morgen zurück zu sein, bricht Tiuri auf. Doch am Wirtshaus angekommen, trifft er den Ritter nicht an. Er findet ihn schließlich schwer verletzt im Wald. Der Verwundete bittet Tiuri an seiner statt, den Brief dem eigentlichen Empfänger, dem König Unauwen auszuhändigen und erklärt ihm den Weg bis ins Gebirge, wo der Klausner ihm weiterhelfen wird. Bevor er stirbt, warnt er ihn noch vor den Gefahren, die auf den Boten lauern. Vor allem vor dem feindlichen Ritter und seinen roten Reitern, die den Sterbenden auch in den tödlichen Hinterhalt gelockt haben.

Ein Weg voller Gefahren

Statt nach Dagonaut zurückzukehren, beginnt Tiuri seine gefährliche Reise ins Land Unauwen. Auf dem prächtigen schwarzen Pferd des toten Ritters, folgt er dessen Wegbeschreibung. Ausgeraubt von Weglageren und gejagt von den roten Reitern, sieht sich Tiuri immer wieder neuen Bedrohungen ausgesetzt. Als Briefbote findet er aber gleichzeitig Unterstützung von Klostermönchen und Burgbewohnern. Auch die grauen Reiter, die ihn zunächst als vermeintlichen Mörder ihres Gefährtens, des toten Ritters Edwinem suchen, geben ihm schützend Geleit, nachdem sie von seiner Unschuld überzeugt sind. Von ihnen erfährt er zudem mehr über den Getöteten und die Hintergründe seines Auftrags. In der Einsiedlerklause in den Bergen angekommen, stellt der alte weise Menaures Tiuri, mit dem zwei Jahre jüngeren Piak einen kundigen Führer zur Seite, der ihn sicher auf die andere Seite des Gebirges bringen kann.

Ein treuer Begleiter in der Fremde

Dank seiner Erfahrung trotzen die Jungen dem schwierigen Gelände bei Schnee und Kälte und überwinden die Berge, hinter denen das unbekannte Land Unauwen sie erwartet. Die gemeinsamen Tage haben aus den beiden Freunde werden lassen und der immer fröhliche und optimistische Piak, beschließt Tiuri weiter zu begleiten. Mit ihren Verfolgern im Nacken und den lauernden Gefahren in der Fremde, bleibt das Erreichen der Hauptstadt ein lebensgefährliches Unterfangen. Doch festentschlossen im Namen Ritter Edwinems, die geheimnisvolle Botschaft an König Unauwen zu übergeben, machen sich die tapferen Reisegefährten unerschrocken auf, auch noch das fehlende Wegstück mit geeinter Kraft zu bewältigen.

Klassiker ohne Patina

Der Abenteuerroman Der Brief für den König wurde schon 1962 von der niederländischen Autorin Tonke Dragt geschrieben, hat aber über die Jahre nichts an Reiz verloren. Angesiedelt in einer fiktiven Welt benachbarter konkurrierender Königreiche, geraten die Leser mit der Hauptperson Tiuri, der seine Ritterernennung riskiert, weil er sich ritterlich hilfsbereit verhält, mitten hinein in eine erbitterte Fehde um Macht und Herrschaftsansprüche. Seine Erlebnisse sind nicht nur äußerst spannungsgeladen, sondern erzählen auch viel über Mut, Treue und Aufrichtigkeit. Die Tugenden, die der junge Knappe Intrigen und Verrat entgegensetzen muss, um seinen Auftrag erfüllen zu können. Und Dragts Buch ist auch die Geschichte der tiefen Freundschaft, die zwischen Tiuri und Piak entsteht. Die mittelalterliche Szenerie wird durch detaillierte Beschreibungen von Landschaft, Schauplätzen und Personen gut vorstellbar und lebendig. In diesem Ambiente ist die Rollenverteilung allerdings eher klassisch. Frauen sind für den Haushalt verantwortlich oder geraten wie die Tochter des Burgherrn ins Blickfeld, wenn Tiuri ihr die Minne anträgt.

Ritterschlag zum runden Geburtstag

Solche Geschlechterklischees würde ein heute verfasstes Buch vermutlich sprengen, so wie die Netflix-Serie von 2020, nach Motiven der Romanvorlage gedreht. Deren Promotion-Motiv ziert auch das Cover der neuen Taschenbuchausgabe. Passend zum 90. Geburtstag kam für die Autorin im vergangenen Jahr, die Adaption ihres Werks durch den Streaming-Dienst. Durchaus anschauenswert sind die inhaltlichen Abweichungen allerdings enorm und die Fantasy-Elemente kommen mit Magie weitaus mehr zum Tragen als im Original. Die Zielgruppe verschiebt sich dabei in den Jugendbereich.

Im Buch gibt es beim Aufeinandertreffen der Gegner, auf beiden Seiten Tote, aber ohne brutale Schilderungen. Schön auch, dass durch einen Hofnarr, die Macht der Worte, der Schlagkraft der Schwerter entgegengestellt wird. Und mit Tiuri, dem jugendlichen Held, der trotz Mut und fairem Handeln, des Öfteren unerfahren auftritt, können sich die Leser gut identifizieren.

Fazit

Der Brief für den König ist ein grandios erzählter, spannender Abenteuerroman, der in eine Welt mächtiger Könige, edler Ritter und tapferer Knappen entführt und diese hautnah erleben lässt. Zusammen mit dem sympathischen Helden fiebert, bangt und hofft man, dass sich im Kampf von Gut und Böse, die ritterlichen Tugenden durchsetzen werden.

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