Das dunkle Flüstern der Schneeflocken

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

aus dem Isländischen von Ulrich Thiele; Broschur, 432 Seiten

ISBN: 9783743207219

Couch-Wertung:

8
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Rita Dell'Agnese
Was sich hinter der schönen Fassade verbirgt

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2020

Imogen Collins hat erreicht, wovon viele junge Frauen träumen: Sie ist eine erfolgreiche Influencerin. Täglich erscheinen neue Bilder von ihr, die von ihren Fans sehnlichst erwartet werden. Ihre Instagram-Präsenz ist aber nur eine Seite von Imogen. Die junge Frau arbeitet in einer erfolgreichen Werbeagentur, die es sich zum Ziel gesetzt hat, mit einem fein ausgearbeiteten Psychogramm der Käufer den Warenabsatz ihrer Kunden zu verbessern. Im Auftrag ihrer Firma reist Imogen nach Island, wo sie an einem Forschungsprojekt arbeiten soll. Dort trifft sie auf ihren ehemaligen Professor Mördur, den sie seit einem massiven Übergriff nur noch als Bedrohung empfindet. Als Mördur ermordet in einem Lavafeld aufgefunden wird, fällt der Verdacht auf Imogen. Nur die angehende Journalistin Hannah, die nach dem Tod ihrer Mutter gegen ihren Willen zu ihrem Vater nach Island ziehen musste, glaubt an Imogen und beginnt zu ermitteln. Sie hat keine Ahnung, dass sie damit in ein Wespennest stich.

Hinter den Kulissen von Social Media

Die junge Autorin Sif Sigmarsdóttir widmet ihrem Roman mehrere Themen: Zum einen ist da die glamouröse wie auch verstörend unechte Welt der Influencerin Imogen Collins. Geschickt macht die Autorin über kleine Einschübe auf die schöne Fassade und die Realität dahinter aufmerksam. Sie lässt Imogen ihre Fotos posten und gibt die wahren Gedanken der jungen Frau als optionale Bildunterschriften mit auf den Weg – um mit der tatsächlichen Bildunterschrift deutlich zu machen, was nur Schein ist.  Während Sif Sigmarsdóttir die künstliche Welt von Social Media enttarnt, lenkt sie den Fokus geschickt auf ein Thema, das durch die „me too“-Bewegung aus dem Schatten getreten ist: Die sexuellen Übergriffe von älteren Männern in Machtpositionen. Imogen will sich für das gestohlene Leben an Mördur rächen – doch davon ahnt Hannah, die zweite Hauptfigur nichts. Die junge Frau ist vornehmlich damit beschäftigt, ihre eigene Identität zu finden, nachdem ihre psychisch kranke Mutter gestorben ist und Hannah nun in Island in die neue Familie ihres Vaters integriert werden soll, was nicht ohne Probleme vor sich geht.

Eindrückliche Kulisse

Der Roman bekommt nicht zuletzt durch die gelungene Mischung aus dem glamourösen Leben und der eigenwillig kargen Welt Islands besondere Tiefe. Sif Sigmarsdóttir präsentiert eine eindrückliche Kulisse und einen wohldurchdachten Plot. Allerdings verlangt sie ihren Lesern einiges ab. Denn während die Handlungsstränge mit Hannah mehr oder weniger konsequent einem zeitlichen Ablauf folgen, springen jene mit Imogen hin und her. Das unterbricht den Lesefluss immer wieder und nimmt der Geschichte einiges an Spannung.

Fazit

Sif Sigmarsdóttir hat mit ihrem Schauplatz Island, der Welt von Social Media und charakterstarken Hauptfiguren, die sich mit mehreren belastenden Themen auseinandersetzen müssen, eine gute Ausgangslange geschaffen. Sie vermag es, die jungen Leser abzuholen und in eine bizarr-fremde Welt zu entführen. Mit einem etwas weniger verwirrenden Plot hätte dieses Buch zu einem echten Highlight werden können.

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