Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter

Erschienen: Juli 2019

Bibliographische Angaben

Hardcover, 288 Seiten

ISBN: 9783764170929

Couch-Wertung:

9

Leser-Wertung

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Rita Dell'Agnese
An der Vergangenheit zerbrechen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2019

Jonas kann nicht mehr. Seit dem Tag vor zwei Jahren, als Lina spurlos verschwunden ist, fühlt sich der 17-jährige schuldig. Denn er hätte auf seine kleine Schwester aufpassen müssen. Er wollte doch nur diesen letzten Abend mit Paul am Strand von Mallorca verbringen. Als er trunken vor Glück zurückkam, war die kleine Lina weg. Jetzt muss Jonas zusehen, wie seine Eltern langsam an der Ungewissheit zerbrechen. Jonas weiß, dass sie ihm die Schuld an allem geben, auch wenn sie es nicht direkt sagen. Deshalb will er zurück an den Ort, an dem das Glück und die Hölle so nahe beieinanderlagen.

Auf dem Weg nach Mallorca, an den Ort, von dem Lina damals verschwand, lernt Jonas die nur wenig älteren Timon und Sunny kennen. Die beiden wollen nach ihrem Abitur ein paar Urlaubstage in der Finca von Sunnys Eltern verbringen – eigentlich als beste Freunde. Dabei ist Timon schon so lange in Sunny verliebt. Er ahnt nicht, dass Sunny ein dunkles Geheimnis mit sich trägt, eines, das ihre Freundschaft stark auf die Probe stellen wird. Aber das tritt zunächst in den Hintergrund. Denn Timon und Sunny ahnen, dass mit Jonas etwas nicht stimmt. Obwohl Sunny lieber nichts mit dem seltsamen Typen zu tun haben möchte, behalten beide ihn im Auge – und bewahren ihn davor, einen großen Fehler zu begehen.

Verschieden gelagerte Schuldgefühle

Der Autor Hansjörg Nessensohn nimmt seine Leserinnen und Leser mit in die Abgründe der Schuld. Nicht nur die Hauptfigur Jonas kämpft mit dem Gefühl; auch Sunny droht, langsam an ihren Schuldgefühlen zu zerbrechen, wobei diese ganz anders gelagert sind. Hier zeigt der Autor sehr eindrücklich auf, wie die Selbstanklage funktioniert – in zwei unabhängigen Fällen, zwei völlig verschiedenen Konstellationen, aber in beiden Fällen zerstörerisch. Jonas‘ Tagebuch offenbart dem Leser nach und nach die Hintergründe seiner tiefen Verzweiflung. Dabei schlägt Nessensohn ein ideales Tempo an, er hält den Spannungsbogen, überreizt ihn aber nicht. Auch die immer wieder verhältnismäßig kurzen Sequenzen, in denen er die Geschichte erzählt, sind ideal aufgebaut. Der Autor hält diese Spannung bis zum Schluss, obwohl der Verlauf der Geschichte absehbar wird. Zu keinem Zeitpunkt aber kommt das Gefühl auf, die Ereignisse würden sich unnötig in die Länge ziehen.

Greifbare Charaktere

Nessensohn geht sehr dicht an seine Protagonisten heran. Er macht jeden der drei Hauptcharaktere erlebbar, greifbar. Es fällt den Leserinnen und Lesern nicht schwer, die Handlungen und Gedankengänge von allen nachzuvollziehen. Ob es nun Sunny ist, die mit sich hadert, weil sie sich für einen ganz kurzen Moment einer völlig irrealen Hoffnung hingab, Timon, der sich von Sunny verraten fühlt, weil sie ihm etwas sehr Entscheidendes vorenthält oder Jonas, der sich immer tiefer in Suizid-gedanken verstrickt und die Realität mehr und mehr ausblendet: alle drei Protagonisten reagieren so, wie man es von jungen Erwachsenen erwartet, mit allen Fehlern und Fehleinschätzungen, die mit der jeweiligen Ausnahmesituation einhergehen. Auch die Vorbehalte, die Sunny anfänglich gegenüber Jonas hat, sind stimmig und passen ins Bild. So versteht es Nessensohn ausgezeichnet, die Gedankengänge der Jugendlichen aufzunehmen und sie unverfälscht in die Geschichte einzubauen.

Gut durchdachtes Schema

Hansjörg Nessensohn lässt seine Leserinnen und Leser nicht allein mit dem Kampf, in dem sich die Protagonisten befinden. Die Lösungsansätze, die der Autor schrittweise präsentiert, folgen einem gut durchdachten Schema. Was zunächst unlösbar scheint, wird dank des Zusammenhalts der Gruppe nach und nach zu einem Problem, das trotz der vielen Verletzungen bewältigt werden kann. Hier zeigt Nessensohn eindrücklich, wie erleichternd es sein kann, sich anderen zu öffnen und über die eigenen Verletzungen, Ängste und Schuldgefühle zu sprechen. Fast würde es Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter schaffen, sich ganz an die Spitze der aktuellen Jugendromane zu setzen – wenn nicht dieses Geheimnis um das Verschwinden von Lina auf eine Weise aufgelöst würde, die zwischen bemüht und unglaubwürdig schwankt. Schade, dass sich der Autor hier zu einem sehr unglücklichen Klimmzug hinreißen ließ.

Fazit

Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter ist ein gut gemachter, tiefgründiger Jugendroman. Bis auf die sehr konstruierte Geschichte um das Schicksal der verschwundenen Lina bietet der Autor Hansjörg Nessensohn ein glaubwürdiges Szenario mit starken Figuren und einem ausgezeichneten Plot.

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