Scherbenhelden

Erschienen: Juni 2020

Bibliographische Angaben

Hardcover, 272 Seiten

ISBN: 9783836960595

Couch-Wertung:

7

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Sabine Bongenberg
Die schwierige Grätsche zwischen Französischvokabeln und Irokesenschnitt

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Aug 2020

Nino kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als seine Eltern ab und zu Händchen hielten. Davon ist aber schon lange nicht mehr die Rede. Die so genannte „Wende“ hat in Leipzig vieles auf den Kopf gestellt, Leben haben sich verändert, Beziehungen sind zerbrochen. Seine Mutter hat diese Wende aber nicht einmal abgewartet. Sie ist schon vorher in den Westen abgehauen und hat ihn und seinen Vater zurückgelassen. Immerhin – ein paar vertraute Gestalten bleiben: Dazu gehört sein Kumpel Max und als er mit dem nach einem Ladendiebstahl vor dem Detektiv Reißaus nimmt, lernt er eine Gruppe kennen, die sich manchmal genauso kaputt aufführt, wie er sich fühlt: Die Punks von Leipzig. Alsbald fühlt er sich bei ihnen aufgenommen und willkommen, aber manchmal stellt er sich auch die Frage, ob das eine gute Idee ist…

Flucht aus dem Alltag

Johannes Herwig wuchs selbst in Leipzig auf und erlebte den Fall der Mauer als er selbst zu den Punks gehörte. Vermutlich ähnlich wie er lässt, er seinen Helden eine eigenwillige Kombination erleben: morgens Schule, mit Französischvokabeln und Klassenkameraden, nachmittags Dosenbier und billiger Fusel und die eine oder andere Schlägerei mit den „Nazis“. Schnell ist Nino von seinen neuen Kumpels begeistert und möchte gerne zu ihnen gehören, der Weg zum coolen Irokesenschnitt ist da nicht weit.

Doch bald zeigen sich die Schattenseiten der neuen Gesellschaft. Herwig zeigt schlicht und einfühlsam, dass seine „harten“ Jungs und Mädchen vor scheinbar unüberwindlichen Problemen in der Familie in die neue selbstgewählte Gemeinschaft geflüchtet sind. Die Punker werden dabei weder glorifiziert noch kritisiert. Sie sind so, wie sie sind – manchmal rüpelhaft, manchmal freundlich, manchmal lustig – und oft zu bedröhnt, um die Realität noch wahrzunehmen.

Vom Leben gebeutelte Protagonisten

An Ninos Figur zeigt Johannes Herwig auf, wie zerrissen sich ein altes Kind oder ein junger Erwachsener fühlt, der nicht weiß, was aus seinem Leben werden soll, der an vielem zweifelt und bei dem vieles Althergebrachte nicht mehr belastbar ist. Die Mutter davongerannt und trotz Grenzöffnung und Straffreiheit nicht zurückgekehrt, der Vater immer stiller und zurückgezogener und verloren in einer alten Zeit, der beste Kumpel langsam von seinen Eltern mit Reihenhäuschen und Vorgarten, der mit Nagelschere und Lineal gestutzt zu worden sein scheint, zu einem „Unternehmersohn“ gegängelt.

Nino versucht seinen Weg zu finden und stellt auf dieser Suche fest, dass weder die eine Welt komplett spießig und langweilig als auch die andere Welt nur brüderlich, abenteuerlich und spannend ist. Die große Leistung des Autors ist dabei, dass die Situation seines Helden so lebendig und realitätsnah dargestellt wird, dass der Leser jederzeit glaubt, die nächste Punkclique, die sonst am Bahnhof kampiert, wiederzuerkennen. Als kleines Manko fand ich gelegentlich, dass manchmal außer irgendwo saufen, in eine Ecke pinkeln und abhängen nicht wirklich viel passiert. Hier hätte die eine oder andere Straffung dem Buch nicht geschadet und manchmal erschienen auch die Vergleiche und Beschreibungen des Ich-Erzählers für einen 16jährigen doch sehr abgeklärt.

Während seines Hineinwachsens in die neue Gruppe lernt Nino aber auch, dass es sich bei seinen neuen Freunden, nicht um die „edlen Wilden“ handelt. Auch in dieser Clique gibt es – wie auch in seinem „normalen Leben“ – gute, böse, interessante und langweilige Gestalten und nicht alle meinen es gut mit ihm. Schön zu lesen ist hier aber, dass der Held sich selbst treu bleibt und sich weder von der einen noch von der anderen Seite verbiegen lässt.

Die richtige Mischung

Scherbenhelden ist angenehm zu lesen, vor allem dass nicht von der klassischen Abwärtsspirale berichtet wird, die nach dem Muster Falsche-Freunde-Alkohol-Drogen-Kriminalität abläuft, sondern ein austariertes Über-die-Stränge-schlagen beschrieben wird, das sicherlich einen Balanceakt beinhaltet, der aber nicht zwingend in die Katastrophe führen muss. Gut gelungen sind auch die witzigen Szenen, die belegen, dass auch hier keiner frei von Eitelkeiten ist und die Frage der richtigen Stiefel, des gut sitzenden Irokesen oder der richtigen Unterwäsche beim Einstieg in das geschlossene Schwimmbad eine nicht unerhebliche ist.

Fazit

Herwigs Scherbenhelden zeigt die Wende der ehemaligen DDR aus einem anderen Blickwinkel und aus der Perspektive eines zerrissenen Helden, der versucht in seiner neuen Welt Fuß zu fassen. Dabei wird die Geschichte anschaulich und spannend erzählt. Herwigs Helden sind voller Ecken und Kanten und vielleicht passen sie auch nicht überall hinein. Vielleicht bestehen sie auch aus Bruchstücken und Scherben – aber sie sind immer noch Helden.

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