Im Schatten des Löwen

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

übersetzt von Rolf Erdorf; Hardcover, 352 Seiten

ISBN: 9783772528651

Couch-Wertung:

7
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Sabine Bongenberg
Emanzipation in der Steinzeit

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jun 2021

Junhi hat einen großen Berufswunsch – wenn man so will. Denn in ihrer Zeit, da gibt es noch nicht allzu viele Berufe, lebt sie doch nach unserer Zeitrechnung rund 28.000 Jahre vor Christi Geburt und damit in der Steinzeit. Junhi könnte also Jägerin werden und hätte sicherlich auch das Talent dazu, aber tatsächlich möchte sie eine „Träumerin“ werden. Ein Träumer spielt eine besondere Rolle in seinem Stamm, kann er doch in seinen Träumen Wichtiges vorhersehen. Er „träumt“, ob sich eine ersehnte Beute nähert, ob eine Jagd gelingen wird oder ob sich ein drohendes Unheil zusammenbraut. Der Träumer ist dann auch derjenige, der seine Traumbilder an den Höhlenwänden festhält und die Bilder von Löwen, Mammuts, Riesenelchen und überhaupt von den Tieren schafft, die ihm in seinen Träumen begegnen. Er hat somit eine wichtige Aufgabe zu erfüllen und natürlich kann nicht jeder diese Rolle ausfüllen. Junhi ist dennoch fest davon überzeugt, dass sie dem gewachsen ist, aber sie muss einen hohen Preis für ihren innigen Wunsch zahlen.

Spannender Blick in die Steinzeit

Die niederländische Autorin Linda Dielemanns zeigt mit ihrem neuen Werk Im Schatten des Löwen, dass der selbstbestimmte Kampf um eine besondere Aufgabe offensichtlich keine Erfindung der Neuzeit ist. Junhi, die bereits früh ihre Eltern verlor und sich innerhalb der Gruppe in vielen Bereichen alleine durchschlagen musste, verfolgt hier ihren regelrechten eigenen Traum, ihre Träume als Zeichnungen auf die Höhlenwände zu bannen. Verschiedene steinzeitliche Werke werden dann auch jeweils den Kapiteln vorweg gestellt und ihre Fundorte in einem eigenen Anhang noch einmal erklärt. Gut gefiel mir auch, dass die Autorin einiges über die Maltechnik dieser Werke berichtet. Sie schloss sich auch der Theorie an, dass die Höhlenmalerei nicht nur einem künstlerischen Zeck diente, sondern möglicherweise auch dazu beitragen sollte, die dargestellten Tiere erfolgreich zu jagen. Wer also diese Darstellungen auf den Stein bannte, der leistete dem Stamm eine wichtige Unterstützung. Hier hätte ich mir allerdings gewünscht, dass diese Information ein wenig deutlicher vermittelt wird. Lange Zeit war mir nämlich gar nicht so recht klar, warum Junhi denn unbedingt eine Träumerin werden wollte und was deren Aufgabe dann eigentlich ist.

Dennoch läuft nicht alles in Junhis Leben so glatt, wie man es sich wünschen möchte. Da müssen verschiedene Widerstände gebannt werden und das heranwachsende Mädchen fühlt sich auch – wie ihre Altersgenossinnen der heutigen Zeit – manchmal wie ein Blatt im Winde. Für sie stellt sich die Frage, ob es nicht auch toll wäre, anstelle der „Karriere“ doch lieber eine eigene Familie zu haben. Zu Junhis Zeit schlossen sich diese beiden Berufsbilder – anders als heute – aus. Hier durchlebt der Leser mit ihr das Gefühl des Hin- und Hergerissen seins, empfindet sie doch für den attraktiven Jerrik schon große Gefühle.

Linda Dielemanns beschreibt alle diese Entwicklungen, aber für meinen Geschmack bleibt Junhi immer ein wenig distanziert und auch der Leser immer ein wenig fern der Handlung. Möglicherweise liegt das daran, dass Junhis Geheimnisse und die Geschichte ihrer Entwicklung mühsam aus dem Buch entlockt werden müssen und einiges erst sehr spät in Erfahrung gebracht wird. Dadurch fehlt manchmal das Tempo, das eine spannende Erzählung noch lebendiger gestalten könnte. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass mir einfach ein wenig der Draht zu Junhi fehlte. Ich fand den Roman durchaus spannend – aber für mich fehlte der letzte Kick, der ein Buch nicht mehr nur „durchaus spannend“, sondern einfach „fesselnd“ macht.

Fazit

Linda Dielemanns erzählt eine interessante und gut aufgebaute Geschichte über das Erwachsenwerden und die Selbstbestimmung während der Kindheit der Menschheit. Ihre Heldinnen und Helden lebten weit vor unserer Zeit, dennoch durchlebten einige ähnliche Probleme und Scheidewege, wie wir sie auch kennen. Aber selbst, wenn die großen und kleinen Probleme auch irgendwann vergangen sind, so sind doch die Zeugnisse der Menschen dokumentiert in grandiosen Höhlenmalereien geblieben. Eine Leistung des Buches besteht dann auch darin, dass man sicher diese Zeichnungen zukünftig mit anderen Augen sieht.
 

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