Das Camp der Unbegabten

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

Hardcover, 320 Seiten

ISBN: 9783522202633

Couch-Wertung:

6
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Julian Hübecker
Selbstvertrauen ist alles

Buch-Rezension von Julian Hübecker Apr 2021

Bjarne möchte unbedingt fliegen und sich so in eine Liste begabter Jugendlicher einreihen, die überall auf der Welt auftauchen. Dafür springt er sogar von einer Brücke – von einer über 17 Meter hohen Brücke. Er bricht sich den Fuß, realisiert aber nicht, wie schädlich sein Wunsch ist – bis er ins Camp für Unbegabte kommt und Freunde findet.

„Bjarne dagegen wollte fliegen. Würde ihn dazu zu einem Star machen, wäre das okay, aber Hauptsache, er flog.“

Bjarne wird bald vierzehn und hat damit statistisch gesehen die größte Chance, um eine Begabung zu entwickeln. Doch er will nicht irgendeine, sondern unbedingt das Fliegen. Nach der Somnale-Begabungs-Theorie wird die Begabung freigesetzt, wenn diese dringend benötigt wird – etwa bei einem Sturz von einer hohen Brücke. An seiner Seite ist sein bester Freund Luca, der ebenfalls begabt sein möchte, um den hohen Erwartungen seiner Eltern zu entsprechen. Beide springen – und können froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist, als ein gebrochener Fuß.

Luca übersteht den Sturz unverletzt und kann gerade so Bjarne vor dem Ertrinken retten – auch, weil sich genau in dem Moment seine Begabung entfaltet: Er kann in der Dunkelheit sehen. Von nun an ist er ein Star, bekommt Werbeverträge und wird am begehrten Internat Hohenfels für Begabte aufgenommen. Von nun an leben die Jungs in unterschiedlichen Welten, und Bjarnes Wunsch, endlich begabt zu sein, wird unermesslich – und bringt ihn noch einmal in Lebensgefahr.

Um ihn vor sich selbst zu schützen, wird er schließlich ins Sommercamp für Unbegabte geschickt, wo die Jugendlichen lernen sollen, dass es okay ist, wenn man unbegabt ist, da in jedem Fähigkeiten stecken, die ihn einzigartig machen. Bald macht sich jedoch eine Negativstimmung gegenüber Begabten breit, und Bjarne muss sich fragen, auf welcher Seite er steht – und ob Luca überhaupt noch sein bester Freund sein kann?

Gut erzählt, mit einigen Störfaktoren

Auf welche Grundgedanken lässt sich das Buch reduzieren: Es geht um Freundschaft, die auch bestehen kann, wenn man verschiedene Leben lebt; auch eine strenge Erwartungshaltung seitens der Eltern spielt eine Rolle, da mit erwachender Begabung ihrer Kinder viel Geld und Ruhm einhergeht; vor allem geht es aber um das Selbstbewusstsein und den Wunsch, etwas Besonderes zu sein: Niemand braucht sich hinter anderen zu verstecken, das soll das Buch vermitteln.

Und ja, all diese Elemente bringt Boris Koch wunderbar zusammen und verpackt sie in ein gut lesbares Science-Fiction-Buch, das sich auch noch in eine kleine Krimi-Geschichte ausweitet, die gut hineinpasst. Aber puuh, sowohl über Bjarne als auch über seine Eltern kann man nur den Kopf schütteln: Ob der Autor ihre Wünsche so überspitzt darstellen wollte, dass sie schon an Zwanghaftigkeit grenzen, oder einfach kein Maß gefunden hat, muss jeder für sich entscheiden; aber die Eltern will man wiederholt stark schütteln, damit sie wieder etwas Ordnung ins Oberstübchen kriegen. Bjarne ist in seinem Wunsch noch extremer und hier fehlt das Gleichgewicht, da er im Camp fast schon über Nacht eine 180-Grad-Wendung durchmacht, die man nicht so wirklich abkauft.

Allgemein liest sich die Geschichte sehr flott, wenngleich man über die ein oder anderen textlichen Abenteuer stolpert, etwa: „Es war Anfang April, unangenehm kühl und dunkel wie in einem Elefantenrüssel“ oder „(…) auch wenn er sagen hätte können (…)“ – letzterer Satzteil ist grammatikalisch zwar nicht falsch, aber gerade für ein Jugendbuch wünscht man sich doch mehr Klarheit in der Formulierung.

Zum Schluss ist man dann doch sehr irritiert, dass Bjarne offenbar nichts aus seiner Geschichte gelernt hat, und auch seine Eltern entwickeln sich nicht wirklich weiter. Da fragt man sich doch, welche Lehre man aus dem Buch ziehen soll und ob das überhaupt das Ziel des Autors war.

Fazit

Im Grunde ist Das Camp der Unbegabten ein süffig erzähltes Buch, das man gerne liest. Textliche Schnitzer und ein sehr unbefriedigendes Ende könnten den Lesespaß aber bremsen.

Das Camp der Unbegabten

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