Mut. Machen. Liebe.

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

Hardcover, 352 Seiten

ISBN: 9783764171193

Couch-Wertung:

8
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Julian Hübecker
Vom Mut sich so zu akzeptieren, wie man ist

Buch-Rezension von Julian Hübecker Aug 2021

Paul hat sich entschieden, durch Italien zu wandern. Er weiß nicht so wirklich, wohin, nur, dass er vergessen will. Vergessen, dass er Jahre zuvor von seinem besten Freund auf erniedrigende Weise vor anderen geoutet wurde. Seitdem kämpft er mit sich und weiß nicht, was die Zukunft noch für ihn bereithält. Als er die 80-jährige Liz kennenlernt, beginnt er, das Leben neu zu verstehen …

„Dass es viele Arten von wahrer Liebe gibt. Und dass sich selbst zu lieben, mit allen Eigenheiten, die Grundlage von allem ist.“

Paul ist genervt, als Liz ihn einfach so anspricht und selbst dann nicht aufhört, als er ihr zu verstehen gibt, dass er für ein Gespräch nicht zu haben ist. Schließlich hat Paul ihrer Hartnäckigkeit nichts mehr entgegenzusetzen und lernt ihre Vergangenheit kennen, die in den 1950ern ein dunkles Kapitel beinhaltet. Stück für Stück wird die Geschichte offenbart und setzt in Paul einen Heilungsprozess in Gang, der dringend nötig war.

In den 1950ern sorgt der Paragraph 175 dafür, dass schwule Männer verhaftet und sozial geächtet werden. Viele verlieren daraufhin ihre Arbeit, Familie und Freunde; unzählige begehen Selbstmord. Helmut hat sich bisher nie Gedanken darum gemacht, ist er doch glücklich mit seiner Freundin Marlene und seiner Arbeit als baldiger Beamter. Dann trifft er auf den Gastarbeiter Enzo – und verliebt sich Hals über Kopf in ihn.

Da Homosexualität gerade auch aufgrund des Paragraphen 175, der noch aus der Nazizeit stammt, als Krankheit und wider die Natur betrachtet wird, wehrt sich Helmut zunächst dagegen. Er versucht, seinem Leben krampfhaft die „normale“ Richtung zu geben und verlobt sich mit Marlene. Doch Enzo geht ihm einfach nicht aus dem Kopf. In der Gegenwart ist Paul von Helmuts innerem Kampf berührt, zieht aber auch Lehren aus seiner eigenen Vergangenheit. Schafft er es, seine inneren Wunden zu heilen und den Verrat zu verzeihen?

Bitte mit Trigger-Warnung versehen!

Es ist wohl das dunkelste Kapitel homosexueller Geschichte, dem sich Hansjörg Nessensohn annimmt. Erst 1994 wurde der Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, doch bis heute spürt man die Nachwirkungen dieser Unterdrückung. Mit aller Deutlichkeit hat der Autor die 50er Jahre lebendig werden lassen und die gesellschaftliche Ächtung gegen homosexuelle Männer beschrieben. Dabei geht es um Beleidigung, Anspucken, körperliche und psychische Gewalt. Jungen Menschen, die Angst davor haben, ihre Sexualität offenzulegen, dürften solche Szenen noch mehr Sorgen bereiten, weshalb an dieser Stelle eine Trigger-Warnung geäußert wird (die leider im Buch fehlt).

Liz berichtet von Helmuts und Enzos Liebesgeschichte, und in der Gegenwart erzählt Paul aus seiner Sicht. Die Vergangenheit löst im Leser viele Emotionen aus –ungläubiges Kopfschütteln über das menschenverachtende Verhalten der damaligen Justiz ist wohl am häufigsten dabei. Demgegenüber steht jedoch Pauls Geschichte, die nicht so richtig fruchten will. Seine innere Heilung ist lückenhaft und der Austausch mit Jonas, eben jenem ehemals besten Freund, ist nicht wirklich verständlich; man hat das Gefühl, als würden einige Informationen fehlen, um deren Beziehung vollends zu verstehen.

Fazit

Obwohl man mit Paul und Liz schnell warm wird und Helmuts Geschichte packt, ist es doch kein einfaches Buch. Viele Emotionen werden geweckt, und der Umgang mit homosexuellen Männern in den 1950ern (und später) ist schwer zu ertragen. Doch eine Aufarbeitung ist wichtig, und dieses Buch bietet die Möglichkeit dazu.

Mut. Machen. Liebe.

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