Liebe sich, wer kann

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

Broschur, 240 Seiten

ISBN: 9783743212121

Couch-Wertung:

6
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Sabine Bongenberg
Sehr viele Probleme auf sehr schmalen Wegen

Rezension von Sabine Bongenberg Okt 2021

Jacobs Leben läuft nicht gerade auf der Überholspur: Seine Eltern reden an guten Tagen nicht miteinander und an schlechten fliegen die Fetzen, ständig ist er die Zielscheibe des Spotts und der miesen Attacken seiner älteren Brüder und es überrascht sicher nicht, dass er die Schule jetzt auch nicht gerade als Inspiration empfindet. Immerhin – wenigstens hat er da so halbwegs seine Ruhe, aber gerade ist der letzte Schultag vorbei, die großen Ferien stehen vor der Tür und Jacob bleibt nichts anderes, als sich in sein Lieblings-Game zu flüchten und Abenteuer mit dem Riesen Groom und dessen goldener Mistgabel zu erleben.

Zumindest war das seine Idee von den großen Ferien, aber schlagartig wird alles anders: Denn sie ruft an. Sie – Lotti: Schulsprecherin, blitzgescheit, atemberaubend hübsch und mit so saphirblauen Augen, dass sich selbst das Meer davon eine Scheibe abschneiden könnte. Jacob ist hin und weg und es kommt noch besser: Lotti sucht eine männliche Begleitung, einen Beschützer für eine mehrtägige Wanderung und sie fragt ausgerechnet ihn – den Loser, den sein Vater immer als Schlappschwanz bezeichnet, den seine Brüder verachten und auf dem die Klassenkameraden herumhacken. Andererseits – Lotti muss das ja alles nicht gerade erfahren. Jacob fragt sich aber auch, ob es ihm gelingt, seine Panikattacken geheim zu halten und ob Lotti tatsächlich einen starken Beschützer sucht, der in entscheidenden Momenten einfach keine Luft bekommt …

Das Atmen fällt schwer, Schweißperlen bilden sich auf der Haut…

Annette Mierswa spricht mit ihrem neuen Roman ein Thema an, das vielen Betroffenen regelmäßig regelrecht die Luft abschnürt: Angstattacken. Schon vor mehreren Jahren berichtete Nicholas Müller, der ehemalige Frontmann der Gruppe „Jupiter Jones“ über diese Erkrankung, die ihm das Leben zur Hölle machte und ihn letztendlich zum Abschied von der Bühne zwang. Im Roman Liebe sich, wer kann ist es der eher unscheinbare Jacob, der regelmäßig von diesen Schüben heimgesucht wird und der sein Bestes tut, um diese Attacken einerseits zu vermeiden und andererseits zu verhindern, dass irgendwer von dieser – in seinen Augen – Schwäche erfährt. Jacob hat sich dazu schon verschiedene Strategien zurechtgelegt, aber dennoch können die nicht immer alles abwenden und er sieht sich allein in einem Kampf, den er glaubt, nicht gewinnen zu können. Mir gefiel hier gut, dass die Autorin Jacobs Ängste einfühlsam beschreibt und auch schon erste Hilfestellungen bei der Überwindung dieser Ängste aufzeigt.

Einiges hat mir an diesem Roman, der sich einer Vielzahl von sicherlich wichtigen Themen annimmt, nicht so gut gefallen. So erschloss sich mir nicht so recht, warum die von so vielen bewunderte Lotti ausgerechnet auf diesen Außenseiter verfiel, um mit ihm auf eine Wanderung zu gehen. Hätten die beiden zumindest einige Berührungspunkte gehabt, hätte ich ihre Idee nachvollziehen können. Aber – mal ehrlich – wer geht aus heiterem Himmel mit irgendwem auf Wanderschaft, ohne sonderlich viel über ihn zu wissen, ohne zu wissen, ob er Humor hat oder ob er nicht zu den Leuten gehört, die den ganzen Tag an etwas herummeckern?

Ein paar Probleme hatte ich auch mit der Figur der Lotti, bei der mir auch alsbald klar war, dass sie sicherlich einen Packen Probleme mit sich herumträgt, diese aber auch nicht offenbaren will. Das führte aber dazu, dass sie oft sprunghaft – oder manchmal sogar zickig – wirkte und Jacob, als das geduldige, verliebte Schaf tatsächlich jede dieser Launen geduldig ertrug. Er lässt sich ihr schweres Gepäck aufhalsen, lässt sie bei einer Übernachtung bequem im Haus schlafen, muss selber mit einem unhandlichen, viel zu großen Zelt Vorlieb nehmen und ist immer bereit, jeden aber auch jeden Wunsch zu erfüllen, der in seiner Begleiterin aufblitzt. Mir war das manchmal zu viel. Bei diesen ganzen Stimmungswandlungen hatte ich auch manchmal das Gefühl, dass Jacobs Panikattacken Schritt für Schritt zu sehr in den Hintergrund gerät und sich der Focus zu sehr auf Lottis eigenartiges Verhalten richtet.

Mir fehlten dagegen andere Aspekte im Buch. So konnte ich zum Beispiel nicht verstehen, aus welchem Grund Jacobs Mutter, als stille Dulderin die Ausbrüche und Grobheiten ihres Mannes erträgt und es ihr auch nicht gelingt, sich gegenüber seinen Brüdern durchzusetzen. Allein der kurze Einschub, dass einer seiner Brüder sich am ersten Tag seiner Abwesenheit bereits sein Zimmer geentert hatte und keine Anstalten machte, wieder auszuziehen, fand ich auch mehr als eigenartig. Hier hätte ich mir manchmal ein bisschen mehr Familiengeschichte gewünscht oder auch gerne mal gewusst, warum Jacob so ein Netter und seine beiden Brüder so garstig waren.

Fazit

Annette Mierswa hat es zweifellos mit ihrem Roman gut gemeint aber die an und für sich schöne Idee der gemeinsamen, ruhigen Wanderung mit zu vielen Problemen und Ideen überfrachtet. Sicher sind Angststörungen und andere psychische Erkrankungen wichtige Themen, auch das Thema Umweltschutz und behutsamer Umgang mit den Ressourcen brennen sicher unter den Nägeln, aber so viel davon in einem recht schmalen Bändchen macht das Lesen anstrengend.

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