Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel The light in hidden places; aus dem Englischen von Katharina Förs und Naemi Schuhmacher; Hardcover, 473 Seiten

ISBN: 9783458178804

Couch-Wertung:

10
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Sabine Bongenberg
Eine meisterhafte Erzählung über das Licht in einer dunklen Zeit

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Sep 2020

Die 16jährige Stefania wusste schon immer was sie wollte: Schon als Kind gefiel es ihr auf dem Land überhaupt nicht und zog daher bei ihren Schwestern in der kleinen polnischen Stadt Przemyśl ein. Eine Arbeit war im Laden der jüdischen Familie Diamant schnell gefunden. Hier half sie mit Witz und Charme aus und wurde der Liebling der freundlichen Geschäftsführerin. Dann verliebte sie sich in den Sohn Izio und war glücklich, als ihre Gefühle erwidert wurden. Alles sah nach einer rosigen Zukunft aus. Aber unsere Geschichte spielt während des zweiten Weltkrieges und mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen ändert sich alles: Jetzt lebt die Familie Diamant in einem aus dem Boden gestampften Ghetto, jeden Tag müssen die Familienmitglieder um ihr Leben fürchten und Stefania ist die einzige, die bei diesem verzweifelten Kampf helfen kann. 

Eine schwer zu tragende Bürde

Sharon Cameron beschreibt in ihrem neuen Roman die polnische Heldin Stefania Pódgorska, die gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester Helena dreizehn jüdische Menschen über Jahre hinweg versteckte, ernährte und vor der Ermordung bewahrte. Stefania – oder Fusia, wie sie liebvoll genannt wird – war erst 16 Jahre alt, als ihr diese Bürde aufgelastet wurde. Sie war diejenige, die sich immer weiter kümmerte, als sich die Anzahl ihrer Schützlinge stetig vergrößerte; besonders bedrückend ist zu lesen, dass weitaus besser gestellte Menschen drohten, sie zu verraten, wenn sie nicht noch deren jüdische Bekannte aufnehmen würde.

Fusia ließ sich aber von der damaligen Zeit nicht unterkriegen. Sie versorgte ihre Schar mit Entschlossenheit und Gewitztheit und so ist der Roman neben aller Grausamkeit auch eine Geschichte darüber, wie eine junge Frau die Boshaftigkeit ihrer Umgebung zu täuschen und zu überwinden vermochte. Charmant und frisch sind die Erzählungen, wie die geliebte Mama („Babcia“) Diamant ihren kleinen Lehrling in das „ABC des Bezirzens“ einweist und sie lehrt, so zu lächeln, dass ein junger Mann im Laden doppelt so viel einkauft, wie er ursprünglich geplant hatte. Diese Taktik soll ihr später im Umgang mit polnischen Polizisten oder mit deutschen SS-Männern ausgezeichnete Dienste leisten.

Eine mehrdimensionale Aufarbeitung eines schwierigen Themas

Die Autorin beschreibt im Abspann des Buches, dass ihr Roman auf Interviews mit der realen Stefania Pódgorska beruhte und diese Realität bemerkt man an verschiedenen, verrückten Wendungen des Buches: Solche Geschichten kann nur das Leben schreiben. Cameron berichtet ruhig und unaufgeregt und manchmal ist dieser Stil, bei dem kleine Gesten traurige Wahrheiten und schlichte Worte schreckliche Verbrechen beschreiben, schwer zu ertragen. Dennoch lassen sie nicht zu, dass ihre Heldin nur aus der schwarzen Vergangenheit berichtet. Auch hier gibt es heitere Wendungen, so als alle ihre Schützlinge durch Strickarbeiten ihren Beitrag zum Lebensunterhalt leisten müssen und sich insbesondere einige Männer als sehr geschickt erweisen. Schön ist auch, dass nicht alle Deutsche nur schwarz und böse gezeichnet wurden und auch nicht alle Verfolgten nur gut und verzweifelt waren.

Mit fortschreitender Entwicklung des Krieges dreht sich die Spannungskurve langsam nach oben. Vielleicht erscheint jetzt einiges als zu konstruiert, als zu phantastisch – aber wer will oder kann beurteilen, was hier Dichtung oder Wahrheit ist? Es ist ein Husarenstück, dreizehn Personen in einem kleinen Mietshaus zu verstecken und vor den argwöhnischen Augen der Nachbarn, der Kollegen und zuletzt sogar vor einquartierten deutschen Krankenschwestern mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und anderen notwendigen Dingen zu versorgen, und wenn hier nicht oft tatsächlich eine glückliche Wendung eingegriffen hätte, dann würde diese Geschichte heute nicht so erzählt werden. Beeindruckend ist dabei auch die Rolle der kleinen Schwester Helena, die der Frechheit Fusias in vielen Dingen nicht nachstand und genauso kess und selbstbestimmt über die Versteckten wachte.

Fazit

Sharon Cameron hat ein wunderbares Buch über großen Mut, Herzensgüte und über das Auflehnen gegen eine boshafte Umwelt geschrieben und es so großartig und – bei aller Schrecklichkeit – so spannend und mitreißend gestaltet, dass es kaum anders möglich ist, als tatsächlich zehn von zehn Punkten zu vergeben. Ein großartiges Werk über ein Licht in dunkler Zeit!
 

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