Tears of Light

Erschienen: Februar 2021

Bibliographische Angaben

Broschur, 320 Seiten

ISBN: 9783492705745

Couch-Wertung:

7
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Sabine Bongenberg
Sehr viel Märchen

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Feb 2021

Wer meint, dass jetzt zu Zeiten des Corona-Lockdowns das Leben so richtig hart zuschlägt, der sollte sich einmal Lennox‘ Geschichte durchlesen: Nach dem Tod seiner Mutter begann bei ihm eine eigenartige Lichtempfindlichkeit, die dazu führte, dass der kleinste Sonnenstrahl und sogar künstliches Licht Verbrennungen hervorrufen können. Daher ist Lennox an die Wohnung gefesselt. Der Vater ist ständig verreist, die Oma kann sich auch nicht um alles kümmern.

Früher stand er kurz vor dem Abi, hatte gute Chancen bei den Mädchen, alles sah super aus und jetzt? Alles dahin. Lennox lässt sich hängen und hat keinen Bock mehr. Er will keine weiteren Therapien mehr, er will niemanden um sich herum haben, er will die Decke über den Kopf ziehen und seine Ruhe. Da schlägt ihm sein Vater eine eigenartige Wette vor: Er hat noch eine letzte Haushaltshilfe im Ärmel und wenn nicht einmal sein Sohn es schafft, sie zu vergraulen, dann soll dieser im Gegenzug es mit einer letzten Therapie versuchen. Die neue Haushaltshilfe heißt Suki und kommt aus Tokio, sie spricht perfektes Deutsch – aber sie ist schon eigenartig. Wenn man es genau nimmt, ist sie sogar sehr eigenartig.

“Und vergiss nicht dein Ladekabel!“

Ava Blum beschreibt in ihrem neuen Roman eine ungewöhnliche Liebe zwischen dem ans Haus gefesselten und als Ich-Erzähler auftretenden Lennox und der eigenartigen Suki. Sie ist tatsächlich die perfekte Haushaltshilfe und ihre Kartoffelsuppe schmeckt genau wie die von der Oma. Allerdings sollte man nicht erwarten, dass sie Ironie versteht oder gar einen flapsigen Umgangston. Sagt man ihr, sie solle das Geschirr in die Spülmaschine schmeißen, nimmt sie das wörtlich. Andererseits reagiert sie sehr gelassen, wenn man sie bei der Betrachtung eines Erotik-Streifens erwischt. Suki, so schließt Lennox alsbald, muss am Asperger-Syndrom leiden, denn das passt genau auf ihr eigenartiges Verhalten.

Ich gebe zu, anfangs war ich von dieser Geschichte begeistert. Von der Frage, wie sich die beiden schwierigen Charaktere – jeder mit seinem persönlichen Handicap, aber auch mit seinen Besonderheiten – aneinander aufrichten können und wie Sukis Unterstützung Lennox dazu bringen kann, auf die Beine zu kommen und sich wieder seinem Leben zuzuwenden. Dann aber kam für mich der Absturz, und zwar genau in dem Moment, als Suki aufgrund einer Tragödie aus ihrer Erstarrung gerissen wird und selbst beginnt ihre Geschichte als zweite Ich-Erzählerin zu erzählen.

Der bisher spröde Lennox macht dann auch eine blitzschnelle Entwicklung vom Grinch zum Rosenkavalier durch und findet plötzlich alles nur noch sweeeet, zauberhaft und schnuckelig, was die kleine Japanerin macht. Diese Entwicklung kam für mich zu plötzlich. Eine Entwicklung war hier nicht zu sehen und auch die Tragödie, die zu dieser Änderung führte, wurde alsbald von Lennox – den sie am stärksten betraf – nicht einmal mehr erwähnt. Beunruhigend fand ich auch, dass eine Auseinandersetzung mit Sukis Besonderheit gar nicht stattfindet. Als die kleine Japanerin sehr eifersüchtig und betroffen reagiert, als sie erfährt, dass Lennox auch schon andere Freundinnen hatte und es durchaus nicht ungewöhnlich ist, dass sich Menschen – nicht nur unseres Kulturkreises – mehrfach verlieben können, ist das für sie ein harter Schlag. Gesprochen wird aber über dieses Thema nicht.

“Dieser Kuss soll uns für immer und ewig zusammenhalten.“

Besonders schade fand ich, dass es die Autorin auch in der Hand hatte, eine besondere Geschichte über den Umgang mit der Herkunft der Heldin und ihrer mehr als ungewöhnlichen Eigenart zu schreiben, sich aber letztendlich auf die reine – märchenhafte – Liebesgeschichte beschränkte. So wird zwar ein Strang aufgebaut, in dem Suki in große Schwierigkeiten gerät, sich wegen ihrer Besonderheiten selbst helfen kann, aber dazu folgt keine Aufarbeitung mehr. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Autorin diesen Faden weiter spinnt: Wie geht die Gesellschaft mit einem Geschöpf um, das nicht alles hinnimmt, sich wehrt und damit möglicherweise einen Menschen – wenn auch einen bösen – verletzt? Das wäre eine spannende Frage gewesen, aber leider passiert dazu überhaupt nichts.

Blum beschränkt sich vielmehr darauf, ein reines Märchen zu erzählen und das betrifft nicht nur Suki sondern auch Lennox. Für seine Probleme finden sich auch unerwartete und im Prinzip banale Lösungen und so könnten alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Wenn auch vollkommen unklar ist, wie sich dieses Ende aller Tage gestalten will. Aber so weit wird hier nicht gedacht. Die Geschichte ist – wie eben im Märchen – eine Momentaufnahme.

Fazit

Ava Blum präsentiert eine Geschichte, die viele spannende Möglichkeiten gehabt hätte, aber diese leider nicht nutzt. Was bleibt, ist eine märchenhafte Liebesgeschichte, in der sich auf wunderbare Art und Weise die Probleme in Luft auflösen und fast alles rosarot und blühend erscheint. Wer mit dem reinen Märchen zufrieden ist, wird diese Geschichte lieben. 

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