Im Bett mit der Welt

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

Broschur, 224 Seiten

ISBN: 9783733550127

Couch-Wertung:

5
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Sandra Dickhaus
Eher eine grenzwertige Schilderung des Sexuallebens Jugendlicher als die Erforschung der Folgen von Cybermobbing

Buch-Rezension von Sandra Dickhaus Jun 2021

Ein Youtuber, der sich als Autor versucht, kann das funktionieren? Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Im Vorfeld ist zu klären, ob man Jonas Wuttke schon kannte oder durch Zufall auf dieses grelle, pinke Buch gestoßen ist. Auch der Klappentext liest sich zunächst angenehm. Er schildert eine Liebesgeschichte zwischen den Teenagern Vincent und Jessi, die ihre erste richtige Beziehung führen und absolut euphorisch alles teilen. Vincent kommt auf die Idee, ihr Liebesspiel im Internet live zu streamen, doch das erweist sich als belastender für die junge Liebe, als zunächst erwartet.  Was als Abenteuer gedacht war, greift nun in deren Leben ein und zerstört fast alles.

Ein Debütroman über die Gefahren des Abdriftens

Mit diesen Informationen wird man zu Beginn abgespeist und dem Hinweis, dass es sich um einen kritischen Jugendroman handele, der sich mit dem Thema Cybermobbing und Social Media beschäftige. Wenn es nur das wäre, wäre es ja löblich! Allerdings beginnt der Roman damit, dass Vincent nackt auf der Flucht ist ­– vor wem, weiß man noch nicht. Zunächst irritieren die Beschreibungen der Bewegungen seines Geschlechtsteils noch, aber danach merkt man, dass sich diese, nennen wir es Offenheit, in der kompletten Geschichte zeigt. Um es kurz zu fassen: die Schilderungen von Jonas Wuttke, der die Figur des Vincent erschaffen hat, ergeht sich auf über 200 Seiten in sehr intimen, phantasievollen und wirklich intensiven pornografischen Darstellungen, die jegliche Einzelheit offen legen.

Der Protagonist Vincent hat zuvor erst zwei Mal mit einem Mädchen geschlafen, bis er Jessi kennenlernt, dann legt er aber mit ihr richtig los. Danach loggt sich Vincent, der sowieso von dem Konsum von Pornos absolut geblendet ist, mit dem Konto seines volljährigen Bruders auf eine Internetseite ein, auf der das Paar seine Liebesspiele live streamen kann. All das mag ja sein, aber dann verdienen sie Geld damit, wenn ihnen ein User sagt, was sie zusammen machen sollen.

Bildet das wirklich die Lebenswelt von Jugendlichen ab? Bestimmt nicht!

Mal ganz ehrlich, wenn dies eine Kritik an Social Media und Cybermobbing sein soll, warum muss der Geschlechtsakt gefühlt tausend Mal in allen Facetten und mit eher fragwürdigen Praktiken für gerade erst erfahrungsammelnde Jugendliche geschildert werden? Die Idee ist ja löblich, aber die Umsetzung hat absolut nicht funktioniert. Deswegen kann man auch nicht wirklich Mitleid haben, als Vincent angefeindet wird. Für so aufgeklärte Jugendliche, wie sie hier geschildert werden, sollte dies doch eigentlich klar sein. Und mal ganz ehrlich: Wer streamt sich im Alter von 16 oder 17 Jahren live beim Sex? Die Protagonisten werden dargestellt, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Was für ein Bild vermittelt das bitte der Zielgruppe dieses Jugendbuchs? Ein völlig falsches auf jeden Fall. Auch die Reaktionen der Eltern auf diese Aktion sind, gelinde gesagt, sehr abgemildert, es scheint sie nicht wirklich zu interessieren, Stress gibt es nicht. Am Ende steht man genauso da wie zu Beginn. Die Fragen, die man sich vor dem Lesen stellt, die mit den Aspekten Cybermobbing oder der Kritik zu Social Media zu tun haben, werden in keiner Weise beantwortet. Man quält sich durch die verdorbenen Phantasien eines Jugendlichen und mehr nicht!

Fazit

Ein Roman mit einem guten Grundgedanken, der aber vor diesem Hintergrund gescheitert ist. Er bildet eine falsche Wirklichkeit ab und liest sich eher wie ein schlechter Porno denn einer kritischen Auseinandersetzung mit Cybermobbing oder der Frage, was eigentlich Liebe ist.

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