Wenn ich die Augen schließe

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

Broschur, 336 Seiten

ISBN: 9783743202535

Couch-Wertung:

9
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Rita Dell'Agnese
Was habe ich gefühlt?

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2020

Norah hatte Glück: Die Teenagerin überlebt einen Autounfall, wenn auch schwer verletzt. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an vieles erinnern, doch es gibt auch dunkle Stellen in ihrem Gedächtnis. Besonders ihre früheren Gefühle sind verschwunden. Norah kann nicht verstehen, weshalb sich ihre jüngere Schwester so vorsichtig bewegt in ihrer Gegenwart. Oder wieso alle erstaunt sind, dass sie sich darüber freut, wenn die Katze auf ihrem Bett kuschelt. Besonders aber kann sie sich nicht daran erinnern, wann und weshalb der Kontakt zu ihrem besten Freund Sam abgerissen ist. Sam, der doch so wichtig ist in ihrem Leben. Obwohl er ihr nur sehr verhalten begegnet, bittet sie Sam, ihr bei der Suche nach ihren einstigen Gefühlen und damit ihren Entscheidungen zu helfen.

Kann man Gefühle vergessen?

Autorin Ava Reed nimmt in ihrem Roman eine wichtige Frage auf: Kann man tatsächlich vergessen, was man einst fühlte? Und welche Folgen hat das für die betroffene Person? Ihre Protagonistin Norah ist ein idealer Charakter, um dieser Frage nachzugehen. Sie ist ein typischer Teenager, kratzbürstig gegenüber ihrer Familie und vor allem auf ihren Freundeskreis fokussiert. Der Unfall jedoch verändert ihr Leben grundlegend. Nicht nur, dass die Freunde, mit denen sie zuvor eng verbunden war, plötzlich mehr oder weniger verschwunden sind, sie muss sich auch mit ihrem eigenen Ich auseinandersetzen. Ein Ich, mit dem sie sich immer weniger identifizieren kann. Subtil schildert Ava Reed, wie Norah von der innigen Freundin Sams zu einer Mitläuferin von Jugendlichen wird, die Sam mobben. Durch die Suche nach sich selbst sieht Norah sich von „außen“ und erkennt, welch fatalen Weg sie eingeschlagen hat.

Spannend geschrieben

Die Geschichte von Norah und Sam ist flüssig und spannend geschrieben. Einmal in die Welt der beiden eingetaucht, wird es schwierig, das Buch wieder aus den Händen zu legen. Zu gerne möchte man wissen, wie sich Norah entscheidet, wenn sie ihrem früheren Charakter wieder näherkommt – wobei das mehr oder weniger auf der Hand zu liegen scheint. Doch die Vorhersehbarkeit tut der Story keinen Abbruch. Die Autorin führt ihre Leser durch das Gefühlswirrwarr, in dem sich Norah befindet. Sehr glaubwürdig sind auch die meisten anderen Figuren ausgearbeitet – insbesondere Sam, der lange auf der Hut ist, nachdem ihn Norah zutiefst verletzt hat. Etwas weniger überzeugend sind einzig einige Nebenfiguren, wie etwa Norahs kleine Schwester Luisa, deren unterwürfig-abgöttische Anhänglichkeit nicht so recht zum sonstigen Verhalten des Mädchens passen will.

Fazit

Wenn ich die Augen schließe ist ein süffiger Jugendroman, der auf eine spannende und eindrückliche Art Themen wie Mobbing, Selbstzweifel und Trauma aufgreift, ohne die Leser mit diesen schwierigen Themenkreisen zu erdrücken. Die Geschichte regt zum Nachdenken und zur Selbstreflexion an.

 

Wenn ich die Augen schließe

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