Scarlett & Browne: Die Outlaws

Erschienen: April 2021

Bibliographische Angaben

Originialausgabe erschienen unter dem Titel The Outlaws Scarlett and Browne #1; aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung; Hardcover, 448 Seiten

ISBN: 9783570165966

Couch-Wertung:

8
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Sabine Bongenberg
Spannende, bunte Räubergeschichte mit ein bisschen viel Geheimniskrämerei

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jun 2021

Scarlett McCain nennt sich manchmal Jenny Blackwood, öfters auch Jane Oakley und gerne auch mal Alice Cardew, denn je nachdem welches kriminelle Unternehmen sie gerade starten möchte, muss sie natürlich ein wenig „flunkern“. Das bringt der Beruf eben so mit sich. Ausnahmsweise arbeitet sie aber mal unter ihrem richtigen Namen, als sie Albert Browne, den einzigen Überlebenden eines schweren Busunglücks, aus den Trümmern des Fahrzeugs befreit. Danach will sie den Jungen eigentlich schnell wieder loswerden und denkt sogar darüber nach, mit ihm auf dem Sklavenmarkt eine schnelle… nein, das hatte sie eigentlich nicht wirklich gewollt, aber man darf doch mal darüber nachdenken!

Eigenartig aber, dass Albert irgendwie von dieser Idee Wind bekommen hat, obwohl Scarlett doch nie etwas davon zu ihm gesagt hatte, eigenartig auch, dass Albert sich über vieles freut, was für Scarlett selbstverständlich ist: Grüne Wälder, ein farbenprächtiger Sonnenuntergang, die Schönheit einer Flusslandschaft. Fast könnte man glauben, er sei lange Zeit irgendwo eingesperrt gewesen. Fast könnte man auch glauben, dass Scarlett seit ihrem letzten Raubzug vom Pech verfolgt ist, denn ihre Verfolger hängen ihr derzeit wirklich hartnäckig an den Hacken. Es wäre aber doch vollkommen unsinnig zu glauben, dass das irgendwie mit dem naiven, netten Albert zusammenhängen könnte. Oder etwa doch?

Das gute, alte England – mit seiner menschenfressenden Tierwelt

Viele kennen den britischen Autor Jonathan Stroud bisher von seinen Geschichten über den Dschinn Bartimäus, der gemeinsam mit dem Zauberschüler Nathanael so einige Abenteuer zu bestehen hatte oder auch von der „Lockwood-Agentur“, die sich auf die Vertreibung von Geistern spezialisiert hatte. In seiner neuen Serie erzählt Stroud von einem England, das nach der „großen Verheerung“, die offensichtlich weltweit für Tod und Vernichtung sorgte, wieder versucht, zumindest einigen ein normales Leben zu bieten. Diese Normalität ist allerdings nicht mehr die, die wir kennen: Ein soziales Gefüge existiert nicht mehr, wer sich allein sieht, muss sich entweder durchschlagen, endet alsbald auf dem Sklavenmarkt oder wird in einer finsteren Ecke verscharrt und selbst die bisher harmlosesten und possierlichsten Wildtiere – wie zum Beispiel die Otter – sind so mutiert, dass sie jetzt eine lebensbedrohliche Gefahr für den unaufmerksamen Bootsfahrer ausmachen. Die schöne, neue englische Welt erinnert abschnittsweise an ein besser organisiertes und saubereres Mittelalter, dessen Monster und Gefahren aber jetzt unverblümt am helllichten Tag auftreten.

In dieser Welt hat es die rothaarige, rotzfreche Göre Scarlett geschafft, in einer finsteren Nische zu überleben und natürlich muss sie auch deren Gesetze beachten. Scarlett kann, wenn es darauf ankommt, einer Fliege ein Auge ausschießen und das sollte auch derjenige beachten, der sie zur Strecke bringen will, hat sie doch generell kein Problem damit, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Den Kontrast dazu bildet der sanfte, naive Albert Browne, der mit großen Augen staunend in die Welt zu blicken scheint und auf den ersten Blick so hilflos wie ein Baby in einem Rudel von Wölfen wirkt.  Dieses eigenartige Gespann durchquert ein bedrohliches, wildes, aber nunmehr auch grandioses England auf der Suche nach einer kleinen Zuflucht, die dem Menschen, die etwas „anders“ sind, ein sicheres Zuhause bieten kann.

Jonathan Stroud berichtet spannend und gekonnt über diese abenteuerliche Reise und es ist klar, dass der Schöpfer des Dschinns Barthimäus eine gut erzählte Geschichte vorlegt. Dennoch ist es gerade diese Routine, die ihm hier ein wenig in die Quere kommt, denn einerseits liegt die Messlatte nach seinen vorherigen Werken sehr hoch und andererseits ist natürlich auch klar erkennbar, wie Stroud hier die Spannungsbögen konstruiert. Die Geheimnisse seiner Helden treten so beispielsweise nur schrittweise zu Tage, eine Erklärung über das jetzt „verheerte“ England wird nicht geliefert; der Leser erfährt sehr wenig über das Vorleben seiner Helden und nichts darüber, warum die Gesellschaft jetzt alle Menschen, die nicht ganz dem „Durchschnitt“ entsprechen, noch brüsker als jemals vorher ablehnt. Es ist ganz klar: Scarlett und Browne sind nicht auf einen Band angelegt und so muss der Leser hinnehmen, dass beispielsweise von gefräßigen bedrohlichen Vögeln, die den Flussreisenden attackieren und von zombieartig mutierten Menschen so beiläufig gesprochen wird, als hätte der Flussfahrer der heutigen Zeit ein paar Graureiher passiert, die gerade einen Fisch erbeutet haben. Die Erklärung für diese Entwicklung wird irgendwann nachgereicht werden – aber das kann halt noch etwas dauern.

Fazit

Das schön und altmodisch aufgemachte Auftaktabenteuer von dem neuen Heldenduo Scarlett und (Albert) Browne erzählt eine bunte, lebendige Geschichte von – wenn wir es genau nehmen – zwei delinquenten Jugendlichen, die aber so frisch, respektlos und charmant auftreten, dass alle Leser natürlich auf ihrer Seite stehen. Stroud bietet eine abenteuerliche Reise durch ein komplett verändertes England und auch wenn die Auftaktgeschichte an sich abgeschlossen ist, freut sich bestimmt auch jeder andere Leser mit mir auf die nächsten Bände, auf neue Abenteuer, aber auch auf Erklärungen, was mit dem England, das wir doch ein bisschen kannten, passiert ist.

Scarlett & Browne: Die Outlaws

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