Das Mädchen im blauen Mantel

Erschienen: Oktober 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel Girl in the Blue Coat; aus dem Englischen von Cornelia Stoll; Taschenbuch, 384 Seiten

ISBN: 9783570313190

Couch-Wertung:

10

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Lisa Reim
Alles hat Konsequenzen

Buch-Rezension von Lisa Reim Nov 2019

Amsterdam, 1943: Die niederländische Stadt ist von den Nazis besetzt. Ausgangssperren, Lebensmittelknappheit, Verhaftungen und Durchsuchungen stehen an der Tagesordnung. Neben ihrem Job als Aushilfe eines Bestatters, verdient sich Hanneke als Schwarzmarkthändlerin etwas dazu. Eines Tages hat ihre Kundin Frau Janssen jedoch einen ganz speziellen Auftrag für sie: Hanneke soll ein jüdisches Mädchen finden, das die Frau bei sich versteckte. Das Mädchen, Mirjam, ist plötzlich verschwunden. Weder Hanneke noch Frau Janssen können sich erklären, wie es unbemerkt entwischen konnte, und noch weniger, warum es die Sicherheit seines Verstecks verließ. Hanneke macht sich auf die Suche und entdeckt ein Geflecht aus Geheimnissen, dem sie mehr und mehr auf den Grund geht. Dabei kommt sie nicht nur in Kontakt mit einer Widerstandsgruppe, sondern auch ihren eigenen Dämonen immer näher, die sie die ganze Zeit über zu verdrängen versuchte.

Eine Erzählerin, der man nicht immer trauen kann

Hanneke ist eine ganz besondere Ich-Erzählerin. Ihre Unerschrockenheit, mit der sie die deutschen Soldaten um den Finger wickelt, und ihr Wille, mit ihrem Schwarzmarkthandel einen kleinen Beitrag zum Widerstand zu leisten, sind beeindruckend. Trotz aller Widrigkeiten beschwert sie sich nicht, stattdessen versucht sie einfach, innerhalb des Systems zu funktionieren. Trotzdem bekommt diese Stärke Risse und scheint viel zu oft doch nur Fassade zu sein. Im Stillen trauert sie um ihren Freund Bas, der an der Front fiel, und um ihre beste Freundin, die einst die Seiten wechselte. Dass Hanneke daneben noch weit mehr Probleme und Schuldgefühle mit sich herumträgt, wird immer offensichtlicher, je tiefer sie in Mirjams Geschichte vordringt. Sie ist eine Protagonistin, die den Lesern auch gerne mal Informationen vorenthält und nicht immer die ganze Wahrheit erzählt. Hanneke ist nur einer von vielen Gründen, warum man das Buch kaum aus den Händen legen kann.

Historischer Roman …

Amsterdam zur Zeit der deutschen Besatzung war schon einmal das Setting für ein weltbekanntes Buch: Anne Frank schrieb einst ihr Tagebuch in einem versteckten Hinterhaus der niederländischen Stadt – interessanterweise beinahe zum gleichen Zeitpunkt, an dem auch Monica Hesses Geschichte spielt. Die ausweglose Lage der Juden und das entbehrungsreiche Leben der Bevölkerung schildert die amerikanische Bestsellerautorin nicht nur sehr eindrücklich, sondern auch im Hinblick auf die Geschichte perfekt abgestimmt: Stadt, Bewohner, Alltag und die allgegenwärtige Gefahr, von den deutschen Soldaten aufgegriffen zu werden, etabliert sie bereits auf den ersten Seiten. Je mehr man in die Geschichte eintaucht, desto mehr scheinen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu verschwimmen, so gekonnt gelingt es Monica Hesse, historische Fakten in ihre Geschichte einzuweben. Sei es die Hollandsche Schouwburg, ein ehemaliges Theater, das als Sammelstelle für verhaftete Juden diente, oder die Widerstandsfotografie, bei der mutige Menschen sich nicht scheuten, die Grausamkeiten der Besatzer auf Fotos festzuhalten. Bei all diesen historischen Einblicken verliert die Autorin jedoch nie ihre Geschichte aus den Augen, Handlung und Figuren stehen im Vordergrund. Und ehe man sich‘s versieht, hat man nach einer spannenden Lektüre auch noch Einiges dazugelernt.

… und Krimi

In dieses ohnehin schon spannende Setting hat Monica Hesse ihre Krimi-Handlung rund um das Mädchen im blauen Mantel gebettet. Obwohl Hanneke zunächst wenig begeistert ist, ihre Sicherheit für ein unbekanntes Mädchen zu riskieren, lässt sie ihr Schicksal nicht mehr los. Zu mysteriös ist das plötzliche Verschwinden und zu sehr ist Hannekes Neugier geweckt worden, als dass sie die Ermittlungen einfach aufgeben könnte. Zum Glück, denn sonst wären die Leser um eine Geschichte gebracht worden, die mit ihren vielen Wendungen und Verwicklungen ein wahrer Pageturner ist. Wie im Adrenalinrausch lässt sich das Buch locker in einem Rutsch durchlesen, nicht zuletzt, weil man bis zum Schluss nicht weiß, was wirklich geschehen ist. Nur eines ist sicher: Monica Hesse weiß, wie sie immer noch einen draufsetzen kann. Genau deshalb lässt einen das Ende dieser literarischen Achterbahnfahrt auch so erschüttert und beeindruckt zurück: Erschüttert, weil hinter Mirjams Schicksal noch so viel mehr steckt, als man vermutet, und beeindruckt, weil Monica Hesse eine Meisterin der Erzählkunst ist.

Fazit

Dieses Buch ist so vieles: Fesselnd, traurig, tragisch, und vor allem großartig. Eine packende Geschichte mit tollen Figuren und dem mysteriösen Schicksal eines Mädchens, dem man unbedingt auf den Grund gehen möchte. Für ausnahmslos jeden zu empfehlen!

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Letzte Kommentare:
19.03.2020 14:50:29
Marylou21.01

Von Beginn an fühlte ich mich in die Zeit des Nationalsozialismus versetzt. Schon auf den ersten Seiten schafft die Autorin mit Ihren Worten und Ihrem Schreibstil eine authentische Atmosphäre und sorgt dafür , dass man als Leser mittendrin ist und mit der Protagonistin mitfühlt. Der Schreibstil ist klar und verständlich, und damit für die Zielgruppe ab 12 Jahren gut geeignet. Trotzdem kann dieser Roman meiner Meinung nach nicht nur Jugendliche als Leser begeistern, sondern auch Erwachsene wie mich. Vielleicht auch, weil die Klarheit der Sprache einen krassen Gegensatz zur Handlung darstellt.

Zentrales Thema dieses Buches ist die Frage nach Schuld, Verantwortung und Mitgefühl. Der Niederländische Widerstand ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt des Buches. Mittendrin findet sich plötzlich die junge Protagonistin Hanneke wieder, die wie so viele Ihrer Zeit viel zu schnell dazu gezwungen wird Erwachsen zu werden. Täglich muss sie sich die Frage stellen, wem sie vertrauen kann. In Ihrer Welt ist nichts so wie es scheint und stets muss sie nicht nur Fremden, sondern auch Freunden mit einer Vorsicht und Wachsamkeit gegenübertreten, die für ein Mädchen in Ihrem Alter nicht einfach ist.

Die Handlung ist von Anfang bis Ende spannend geschrieben, und der Ausgang der Geschichte für mich immer noch völlig überraschend. Am Ende bleibt der Leser nachdenklich, und ja , auch irgendwie ein klein wenig sprach- und atemlos zurück. Das Buch berührt auf eine ganz wunderbare Art und Weise und regt zum nachdenken an. Und das macht für mich ein gutes Buch aus. Noch tagelang blieb es mir im Kopf und ich dachte immer wieder an die Menschen der Geschichte zurück. Denn auch wenn die Figuren fiktiv sind, so ist der historische Hintergrund doch leider allzu wahr.

Mein Fazit
Ein spannend geschriebenes Buch mit einer einzigartigen Klarheit der Sprache und einer dichten Atmosphäre, die nicht nur jugendliche Leser begeistern wird.