Mein Bruder heißt Jessica

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel My Brother's Name is Jessica; aus dem Englischen von Adelheid Zöfel; Hardcover, 256 Seiten

ISBN: 9783737342193

Couch-Wertung:

7
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Sabine Bongenberg
Amüsante Annäherung an ein schwieriges Thema

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jan 2021

Die Familie Waver – Vater, Mutter und die beiden Söhne Jason und Sam – leben in London in der Rutherford Road No. 10 und wenn es nach Mutter Waver geht, die einen wichtigen Job als Ministerin ausübt, soll sich das alsbald ändern. Sie schielt schon lange nach einem Umzug in eine andere Hausnummer Zehn. Natürlich muss jemand, der sich auf ein so wichtiges Amt bewirbt, eine große Wählerschar hinter sich haben und mit einer untadeligen, klassischen Familie punkten können. Mit zwei gut gelungenen Söhnen ist das bisher auch keine Frage.

Aber was ist plötzlich mit dem Ältesten los? Längst schon bräuchte er einen Haarschnitt, keiner versteht, was er mit diesen albernen Haarbändern will, warum seine tolle Freundin plötzlich mit einem anderen ausgeht und vor allem, was dieses ganze Gerede mit „im falschen Körper leben“ denn eigentlich soll. Die Eltern tun das Ganze erst einmal mit einer launischen Verirrung eines Pubertierenden ab, aber der 13jährige Sam versteht die Welt nicht mehr. Bisher hat er den Boden verehrt, über den sein Bruder gegangen ist. Was also soll jetzt dieses Geschwafel mit „ein Mädchen sein wollen“?  Könnte Jason jetzt auch noch irgendwie schwul sein? Und noch viel schlimmer: ist so etwas möglicherweise ansteckend? Sam ist ratlos und wünscht sich nur eines: Es soll wieder alles so sein, wie es einmal war.

Der jüngere Bruder erzählt

Der irische Schriftsteller John Boyne, den viele bestimmt von dem Roman um den „Jungen im Pyjama“ kennen, lässt seinen Helden, den 13jährigen Sam, in der Ich-Form aus seinem Leben erzählen. Das passiert aus der reinen Rolle des Beobachters und oft hatte ich das Gefühl, dass der Ich-Erzähler gar nicht versteht, was in seinem Umfeld so von sich gegeben wird und blind zuvor Gehörtes von sich gibt. Das sorgt für komische Momente, steht aber andererseits zu den Szenen im Widerspruch, wo Sam durchaus in der Lage ist, seine Mitmenschen zu durchschauen und dann ein recht abgeklärtes Bild bietet. Manchmal entstand bei mir der Eindruck, dass der Autor sich ein wenig unschlüssig war, ob sein Held nun ein eher sechsjähriger oder doch fast schon ein eher sechzehnjähriger Junge sein sollte.

“Werden sie versuchen, mich zu ‚reparieren?‘“

Sam durchlebt eine Berg- und Talfahrt von Gefühlen, als sein Bruder offenbart, dass er laut seiner Einschätzung im falschen Körper geboren wurde und sich vielmehr als Mädchen sieht. Boyne beschränkt sich bei dieser Handlung in erster Linie darauf, was das familiäre oder schulische Umfeld bei Jasons Entscheidung empfindet: Die Eltern sehen sein Verhalten günstigstenfalls als kurzfristige Verwirrung eines Pubertierenden, die sich „von selbst erledigen dürfte“ oder im schlimmsten Fall als eine Art psychische Erkrankung, die mit Elektroschocks behandelt werden sollte.

Sam selbst durchlebt diffuse und nicht deutlich ausgesprochene Ängste, die scheinbar darauf zielen, dass er Angst hat, dass die Veränderung seines Bruders auf ihn abfärben könnte und er sich die – für den Leser auch mehrfach unklare – Frage stellt, „was denn eigentlich jetzt mit dem Penis sei.“ Sein Widerstand gegen die Veränderung des Bruders gipfelt darin, dass er dessen neues Erscheinungsbild mit einer eigenen radikalen Aktion wieder zurechtrückt und spätestens mit dieser Tat stellte sich tatsächlich die Frage nach dem Alter unseres Helden. Schade ist auch, dass bei dem ganzen Hin- und Her der Befindlichkeiten und der abstrusen Erörterungen von „Therapiemöglichkeiten“ der eigentliche Betroffene – nämlich Jason – auf der Strecke bleibt. Seine Motive oder Erklärungen, die ja eine radikale Änderung seines Lebens nach sich ziehen, bleiben damit recht farblos.

John Boyne erzählt diese Geschichte mit dem trockenen Humor seiner irischen Landsleute und verpasst hier und da der englischen Politik, deren Lifestyle und nebenher auch noch dem amtierenden Präsidenten der USA einen kleinen amüsanten Tritt vors Schienbein. Geschaffen hat er damit eine unterhaltsame Familiengeschichte, bei der aber die Fragen der Transgender und der sexuellen Selbstbestimmung zu kurz kommen und zu sehr nach der Einschätzung der Gesellschaft diskutiert werden. Die persönlichen Motive und Empfindungen der Betroffenen werden dagegen nicht überzeugend dargestellt. Vieles erscheint auch zu märchenhaft: Der große Bruder – ein begeisterter Fußballspieler lehnt die Einladung bei einem namhaften Verein zu spielen ab, denn er „wolle kein Profi werden“, eine Freundin will nicht den Modellvertrag annehmen, den man ihr nach einem Casting begeistert anbietet, denn ihr Berufswunsch ist Gärtnerin. Die Auflösung des Buches setzt dann diese Richtung fort.

Fazit

John Boyne hat mit Mein Bruder heißt Jessica ein unterhaltsames und lustiges Werk über das Erwachsenwerden in einer speziellen Familie und mit deren besonderen Herausforderungen geschrieben. Die besondere Thematik der Transgender-Frage kommt in diese Konstellation aber zu kurz und die Reaktion des Umfeldes wurde zu sehr auf Standard-Sätze reduziert. Dennoch bietet das Buch sicherlich eine mögliche erste Annäherung an dieses Thema.

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