Sie mussten nach links gehen

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel They went left; aus dem Englischen von Cornelia Stoll; Hardcover, 448 Seiten

ISBN: 9783570166024

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Sabine Bongenberg
Berührendes Werk über die Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jan 2021

Seit dem Tag seiner Geburt passte Zofia Lederman auf ihren kleinen Bruder Abek auf. Sie waren ein eingeschworenes Team – Abek und Zofia – von A bis Z. Aber genauso wie sie sich an den Tag erinnern kann, an dem ihr das kleine Bündel zum ersten Mal in den Arm gelegt wurde, erinnert sie sich an den Tag, an dem sie Abek zum letzten Mal sah: Hinter Stacheldraht, umgeben von Leidensgenossen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Zofia wurde in ein anderes Lager verlegt, ihre Verbindung auseinandergerissen und sie musste fortan versuchen zu überleben.

Jetzt nach der Befreiung setzt sie alles daran, ihren Bruder wieder zu finden. Eine Odyssee durch verschiedene Lager beginnt. Zofia gliedert sich in den Strom der „Displaced Persons“ – der Heimatlosen – ein. Ihre Lage ist verzweifelt: Sollte sie jetzt auch noch ihren kleinen Bruder verlieren, nachdem ihre ganze Familie in Auschwitz in den Tod geschickt wurde? Da glimmt plötzlich ein kleiner Hoffnungsfunke auf...

Misshandlungen an Körper und Geist

Die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Monica Hesse widmet ihr zweites Buch über den Holocaust und den grausamen Ereignissen des Zweiten Weltkriegs den jüdischen Menschen und Lagerhäftlingen, die den Krieg zwar überlebt, aber neben den erheblichen Verletzungen am Körper auch Verstümmelungen an Geist und Seele erfuhren. Die Heldin Zofia, die als Ich-Erzählerin berichtet, hat verschiedene Lager überlebt, Körper und Geist sind gebrochen, Zehen mussten amputiert werden und verlassen kann sie das Heim, in dem sie nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager untergebracht war, nur mit Hilfe des jungen russischen Soldaten Dima. Hier zeigt sich auch, dass die Misshandlungen der Herrschaftsriege des Dritten Reiches nicht mit der Auflösung der Lager beendet waren. Zofia erinnert abschnittsweise an eine Schlafwandlerin, ihr Verstand war zu vielen schrecklichen Eindrücken ausgesetzt, er versucht noch, sich zu heilen, aber das braucht genau wie bei körperlichen Verletzungen Zeit.

“Was sie meinte war, ich dachte, sie hätten euch alle umgebracht.“

Monica Hesse beschreibt unplakativ aber eindringlich, wie sich der Antisemitismus nach der Befreiung fortsetzt. Da ist die Nachbarin in der alten Wohnung, die sie mit den Worten „Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht erwartet, dass einer von euch zurückkommt“ begrüßt und noch von dem „netten deutschen Ehepaar“ schwärmt, das nach den Ledermans in deren Wohnung lebte. Da sind die kleinen Hakenkreuzfähnchen, die plötzlich in den Blumentöpfen auftauchen und klar zeigen, dass die dort Lebenden der „guten alten Zeit“ hinterhertrauern. Hesse zeigt, dass nicht plötzlich alles gut war, dass nicht jeder nach dem Krieg nach Hause zurückging, sein Haus aufbaute und sein Leben ordnete. Viele Menschen, die Unaussprechliches erfahren hatten, waren auch nach der Befreiung Hass und Verachtung ausgesetzt.

Dennoch ist Zofia Lederman eine Heldin, die nicht aufgibt. Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Bruder und erkennt im Strom der Vertriebenen und Heimatlosen, dass es unter ihnen auch Solidarität und Freundschaften gibt. Sie beginnt nach vorne zu sehen, sich aber auch ihrem alten Leben zu stellen. Die Autorin schafft eine besondere Spannung durch den schrittweisen Ausbau von Zofias Erinnerungen. Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint, auch Erinnerungen können beschönigen, um zu Schreckliches zu verbergen.

Mit Zofias Rückblicken erschafft Hesse aber auch die anrührendsten Momente, die mit der Vorliebe ihrer Heldin für das Sticken verbunden sind. Oft stickte sie besonders wichtige Daten, Erlebnisse oder Sätze in die Kleider ein, die geliebte Freunde oder Verwandte trugen und schuf somit besondere – fast schon magische – Brücken in die schönsten und wichtigsten Momente der Vergangenheit. Berührend ist auch dargestellt, wie es Zofia schrittweise gelingt, die alten Verbindungen in neue Gedankenbrücken umzubauen, ohne dass die Vergangenheit vergessen und verbrannt zurück bleibt.

“Wie viel Alkohol ist da drin?“

Als besondere Leistung empfand ich, dass Hesses Werk nicht nur die schrecklichen und traurigen Momente beschreibt, sondern sich auch Zeit für die kleinen Glücksmomente des neuen Lebens nimmt. So beschreibt sie warmherzig und heiter ein Erlebnis zweier kleiner Jungen, die von einem amerikanischen Soldaten ein besonderes Geschenk erhielten:

„Die Jungen tauschen einen verschwörerischen Blick, und dann holt der, der bisher geschwiegen hat eine Flasche hervor. (…) „Das heißt Coca-Cola“, erklärt er.“ (…) Wenn man nur einen einzigen Schluck davon trinkt, hat man den ganzen Tag keinen Durst mehr.“ (…) Schwester Therese hebt mit dem Flaschenöffner die Metallkappe ab und schnuppert daran. (…) „Teilt es mit euren Zimmerkameraden. Und wenn ihr euren Durst gestillt habt und noch etwas übrig ist, bringt mir auch einen Schluck.“

Fazit

Monica Hesses Roman beginnt mit dem Punkt, wo die meisten mir bekannten Romane über den Holocaust enden: mit der Zerstörung des Dritten Reiches. Einfühlsam zeigt sie auf, wie die Befreiten oftmals weiterhin an den Folgen der Verletzungen litten, aber auch, wie es ihnen gelang, sich einer neuen Zukunft zuzuwenden. Sie mussten nach links gehen baut sensibel und berührend eine Brücke zwischen der Vergangenheit, die nicht vergessen werden darf, und einer neuen Zukunft, die das alte Leben überwinden kann.

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