Nach vorn, nach Süden

Erschienen: März 2020

Bibliographische Angaben

Hardcover, 224 Seiten

ISBN: 9783499002397

Couch-Wertung:

9

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Sabine Bongenberg
Die kleine Schwester von Tschick

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mai 2020

Es ist manchmal erstaunlich, zu welcher Clique man gehören möchte oder wer sich mit wem zusammentut. Es gibt die Clique, die sich irgendwo trifft, um mit einer Shisha abzuhängen; die Mädelsgruppe, die shoppen geht; oder die zufällig zusammengewürfelten Aushilfen im Penny-Markt, die sich im Hinterhof des Discounters einen Mikrokosmos geschaffen haben. In dieser abgeschotteten Welt trifft man sich, hier spielt sich das Leben ab und die Auserwählten werden durch das Pronomen „unser“ geadelt, wogegen die anderen, die eher mit Misstrauen beäugt werden, einen komischen Spitznamen erhalten und generell besser den Mund halten.

Leben in der Clique

Zu denen, die besser den Mund halten, gehört „Entenarsch“ und natürlich heißt sie nicht wirklich so. Jo, der mittlerweile verschwunden ist, hat sie aber so getauft und „Entenarsch“, die hier als Ich-Erzählerin berichtet, muss jetzt miterleben, dass die nette Marie, die in Jo verliebt war, immer leiser und trauriger wird. Es hilft nur eines: Jo muss gefunden werden und so macht sich eine eigenwillige Clique mit einer altersschwachen Karre und der Erzählerin am Steuer auf die Reise – im Hochsommer, auf Bundesstraßen – denn für die Fahrt auf der Autobahn reicht die Fahrpraxis unserer Heldin nicht aus.

Sarah Jäger präsentiert ihr Erstlingswerk in einer Form, Frische und Poesie, die nur berühren kann. Nach vorn, nach Süden ist ein bezaubernd erzählter Roman, mit so eigenen und fein gezeichneten Akteuren, dass man direkt meint, sie zu kennen: „Unser Pavel“ – der Tausendsassa, der alles bauen, basteln, verwerten kann; Vika, die immer nur T-Shirts mit lässigen Sprüchen trägt und nicht wegstecken kann, dass es mit dem Otto, der als einziger „Normalo“ in einer Punkrockband spielt tatsächlich vorbei ist; Can, der sofort jeden kennt, sich mit jedem unterhält und scheinbar schwerelos durch das Leben surft. Und mittendrin die Unbeholfene, die uns mit in diese Rolle zieht, die uns allen zeigt, wie es früher manchmal war, als wir selbst in der Clique diejenigen waren, die am Rand standen, und die so gerne mittendrin sein wollten.

Immerhin – „Entenarsch“ kämpft gegen diese Rolle an und wächst über sich hinaus. Manchmal möchte sich der Leser dabei die Haare raufen und sagen, Mensch, so naiv, ungeschickt und unfähig kann doch keiner sein. Aber auch bei aller Haarrauferei wird man immer wieder vom Charme der Handlung und der Reise durch den Sommer eingefangen und lacht über Entwicklungen, die nur ein Sommer hervorbringt, in dem man in einem zu kleinen Auto unterwegs ist, nicht viel Geld hat, aber alles gar nicht so schlimm ist – bestenfalls sogar noch richtig gut.

Genau den richtigen Nerv getroffen

Nach vorn, nach Süden hat das, was ein großer Road-Movie beinhaltet: Es ereignen sich keine großen, dramatischen Krisen, keine großen Wendepunkte. Aber es passieren viele kleine Wendungen, viele kleine Stopps und Weiterfahrten, die insgesamt zu einer großen Entwicklung und zu einem neuen Namen werden. Wie im richtigen Leben ist dann auch hier nicht alles lustig und es gibt es Sachen, die man richtig und die man falsch machen kann.

Vor einigen Jahren begeisterte der Autor Wolfgang Herrndorf mit seinem Helden „Tschick“ die Leser und schickte ihn auf eine Reise durch den Sommer. In Sarah Jägers Buch meint man auf Tschicks bisher unbekannte Verwandte gestoßen zu sein. Mit ihnen zusammen schmeckt man wieder die kalten Raviolis, die man beim Campingurlaub aß, weil der Kocher vergessen wurde. Dieses Gefühl von Egal sein und Freiheit hat die Autorin absolut eingefangen.

Fazit

Nach vorne, nach Süden mag vordergründig ein Jugendbuch sein, erinnert aber auch Erwachsene daran, wie es war, in diesen verrückten Sommern mit den Freunden unterwegs zu sein und dass es letztendlich gar nicht so wichtig war, anzukommen, sondern nur zu fahren.
 

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