Weggesperrt

Erschienen: August 2019

Bibliographische Angaben

Hardcover, 352 Seiten

ISBN: 9783791501437

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8

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Sabine Bongenberg
In der guten alten Zeit war einiges nicht gut

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Sep 2019

Der „Jugendknast“ Torgau

Die 14-jährige Anja lebt mit ihrer widerborstigen Mutter in einem System, das heute nur noch aus Erzählungen bekannt ist: In der DDR, die keine Kosten und Mühen gescheut hat, um sich und ihre Bürger mit einer gewaltigen Mauer einzusperren. Fluchtversuche sind damit so gut wie zwecklos, wer sich dagegen mokiert, wird weggesperrt. Das müssen auch Anja und ihre Mutter erleben. Allein schon, weil sie nur die Ausreise aus diesem Staat beantragt hat, wird die Mutter inhaftiert und Anja in ein Heim – ein so genannter Jugendwerkhof – gesteckt. Hier besteht das Leben aus Zucht und Drill, Freundschaften sind nicht erwünscht, Kontakte mit der Außenwelt werden gezielt unterbunden. Doch es gibt noch schlimmer: Jugendwerkhof Torgau, ein von allen gefürchteter „Jugendknast“.

Wie ein totalitäres System eine ganze Gesellschaft unterdrückt

Grit Poppe schildert in ihrem neu aufgelegten Werk Weggesperrt den grausigen Werdegang eines Teenagers, der von jetzt auf gleich aus seiner gewohnten Umgebung gerissen und in eine Vorhölle gestoßen wird. Anjas Geschichte belegt, wie ein totalitäres System – so es denn nicht in die Schranken verwiesen wird – mit den Schwächsten seiner Gesellschaft umgehen kann. Kinder und Jugendliche, die des besonderen Schutzes des Staates bedürfen und deren Rechte in vielen Verfassungen verankert sind, werden hier entmenschlicht und systematisch gebrochen. Diese Behandlung wirkt sich nicht nur auf das Hier und Jetzt aus, sondern schlägt sich auf das weitere Leben nieder: Wer in diese Mühle gerät, wird ausgeschult und kann, wenn überhaupt, allenfalls noch einen Handlanger-Job erlernen.

Poppe tobt sich nicht in immer brutaleren Schilderungen des Lebens in den Jugendwerkshöfen aus. Sie versucht, besonders gewaltsame oder auch ekelerregende Umstände nur schemenhaft anzudeuten, dennoch schockieren die unmenschlichen Erlebnisse ihrer Heldin und deren Leidensgenossen. Die Autorin will nicht nur mit einer fiktiven Person die Geschichte der Heime erzählen, hier soll Geschichte vielmehr lebensnah vermittelt werden. Ihren Erzählungen vom Alltag in diesen Einrichtungen ist daher ein Anhang mit Zeitzeugeninterviews beigefügt. Neben diesen düsteren Elementen schafft es Poppe aber auch, kleine Nebenschauplätze freundlich zu gestalten: Sie berichtet von Freundschaften oder auch von der ersten Liebe ihrer Heldin und kann damit schöne und warme Momente aufblitzen lassen. Fast poetisch mutet auch die Hilfe an, die Anja aus dem berühmtesten Werk des Dichters Rainer Maria Rilke „Der Panther“ erfährt, wird dieses Tier doch nicht nur ihr eingesperrtes und misshandeltes Abbild, sondern auch ihr Begleiter und Helfer in den schwärzesten Momenten ihres Lebens.

 

Grit Poppes Beitrag zur Rehabilitierung zu Unrecht beschuldigter DDR-Bürger

Weggesperrt hat zu Recht Eingang in die Schulliteratur gefunden, ist aber sicher kein Buch, das mit dem permanent erhobenen Zeigefinger Schuldzuweisungen ausspricht. Das System der Jugendwerkhöfe, war – wie das System der „Magdalenen-Schwestern“ in Irland – in einer Gesellschaft möglich, die blind einem Dogma folgte und meinte, unerwünschtes Verhalten mit Brutalität und Isolation ausmerzen zu können. Ein solcher Versuch, der nur auf das Zerbrechen von menschlichen Seelen und deren Unterwerfung ausgerichtet ist, kann aber nicht gelingen.

Besonders gruselig ist aber dennoch der Rufmord, der offensichtlich bis zum heutigen Tag funktioniert. Kommentare, die zu Artikeln über die Jugendwerkhöfe verfasst wurden, belegen regelmäßig die Einschätzung, dass die Jungendlichen ihre Situation selbst verschuldet hatten, sowieso nur einem kriminellen Milieu entsprangen und eine „harte Hand“ weiß Gott nicht schaden konnte. Poppe leistet mit ihrer Geschichte einen Beitrag zur Rehabilitierung dieser Menschen. Ihre Heldin ist eine normale Jugendliche – sicherlich ein wenig aufmüpfiger als ihre Altersgenossen, und gelegentlich schwänzt sie auch mal die Schule. Aber zur Gewalttäterin wird sie erst durch die Umstände in den offiziellen Institutionen gemacht, und selbst hier ist ihr Verhalten entschuldbar.

Weggesperrt ist ein Buch, das grundsätzlich eine hoffnungslose Geschichte erzählen würde, denn die Flucht aus den herrschenden Verhältnissen in der DDR fast unmöglich – viele bezahlten ihre Versuche mit dem Leben. Dennoch endet Poppes Roman mit einem Lichtblick, und das ist dem Aufbegehren der Menschen gegen das herrschende System und nicht zuletzt dem großen Politiker Michail Gorbatschow zu verdanken, der mit „Glasnost“ und „Perestroika“ die Grundlagen dafür legte. Anjas Schicksal konnte schließlich und endlich nur durch das Eingreifen der Weltpolitik verbessert werden – nicht durch Shitstorms, Fundraising oder „Like-Buttons“. Vielleicht sollte das auch wieder ein Grund sein, sich in der weltpolitischen Lage ein wenig mehr umzusehen.

Fazit

Weggesperrt ist schonungslos und berichtet über eine dramatischen Geschichte, die so in der DDR gespielt haben könnte. Anjas Schicksal ist ein wichtiger Beitrag, um die vielen Einzelschicksale nicht vergessen zu lassen, und ist daher umso wichtiger, dass das Buch als Schullektüre Zugang zur jüngeren Generation findet.

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