Dunkelnacht

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

Hardcover, 112 Seiten

ISBN: 9783751200530

Couch-Wertung:

10

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Sabine Bongenberg
Ein aufwühlendes und bewegendes, aber auch sehr verstörendes Werk

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2021

April 1945 – das Dritte Reich liegt in Scherben und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Vorhang endgültig und abschließend fällt. Dennoch hat die Führerriege die Parole ausgegeben, dem Feind bis zuletzt erbitterten Widerstand entgegenzusetzen und nichts als verbrannte Erde zu übergeben. Aber es gibt doch einige, die an ein neues Morgen denken und einer ohnehin schon längst verlorenen Sache nicht noch weitere Menschenleben opfern wollen.

In der bayrischen Kleinstadt Penzberg folgt daher eine kleine Gruppe verantwortungsbewusster Menschen einem Radioaufruf, den vorrückenden Amerikanern keinen weiteren Widerstand entgegenzusetzen und zugunsten ihrer Bürger geordnet zu kapitulieren. Aber die einrückenden Amerikaner sind doch noch weiter entfernt, als gedacht und die Wehrmacht fest entschlossen, alle Befehle der Parteispitze in blindem Gehorsam umzusetzen. Es sind aber nicht allein deren drakonischen Strafen, die denjenigen drohen, die ein weiteres Mal den Geboten der Vernunft und der Menschlichkeit folgen. Die Terrorgruppe der „Werwölfe“, eine Guerilla-Organisation des Dritten Reiches, die grundsätzlich hinter den Linien gegen feindliche Soldaten kämpfen soll, greift ebenfalls blind und willkürlich nach denen, die der Partei nicht genehm sind. Ein Tag und eine Nacht und Penzberg ist nie mehr das, was es einmal war…

Über ein Massaker

Kirsten Boie – sonst bekannt durch viele fröhliche Jugendbücher – hat sich hier einem sehr ernsten Thema zugewandt. Sie beschreibt ein Massaker, das sich tatsächlich kurz vor Kriegsende in der oberbayrischen Kleinstadt Penzberg ereignete. Verblendete Schergen des Dritten Reichs ermordeten innerhalb eines Tages und einer Nacht siebzehn Menschen – Frauen, Männer und ein ungeborenes Kind. Begangen wurden die Morde einerseits von der Wehrmacht, die weiterhin blind ihren Befehlen folgte, sowie andererseits von den „Werwölfen“, die verblendete Lynchmorde ohne jede gesetzliche Legitimation begingen. Boie richtet sich in weiten Teilen nach der Dokumentation der anschließenden Prozesse; erfunden oder geändert wurden lediglich die Hauptakteure: Gustl, Schorsch und Marie, drei Jugendliche, die das Massaker in Penzberg mit erlebten. Mit den beiden zuletzt genannten beginnt dann auch der Roman. Wir lernen Marie und Schorsch bei ihrem ersten richtigen „Date“ kennen und beide wären so gerne mondän und „cool“ und sind doch eher unsicher und schüchtern. Sie sind Kinder ihrer Zeit, natürlich sind auch sie von der Gehirnwäsche der Nazis beeinflusst und dennoch möchten sie auch gerne einfach nur jung, verliebt und fröhlich sein.

Dennoch zeigt sich alsbald, dass hier keine harmlose Liebesgeschichte innerhalb einer dunklen Zeit erzählt wird. Boie verfasst ihre tagebuchartige Geschichte im Präsens, und benutzt knappe, harte Sätze, die an einen atemlosen Bericht erinnern. Sie stellt – wie in einem Protokoll – die Akteure jeweils zu Beginn der Kapitel namentlich vor, greift aber ihrem sachlich gehaltenen Bericht immer wieder vor, in dem sie düstere Andeutungen auf zukünftiges Unheil macht. Im Leser löst das schnell ein Gefühl der Beklemmung aus. Schnell ist klar, dass sich diejenigen, die wiederum um eine friedliche und menschliche Lösung bemühen, in eine tödliche Gefahr begeben. Immerhin – Boie zeigt auch auf, dass es selbst in deren Angesicht Freundschaften und selbstlose Unterstützer gab.

Der Leser erhält auch einen kurzen Einblick in die Köpfe der Täter. Das passiert anhand des Gustl, der so alt wie Marie und Schorsch ist, aber schon zum Spießgesellen der Mörder wird. Auch Gustl war ein bisschen in die Marie verliebt und eigentlich hätte er ihr noch ein bisschen besser gefallen als der etwas brav anmutende Schorsch. Gustl aber hat sich auf die Seite der Werwölfe geschlagen, er will kein Kind sein, sondern ein Held, der die „Vaterlandsverräter“ bestraft, der endlich die „Schande“ seiner kommunistischen Eltern ausmerzen kann und der doch feststellen muss, dass es für kaltblütige Morde etwas mehr bedarf.

„So also ist der Tod. Ist so ganz ohne Würde. Und dann schon der Nächste, der Nächste…der Gustl dreht sich weg, sein Magen will nicht aufhören, kommt nur noch Galle, aber das Würgen bleibt. Er hat sie gekannt, alle drei...“

Was Boies Erzählung neben den Schilderungen der Erschießungen und der Lynchmorde so aufwühlend macht, ist das beim Leser entstehende Kopfkino, wenn er liest, dass die Opfer gar nicht zu verstehen scheinen, was ihnen bevorsteht, dass Frauen um das Leben ihrer Männer betteln und die ganz „Hartnäckigen“ kurzerhand neben ihnen gehängt werden. Furchtbar ist auch zu erfahren, wie die Mörder anschließend beim Schnaps beieinander sitzen und feixend die „Erfolge“ ihrer Menschenjagd feiern. Dem gegenüber stehen die zu Tränen rührenden Gedanken über die Verletzlichkeit des menschlichen Lebens im Angesicht des Todes durch den Strick und des grölenden Lynchmobs:

“Der Mensch ist ein zerbrechliches Geschöpf ein Wunder eigentlich, dass ihm nicht mehr passiert. Hat so eine dünne Haut nur, ist so verletzlich darunter. Hält nicht viel aus, der Mensch mit seinem schwachen Genick, dauert nicht lange, aber ist nicht sofort….“

Es bleibt während der schrecklichen Taten immerhin noch die Hoffnung des Lesers, dass die Täter nach Kriegsende ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden. Aber auch hier hat Boie recherchiert: Die Täter, die identifiziert wurden, kamen ohne größeres Strafmaß davon, ein großer Teil der Beteiligten dürfte unerkannt geblieben sein. Auch im heutigen Penzberg ist nichts groß geblieben, was an die Schrecken der letzten Apriltage 1945 erinnert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch einmal als Anlass genommen wird, zumindest das zu ändern.

Fazit

Ich vergebe hier die Höchstbewertung, und zwar weil es einfach nicht möglich ist, diese berührende, grausame und bewegend erzählte Geschichte anders zu bewerten. Dennoch bin ich nicht der Meinung, dass tatsächlich schon Jugendliche ab 15 Jahren die Zielgruppe dieser Geschichte sein sollten, denn meiner Einschätzung nach ist dieses Buch zu verstörend. Als Erwachsene berührt und entsetzt mich der Roman, dennoch halte ich das als Erwachsene aus. Ich glaube aber, als Jugendliche hätte ich vierzehn Tage geweint.

Dunkelnacht

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Letzte Kommentare:
31.03.2021 09:08:36
Gustav T.

27.04.1945
Ein Junge und ein Mädchen treffen, küssen sich auf offener Straße. Das Ende des Kriegs naht, das wissen eigentlich alle in Penzberg. Das wissen auch die Soldaten der Wehrmacht, die Penzberg auf dem Weg zur Alpenfestung durchqueren. Und auch die in der Nähe stationierte Untergrundorganisation Werwolf weiß das eigentlich.

28.04.1945
Die Freiheitsaktion Bayern übernimmt den Reichssender und verkündet das Ende des Kriegs. In Penzberg fallen die letzten Hemmungen, der Bürgermeister von vor 1933 wird ins Amt gehoben. Die Wehrmacht ist ratlos. Kurze Zeit später ist der Reichssender wieder fest in nationalsozialistischer Hand und die Wehrmacht in Penzberg nicht mehr ratlos. Auch der Werwolf hinzugezogen.

Bis zum Morgen des 29.04. ereignen sich der vielleicht dunkelste Tag und im Anschluss die sicherlich dunkelste Nacht der Stadt. Frei nach dem Motto, wen mag ich nicht, werden Nachbarn, mutmaßliche Sozis und Kommunisten auf Exekutionslisten geschrieben. Bitter, dass hier keiner gespoilert hat, denn am 30.04. kamen tatsächlich die Amerikaner.

Kirsten Boie erschafft ein sehr besonderes, unfassbar intensives Buch zu einer wahren Dunkelnacht. Mit umfangreicher Recherche hat sie die Geschehnisse aufgearbeitet. Die 128 Seiten lesen sich viel zu schnell weg. Geballtes Grauen findet seinen Weg durch die Zeilen. Die Kapitel sind beinahe wie Akte eines Theaterstücks aufgebaut mit Personenangaben, wer in der Szene mitspielt. Der Buchschnitt ist ebenfalls ausgefallen und am Ende wartet ein erschütternder Anhang. Die fiktive Geschichte von Marie, Gustl und Schorsch gibt dem ganzen noch eine persönliche Note.

Positiv hervorheben möchte ich außerdem die sprachliche Ausgestaltung. Dadurch entsteht eine bayrische 40er-Jahre Provinzatmosphäre.

Ganz und gar nichts für schwache Nerven, aber sehr lesenswert. Ein literarischer Reminder an unsere Pflicht für den Frieden zu kämpfen.

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