Monster

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

Hardcover, 176 Seiten

ISBN: 9783702659592

Couch-Wertung:

7
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Julian Hübecker
Ein bewegender Kampf um die Kontrolle

Buch-Rezension von Julian Hübecker Sep 2021

Felix fühlt sich wie ein Niemand. Ausgerechnet jemand, zu dem er aufgesehen hat und ihm einer Vaterfigur am nächsten kam, hat sein Vertrauen ausgenutzt und ihn dort angefasst, wo es niemand ohne seine Erlaubnis tun sollte. Nun ist Felix nur noch ein Schatten seiner selbst und das Leben, das er zuvor so genossen hat, ist eine Randerscheinung.

„Aus dem strahlenden Sieger war ein dreckiges Nichts geworden, das sich in der Stadt herumtrieb, weil er nicht mehr das tun konnte, was ihn zu neunundneunzig Prozent ausgemacht hatte.“

Wie soll Felix seinen Alltag bestreiten und so tun, als wäre alles normal? Er hat das Schwimmen geliebt, sogar einige Preise gewonnen – und dann hat sich sein Schwimmtrainer wie aus dem Nichts entschieden, eine Regel zu brechen, die nicht mehr gekittet werden kann. Oder gab es bereits Anzeichen, dass es mal so weit kommen musste? Sollte Felix etwa schuld sein, weil er es sogar herausgefordert hat?

Felix‘ Selbsthass wächst und die Anstrengung, allen Normalität vorzugaukeln, wird immer größer. Wie soll er seiner Mama erklären, dass er nicht mehr zum Schwimmtraining will? Wie soll er seinen Freunden sagen, dass er nicht mehr berührt werden will? Und wie soll er seine Stimmungsschwankungen begreiflich machen, die zwischen Wut und Trauer wechseln?

Einziger Lichtblick ist Alva, mit der er manchmal nach der Schule den Nachhauseweg geht; die ihm ein gutes Gefühl gibt, auf die er sich tatsächlich freut. Alvas Pferd Poncho wirkt sogar therapeutisch, ist für Felix eine Ruheinsel inmitten des Sturms, auf den er sich zubewegt. Dann bricht es doch aus Felix heraus und er trifft eine Entscheidung, die für ihn endlich die Befreiung werden soll …

Das fiese Monster namens Selbsthass

Brigitte Jünger traut sich an ein Thema heran, das viel Sensibilität und Aufklärung erfordert: sexueller Missbrauch. Für Angehörige ist es eine schwierige Situation, weil man zum einen nur schwer die Veränderungen des Kindes oder Jugendlichen als Warnsignal erkennt und zum anderen das Ansprechen viel Fingerspitzengefühl erfordert. Betroffene wollen oft alles, nur nicht reden, sondern ziehen sich lieber in ihren Schutzpanzer zurück. Viele geben sich sogar selbst die Schuld – wie Felix, der sich sein dunkles Monster heranzüchtet, das er selbst zu besiegen hofft.

Die Verbildlichung durch das Monster ist überzeugend gewählt. Es ist gut nachvollziehbar, wie es immer wieder seine Krallen ausstreckt, um mehr und mehr vom einstigen Selbstbild zu zerstören. Es ist ein schleichender Prozess, der auch in Felix‘ Fall gut rübergebracht wird. Besonders intensiv sind die Gedanken von Felix, die sich immer wieder dazwischenschieben und den größer werdenden Hass auf sich selbst klar verdeutlichen.

Große Entfaltung hat die Geschichte aufgrund der Dicke des Buches und Kürze der Kapitel nicht erhalten – was aber auch nicht nötig ist. Schwieriger ist da schon der Schreibstil der Autorin, der mitunter die Fähigkeit abverlangt, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Vor allem ist es auch schwierig, nicht wertend gegenüber dem Umfeld von Felix zu sein. Insbesondere das Verhalten der Mutter ist gewöhnungsbedürftig und manchmal außer Kontrolle.

Fazit

Dieses Buch sollte diejenigen, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, nur mit Vorsicht zur Hand nehmen. Wenngleich Brigitte Jünger nicht einfach schreibt, versteht sie doch, das Monster in Felix wachsen zu lassen und ihn langsam zu verschlucken.

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