Never Doubt

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel In Harmony; aus dem Englischen von Inka Marter; Broschur, 496 Seiten

ISBN: 9783736312807

Couch-Wertung:

9

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Rita Dell'Agnese
Dem Unaussprechlichen Worte geben

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2020

Sie sind beide jung und haben beide Bekanntschaft mit Schmerz – psychischem und physischem – gemacht. Willow findet keine Worte für das, was Xavier ihr angetan hat. Seit er sie vergewaltigte, fühlt sie sich beschmutzt und nicht mehr lebendig. Ihren Eltern kann sie sich nicht anvertrauen. Denn die wissen nichts von der Party, die Willow damals heimlich veranstaltete, als sie weg waren. Außerdem ist Xavier der Sohn von Papas Chef.

Auch Isaac hat keine Worte mehr, seit seine Mutter plötzlich gestorben ist und der Vater in seiner Trauer jeden Halt verlor. Isaac ist ein Eigenbrötler und gilt als Schläger. Einzig im Theater kann er sich von seinem Schmerz lösen und ihn quasi wie ein Ventil in das Stück hinein fließen lassen. Sein Schauspieltalent verspricht ihm eine große Zukunft, daran glaubt nicht nur Isaac selber. Als der junge Mann Willow beim Vorsprechen für das Stück Hamlet erlebt, weiß er, dass sie einen ähnlichen inneren Kampf ausficht, wie er selbst. Die beiden fühlen sich voneinander angezogen, dabei will Isaac niemanden an sich heranlassen. Denn er will so schnell wie möglich weg aus der Kleinstadt Harmony.

Eindrucksvolles Szenario

Die Autorin Emma Scott hat sich ausgezeichnet in die beiden jungen, verletzten und zornigen Menschen hinein gefühlt. Sie legt in einem eindrucksvollen Szenario die beiden Schicksale offen, die durch einen schlimmen Moment so stark getroffen wurden, dass die beiden daran zu zerbrechen drohen. Einfühlsam beschreibt Scott, wie sich die beiden Protagonisten nicht nur nach und nach aneinander herantasten, sondern auch tief in ihrem Inneren den Schmerz des jeweils anderen begreifen. Dass sie ihre Heldin in die Rolle der mutigen Frauen hineinschreibt, die die „me too-Bewegung“ ins Rollen brachten, ist vielleicht etwas dick aufgetragen, angesichts der zuvor skizzierten Sprachlosigkeit, jedoch in der Geschichte durchaus stimmig.

Zweigeteiltes Buch

Den Roman hat Emma Scott in zwei Teile gegliedert: Zum einen ist es der Teil, in dem die junge Willow im letzten Highschool-Jahr in einer völlig neuen Umgebung Fuß fassen muss – ihre Eltern sind mit ihr von Manhattan in eine Kleinstadt gezogen. Zum anderen sind dies die späteren Jahre der jungen Frau, in denen sie sich Schritt für Schritt auf der Bühne bewegt und an Sicherheit gewinnt, die es ihr möglich macht, das Geschehen hinter sich zu lassen, wenn auch nicht zu vergessen. Das Schicksal von Isaac folgt einem ähnlichen Schema; auch er vermag nach und nach die Vergangenheit loszulassen und zu sich selbst zu finden.

Fazit

Never doubt ist ein eindrückliches Buch über die Sprachlosigkeit aufgrund eines schmerzvollen Erlebnisses. Die Autorin zeigt jungen Menschen einen Weg aus dieser Verletzlichkeit heraus und zeigt ihnen gleichzeitig, dass es völlig natürlich ist, sich zunächst in sich selbst zurückzuziehen. Den Außenstehenden gibt die Autorin mit auf den Weg, genauer hinzusehen, wenn sich ein junger Mensch so sehr verändert.

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