Kafka

Erschienen: Juni 2019

Bibliographische Angaben

Illustriert von Stefanie Harjes; Hardcover, 128 Seiten

ISBN: 9783737356831

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6

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Yannic Niehr
Zum letzten Mal Philosophie!

Buch-Rezension von Yannic Niehr Jul 2019

Franz Kafka ist aus der deutschen Literaturlandschaft nicht wegzudenken. Sein trockener Stil, der Sozialkritik, satirischen Humor, Zynismus und das Groteske vermischt, war und ist prägend. Nach einem Jurastudium trat Kafka in die „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt“ ein. Gerade dies, gepaart mit einem bewegten Hintergrund (z.B. das schwierige Verhältnis zum Vater; eine Kurzbiographie findet sich am Ende des Buches) und Hochphasen im Wechsel mit depressiven Verstimmungen, hat sein Wirken sicherlich nachhaltig beeinflusst. Der Kaffeejunkie schrieb seine Werke, zu denen Klassiker wie Der Prozeß oder Die Verwandlung gehören, nachts nach Feierabend, und viel seines Subtextes befasst sich u.a. mit dem Lebenswandel der arbeitenden Bevölkerung im frühen 20. Jahrhundert und der Auswirkung auf die menschliche Psyche.

Mit diesem außergewöhnlichen und undurchsichtigen Autor hat sich Stefanie Harjes eingehend beschäftigt und daraus das vorliegende Buch geschaffen, eine Mischung aus Text-Anthologie und Bildband.

„Ein Käfig ging einen Vogel suchen…“

Neben den berühmteren Texten finden sich auch kürzere, unbekannte Fragmente in der Auswahl. So wirft zum Beispiel ein Brief an eine Geliebte Milena ein persönliches Licht auf Kafka, den man so zum ersten Mal von einer anderen Seite sehen lernt. Oft wechseln sich längere Auszüge mit kurzen Passagen oder 1-Satz-Zitaten ab, wobei letztere oftmals in die Zeichnungen eingebettet sind. Zwischendurch werden auch ganze (Doppel-)Seiten von den Illustrationen gefüllt. Und diese sind durchweg gelungen! Harjes nutzt unterschiedlichste Techniken wie Bleistiftzeichnungen und Kollagen, und schafft so eine ausdrucksstarke, verrückte, manchmal düstere und manchmal witzige Bandbreite. Die Bilder bringen sowohl den ausgefallenen Humor Kafkas als auch seine dunklen und doch so vertrauten Schauplätze und Stimmungen auf den Punkt, dabei aber ohne zu bedrückend zu sein. Harjes hat sich hier erlaubt, mit den Texten zu spielen, in einen Dialog zu treten, sich davon frei inspirieren zu lassen und somit durch die Bank stimmungsvolle und stimmige Kunstwerke geschaffen, die Kafka kongenial und doch sehr originell nahekommen und in visuelle Sprache übersetzen, wie er in seinen Texten durch nüchternen Surrealismus existenzialistische Fragen stellt.

Leider ist der Gesamteindruck dennoch eher verhalten. Dadurch, dass zumindest die längeren Texte den Zeichnungen recht unverbunden gegenüberstehen, wirkt der Ansatz leider nicht gut durchdacht. Es stellt sich am Ende die Frage, für wen dieser Band gemacht ist: gerade bei den längeren Werken sind die entsprechenden Auszüge recht kurz gehalten, und Harjes‘ persönliche Beziehung dazu (die in ihrem Vorwort, einem Brief an Kafka, und ihrer Kurzbeschreibung am Ende des Buches durchaus deutlich werden) scheinen nicht für den Leser durch. Aufgrund der Kürze der Auszüge ist auch fraglich, ob sie überhaupt etwas von Kafkas Ausdruck vermitteln können. Für Kenner geht dadurch zu viel verloren, und ob die Bruchstücke das Interesse von völligen Neulingen oder solchen wecken können, die die ein oder andere Novelle schon im Schulunterricht (in voller Länge) gelesen haben, ist zweifelhaft. Es bleibt zu hoffen, dass die Leser zumindest durch die Stärke der Bilder überzeugt werden, sich Kafka einmal näher anzusehen.

Fazit

Stefanie Harjes ist sehr talentiert und ihr ureigener Stil ergänzt Kafka auf perfekte und völlig frische Art und Weise. Die Illustrationen und das Herzblut, das sie in dieses Projekt hat fließen lassen, verdienen nur das größte Lob! Unterm Strich wäre aber vielleicht eine noch freiere und wildere Beschäftigung mit den Texten wünschenswert gewesen, denn ihre persönliche Beziehung zu den Texten erschließt sich in der Sammlung, so wie sie ist, dem Leser leider nur selten, und es ist  schwierig, herauszukristallisieren, an welche Zielgruppe sich der Bildband nun eigentlich richtet. Aber Kafka ist gut, und die visuelle Umsetzung ist es auch – von daher kann jeder, dessen Interesse geweckt ist, zumindest einen Blick riskieren.

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