Die Stille zwischen den Sekunden

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

Hardcover, 296 Seiten

ISBN: 9783401604749

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8

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Kirsten Kohlbrei
Ein packender Roman über ein Leben, das aus den Fugen gerät.

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Jun 2019

Die sechzehnjährige Mara lebt mit ihrer halbitalienischen Mama, deren Lebensgefährten Torsten und der kleinen Halbschwester Lilli in einer Eigentumswohnung in Hannover. Ihr leiblicher Vater ist noch vor ihrer Geburt gestorben und obwohl ihre Mutter als Leiterin einer sozialen Hilfsorganisation eigentlich therapeutische Erfahrung hat, ist dessen Tod ein Tabuthema. Alles was Mara über ihn weiß, haben ihr die Großeltern erzählt. Ansonsten ist das Verhältnis zu ihrer liebevollen und einfühlsamen Mutter aber gut.

Doch ihr Leben ändert sich, als sie auf dem Heimweg nur knapp ihre U- Bahn verpasst und damit zu einer Überlebenden wird. Denn genau diese Linie wird wenig später von einem Bombenattentat getroffen – es gibt Hunderte Tote und Verletzte. Anfangs tut sie so, als wäre nichts Besonderes geschehen, doch sie irrt sich.

Protagonistin macht ihr Ding

Mara macht die Dinge jedoch mehr mit sich selbst aus, ist eher verschlossen und schweigsam. Das ständige Posen und zickige Verhalten ihrer Altersgenossen nervt sie, Selfies oder Fotos online zu posten ist ihr ein Graus. Besonders hübsch findet sie sich ohnehin nicht. Ihre einzigen Freunde an der Schule sind die einfühlsame Lyd und ihr ehemals bester Freund Nicolaj, zu dem das Verhältnis schwierig geworden ist, nachdem die beiden ihr erstes Mal miteinander hatten und er sich danach in Mara verliebt hat. Nach einer kurzen Begegnung schwärmt sie eher für den älteren Chriso, den Star der Schule, ein Vlogger mit zahlreichen Followern. Mara sieht hinter dieser oberflächlichen Fassade jedoch einen anderen Menschen in ihm.

Und dann gibt es noch Sirîn. Die als Tochter irakischer Flüchtlinge in Deutschland geborene Kurdin ist wie eine Seelenverwandte für Mara. Ihr gegenüber kann sich Mara öffnen und vertraut ihr grenzenlos. Sie fühlt sich ihr so nah wie einer Schwester – sie wurden sogar am gleichen Tag geboren. Beide teilen auch die Leidenschaft fürs Kochen und betreiben zusammen einen Kochblog. Bei jeder Gelegenheit sind sie über Social Media in Kontakt.

Sirîn sieht sich zerrissen zwischen den Traditionen ihrer Herkunft und Religion sowie dem Wunsch nach einem integrierten Leben in Deutschland. Da ihre Eltern ihr als Mädchen wenig Freiheiten einräumen, nimmt sie einen Besuch bei Mara als Ausrede her, wenn sie abends ausgehen möchte. In der Aufregung nach dem Attentat lässt jedoch Maras Mutter das Alibi versehentlich platzen.

Sorge um seelenverwandte Freundin

Danach wird es für Mara schwierig, ihre Freundin zu erreichen. Scheinbar hat sie Hausarrest, darf ihr Handy nicht mehr benutzen und kann sich nur heimlich bei Mara melden. Bei Versuchen, sie zu sehen, lässt man Mara nicht zu ihr. Sie macht sich zunehmend Sorgen, dass Sirîns Eltern planen, ihre Tochter zu Verwandten in die Türkei oder den Irak zu schicken, um sie besser unter Kontrolle zu haben. Diese Befürchtung und Ungewissheit verdrängen die Gedanken daran, gerade selbst nur knapp dem Tod entronnen zu sein. Die Besorgnis ihrer Mutter tut sie als übertrieben ab und die Neugier und Sensationslust ihrer Mitschüler sind ihr zuwider.

Nur das neu erweckte Interesse von Chriso kann sie sich nicht entziehen. Angeblich hat er den Anschlag mitverfolgen müssen und möchte sich mit Mara treffen. Als er sich dabei sehr einfühlsam verhält, macht dies ihr Gefühlschaos perfekt. Sie schwankt zwischen dem Misstrauen, ob er nur eine Story für seinen Vlog sucht oder sie wirklich mag. Gerade in diesen Momenten vermisst sie Sirîn.

Doch ihre Nachrichten werden immer undurchsichtiger. Nach einem heftigen Streit mit Sirîns Bruder Aydan, der sie wieder nicht zu seiner Schwester lässt, bricht Mara unter der Anspannung regelrecht zusammen. Letztendlich ist es Chriso, der ihr zeigt, was am Chat mit ihrer Freundin nicht stimmt. Ein Video, das er für sie gemacht hat, bringt schließlich schreckliche Wahrheit hervor.

Schicksalsschlag und wichtige Themen

Tania Witte erzählt Maras Geschichte so intensiv und mit solcher emotionaler Wucht, dass man sich ihr schon nach wenigen gelesenen Seiten nicht mehr entziehen kann. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht nur auf die Beschreibung eines erschütternden persönlichen Schicksals, sondern greift zudem eine Mehrzahl aktueller Themen auf. Das verlangt dem Leser viel ab, überfordert ihn jedoch nicht. Allerdings ist die Altersempfehlung des Verlags ab 12 Jahren zu früh angesetzt – ab 14 Jahren halte ich für sinnvoller.

Das Bombenattentat ist nicht nur Ausdruck realer Bedrohung durch Terror und Extremismus, sondern wird für die Romanfiguren auch zu einem Erlebnis menschlicher Vergänglichkeit, wobei Witte besonders die Willkürlichkeit eines solches Ereignisses interessiert. Binnen weniger Sekunden ist in Maras Leben nichts mehr, wie es war. Zudem steht die Frage im Raum: Warum passiert gerade ihr das, warum überlebt gerade sie? Dass sie sich bis auf vereinzelte Flashbacks davon relativ unberührt gibt, wirkt etwas befremdlich, ist aber durch das Ende absolut nachvollziehbar.

Das Leben ist niemals nur einseitig – die Autorin beschreibt sehr anschaulich den Kontrast zwischen der Begegnung mit dem Tod, Leid und Glücksgefühl der beginnenden Freundschaft mit Chriso. Die Sorge um Sirîn entsteht aus dem Konflikt der Identitätssuche der Freundin vor ihrem Migrationshintergrund und greift dabei die Flüchtlingsproblematik auf. Außerdem ist Verlust ein zentrales Thema im Buch, bis hin zu den traumatischen Auswirkungen, die daraus entstehen können.

Authentisch, intensiv, krass erzählt

Tania Wittes Erzählung überzeugt atmosphärisch dicht und mit authentischen Charakteren. Das gelingt durch einfallsreiche, feinfühlige Beschreibung. Das wird beim Kochblog Blickwechsel deutlich, dessen Name sich von einer Thermotasse ableitet, die ihre Farbe je nach Inhalt verändert. Dies passt sehr gut zum Thema, da Mara und Sirîn dort Rezepte jeweils aus der Sicht ihrer unterschiedlichen Kultur vorstellen.

Treffend ist auch die Darstellung der Nutzung von Social Media. Kommunikation über Whatsapp oder Instagram ist für Mara selbstverständlich und einfach unverzichtbar. Chriso wird mit seinem Vlog als Influencer zum Meinungsmacher der Schule. Wie mittlerweile in Büchern üblich, werden Nachrichten und Chatverläufe im Schriftbild hervorgehoben und mit Blasen und Emojis versehen. Auch die Verwendung von Jugendsprache, typische Kürzel und Begriffe machen den Text lebensnah.

Das Ende ist sehr überraschend und wird die meisten Leser unvorbereitet treffen. Blättert man um den Schluss wissend zurück, kann man viele Passagen und Dialoge zwar auch in diesem Sinne lesen, zunächst führt die Auflösung jedoch zu Fassungslosigkeit. Die kurze Aufarbeitung in nur einem Kapitel hätte daher etwas ausführlicher ausfallen können – insbesondere da Tania Witte hier noch einmal ein wichtiges Thema anspricht, über das viel zu wenig gesprochen wird.

Fazit

Ein Roman, der wie ein Screenshot das Leben seiner Hauptfigur mit all seinen Facetten einfängt und dabei den Blick auf dessen Verletzbarkeit, aber auch Kostbarkeit lenkt. Eine Geschichte, die in ihrer Heftigkeit den Leser verstört, ihn jedoch trotz allem nicht mit einem Gefühl der Ausweglosigkeit hinterlässt. Keine leichte Lektüre, aber absolut lesenswert.

 

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