Und alles neu macht der Mai

Hardcover, 443 Seiten

ISBN: 9783407756022

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Alexandra Fichtler-Laube
10

Jugendbuch-Couch Rezension vonDez 2021

Das schmerzhafte Erwachen aus einer unmenschlichen Zeit

In einer eisig kalten Kammer beginnt Rena mit ihrem Tagebuch. Die letzten Wochen waren nervenzerreißend, karg und voller Angst. Sie und ihre Familie mussten aus dem von den Russen besetzten Polen fliehen. Jetzt sind ihre Geschwister, ihre Mutter und sie auf dem Bauernhof einer abweisenden Dame in Norddeutschland gestrandet. Um später ihrer kleinen Schwester alles richtig erzählen zu können, und auch um die Geschehnisse für sich selbst verarbeiten zu können, sammelt sie Papierschnipsel und hält alles fest.

Die 16-Jährige erzählt von ihrem unbeschwerten Leben in Eichenbrück, von ihrem Glauben an den Führer und die Sorge um den Vater, der an der Ostfront für das Deutsche Reich kämpft. Sie erzählt aber auch von ihrer Flucht, von warnenden und zweifelnden Worten der Mitflüchtenden und ihrem Schock, als sie endlich im zerbombten Berlin ankommen.

„Doch dürfen wir davor nicht die Augen verschließen. Sie waren ja nicht die Einzigen, die auf diese oder andere Weise ihr Leben verloren. Wir sind es allen so grausam Dahingeopferten schuldig, nichts zu verschweigen.“

Ihre Verwandten in Berlin können sie nicht aufnehmen und so wird der Familie ein Bauernhof in einem kleinen Dorf zugewiesen. Rena lernt Klaas Beckers kennen, dessen Vater, ein Pfarrer, denunziert wurde und in Gefangenschaft umkam. Klaas konfrontiert Rena mit unbequemen Fragen und einigen Hintergrundinformationen, die ihr Weltbild immer mehr erschüttern. Wieviel stimmt von dem, was ihr von den Eltern, von den Lehrern und im Radio erzählt wurde? Wie kann sie ihre eigenen Beobachtungen und Gedanken mit all dem in Einklang bringen?

Als der Vater aus dem Krieg heimkehrt, entsteht eine tiefe Spaltung in der Familie. Immer noch der festen Überzeugung von der Richtigkeit seines Handelns als überzeugter Anhänger Hitlers, versucht er jedwede Fragen nach der eigenen Schuld zu unterdrücken.

Nachdem jedoch das Ausmaß der Gräueltaten nach und nach ganz offen zum Vorschein kommt, fangen vor allem die jungen Menschen an, die Älteren zur Verantwortung zu ziehen und drängen auf Antworten.

Wieviel Verantwortung trägt der Einzelne und wann beginnt man, sich ihr zu stellen?

Ungemein real und voller fundamentaler Fragen

Die Flucht deutscher Siedler aus Polen, das Leben im zerbombten Berlin, die ungewollten Einquartierungen der deutschen Flüchtlinge bei Fremden und das Leben in Bunkern in Frankfurt sind nur die groben Eckpunkte dieser einfühlsamen Schilderung der letzten Monate des Zweiten Weltkrieges. Anhand einer ganz normalen Familie beschreibt Kordon das lange Erwachen der Menschen eines Volkes, unter dessen Augen Millionen Menschen verschleppt und getötet wurden. Vor allem auch die subtilen Verhaltensweisen von führenden Köpfen, um ihre eigene Verantwortlichkeit zu verschleiern und bei den Besatzern das Beste für sich herauszuholen, sind hier sehr deutlich geschildert.

Renas Art der Verarbeitung des Geschehens ist das Schreiben. Sie durchlebt eine Entwicklung vom unbeschwerten Kind hin zu einer jungen Frau, die mit offenen Augen und Ohren die neue Welt erlebt, die hinterfragt und sich auch ihrer eigenen Mittäterschaft stellt. Sie erlebt Menschen, die gebrochen sind und jene, die immer wieder nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Ihr größter Schock ist für sie das Verhalten ihres Vaters, von dem sie sich nur abgrenzen kann und welches für sie den Grundstein für ihren Traum legt: Sie möchte die Wahrheit erfahren, ihr in die Augen blicken und sie allen Menschen zukommen lassen.

Und alles neu macht der Mai thematisiert all die unbequemen Wahrheiten, die in vielen Familien verschwiegen oder der neuen Zeit angepasst wurden. Sehr eindringlich und tiefgründig beschreibt Kordon eine gespaltene Gesellschaft, die auf unterschiedliche Weise den Geschehnissen des Krieges entgegentritt.

So ist ein differenziertes und besonderes Jugendbuch entstanden, welches sehr eindrücklich die Situation zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland schildert. Überaus spannend und persönlich beschreibt er menschliche Schicksale, die viel zu oft in Geschichtsbüchern zugunsten kalter Politik fehlen.

Fazit

Sehr verständlich und einfühlsam wird eine Zeit des Erwachsenwerdens und des schmerzhaften Erwachens geschildert, die noch bis in unsere Zeit nachhallt und nichts an Aktualität verloren hat.

Und alles neu macht der Mai

, Beltz & Gelberg

Und alles neu macht der Mai

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