Der letzte Papierkranich - Eine Geschichte aus Hiroshima

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel The Last Paper Crane; aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel; Hardcover, 304 Seiten

ISBN: 9783038800439

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Yannic Niehr
Wie ein einziger Lichtblitz alles verändert – und wie Geschichten heilen können

Buch-Rezension von Yannic Niehr Aug 2020

Mizuki liebt ihren Großvater Ichiro über Alles – aber seit dem Tod ihrer Großmutter ist er nicht mehr derselbe. Ein altes Leid scheint auf ihm zu lasten, und entgegen aller Hoffnung setzt Mizuki alles daran, dass das Licht, das einst in ihm brannte, wieder aufflackert. Es fällt ihr schwer mit anzusehen, wie derjenige, der ihr einst vorlas und beigebracht hat, dass in Büchern eine ganz besondere Magie steckt, seine eigenen Lektionen vergessen zu haben scheint. Doch warum befindet sich nur noch eine letzte Seite in dem dicken Wälzer, den Ichiro damals von seinem Vater bekommen hat, bevor dieser in den Krieg zog und nie zurückkam? So vieles kann Mizuki gar nicht wissen – bis ihr Großvater anfängt, seine ganze Geschichte zu erzählen…

6. August 1945: An einem geschäftigen, sonnigen Sommertag sitzen der 17-jährige Ichiro Ando und sein bester Freund Hiro gemeinsam über ihren Hausaufgaben ohne zu ahnen, dass sich ihr Leben (und die Welt) in wenigen Augenblicken für immer verändern wird. Ein einzelnes amerikanisches Militärflugzeug, ein gleißendes Licht – und von einem Moment auf den anderen existieren von ihrer Heimatstadt Hiroshima nur noch Trümmer. Die beiden sind verstört, verängstigt, völlig verloren; keiner von ihnen kann wissen, was gerade geschehen ist. Was sie aber wissen: Hiros 5-jährige Schwester Keiko war gerade im Kindergarten, als es passierte. Jetzt, inmitten von Chaos, kann es nur noch ein Ziel geben, das wirklich zählt: Keiko zu retten…

„Bewahre den Blick

auf deine Vergangenheit

und schaue voraus“

Mehr soll an dieser Stelle gar nicht verraten werden, denn das würde die packende emotionale Reise, auf die einen dieses Buch mitnimmt, nur abschwächen. Die Zerstörung von Hiroshima (sowie einige Tage später Nagasaki) stellte nicht nur einen absoluten Wendepunkt des 2. Weltkrieges dar, sondern auch eine Zäsur innerhalb der Menschheitsgeschichte, denn es war das einzige Mal, dass Atombomben gegen Menschen zum Einsatz kamen. Einem Ereignis, das unbegreiflich ist und aus heutiger Sicht so fern erscheint, nähert sich Kerry Drewery auf einfühlsame Art und Weise. In kurzen und simplen, aber dadurch umso kraftvolleren Sätzen nimmt sie uns mit auf den Marsch durch die Angst, beschwört die Glut, die Asche und das Inferno herauf, führt die wie Schatten eingebrannten menschlichen Umrisse vor, beschreibt eine toxische Wüste des Verderbens, wo eben noch eine Stadt gewesen war.

Ihre Sprache bleibt dabei die eines neutralen Beobachters – wertfrei, unaufgeregt, präzise –, denn keine aufgesetzte Melodramatik könnte dem, was kaum in Worte zu fassen ist, gerecht werden. Sie lässt uns einfach nur teilhaben an Ichiros Reise, sodass wir das Davor, das Währenddessen und das Danach durch die unbedarften Augen eines jungen Mannes sehen können, der am Krieg nicht wirklich beteiligt war und im Angesicht der Hölle auf Erden doch nur sein Menschenmöglichstes tun will. Das geht so nahe, dass einem manchmal der Atem stockt – wie den Charakteren, denen die Lungen von der sengenden Luft brennen, die sie atmen.

„Echos von Taten

schwingen durch die Zeit, warten.

Warten, warten, bis …“

In ihrem Vorwort räumt Kerry Drewery ein, dass man sich vielleicht fragen könnte, was sie – als britische Autorin ohne direkten Bezug zu Japan – über Hiroshima zu erzählen hat. Doch die Tatsache, dass der Gedanke daran, der sie als kleines Kind so sehr verstört und gleichzeitig fasziniert hat, sie nie ganz losließ, bis dieses Buchprojekt zustande kam, spricht dafür, dass es sich bis heute um ein gewaltiges, historisches Trauma handelt – und dessen Aufarbeitung ist etwas, an dem jeder teilhaben kann und sollte. Denn für Drewery ist es wichtig, nicht zu vergessen, sondern sich zu erinnern – und ihrer Meinung nach tragen Geschichten dazu wesentlich bei, denn sie sind der Versuch des Menschen, der Welt, in der wir leben, einen Sinn abzuringen.

Deshalb ist wohl auch der 6. August 1945 nur zum Teil das zentrale Thema ihres Buches. Die Autorin setzt der in Prosa geschilderten Geschichte Ichiros die Rahmenhandlung um diesen als alten Mann und seine Enkelin entgegen, die in freier Versform sowie poetischen Haikus angelegt ist und gut die Hälfte von Der letzte Papierkranich ausmacht. Dadurch fügt sie eine zweite Gefühlsdimension hinzu und erschafft auf formaler Ebene ein Echo ihrer thematischen Kernanliegen um die Schuld und das Erzählen.

Und ist man dann (von Kerry Drewerys wohltuend reduziertem, feinfühligen Schreibstil und den in ihrer Zurückhaltung sehr wirkungsvollen Illustrationen Natsko Sekis zu Tränen gerührt) am Ende angekommen, hat man auch verstanden, was es mit Ichiros Buch ohne Seiten auf sich hat – und welche Fülle an Bedeutung dem letzten Papierkranich innewohnt.      

Fazit

Selten fallen Inhalt, Umsetzung und Relevanz in einem Werk auf so elegante Art und Weise zusammen. Kerry Drewery hat mit Der letzte Papierkranich ein ganz wundervolles und äußerst empfehlenswertes Buch geschaffen, das lange nachwirkt und damit ihre eigene Prämisse bestätigt - nämlich, dass wir Geschichten brauchen, um zu erinnern, zu verstehen und zu hoffen.

Der letzte Papierkranich - Eine Geschichte aus Hiroshima

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