Auf einer Skala von 1 bis 10

Erschienen: Mai 2019

Bibliographische Angaben

aus dem Englischen von Beate Schäfer; Hardcover, 256 Seiten

ISBN: 9783551521118

Couch-Wertung:

6

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Sabine Bongenberg
Über die Problematik von Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Aug 2019

Tamar hat ihre beste Freundin Iris ermordet. Deswegen verletzt sie sich immer mehr selbst. Sie hat es nicht mehr verdient zu leben. Warum nur lässt man sie nicht in Ruhe? Warum versucht man sie davon zu überzeugen, dass sie nicht hässlich, böse und sie es wert ist, zu leben? Und warum glaubt ihr niemand, dass sie Iris auf dem Gewissen hat?

Ceylan Scotts Debütroman beschreibt den psychischen Niedergang der 16-jährigen Tamar,  die hier als Ich-Erzählerin von ihrer Einweisung in die Psychiatrie und dem Kampf gegen ihre Krankheit berichtet. Ungeachtet der Tatsache, dass sich dieses Jugendbuch an Leser ab 14 wendet, wird mit einem „schonungslosen Insiderroman“ gedroht und „dramatische Ausmaße psychischer Erkrankungen“ sind angekündigt. Sicherlich ist das aber nicht der erste Klappentext, der sich als heiße Luft entpuppt.

Die Einweisung der Protagonistin in die Klinik verläuft vielmehr unspektakulär. Als endlich das Ausmaß ihres „Ritzens“ – hier kann auch ruhig der Ausdruck „Schlitzen“ verwendet werden – erkannt wird, weist man Tamar in die geschlossene Jugendpsychiatrie Lime Grove ein. Erlebnisse, die über das als besonders eklig beschriebene Essen hinausgehen und damit den Begriff „schonungslos“ verdienen könnten, sind aber nicht zu finden. Geschildert wird vielmehr ein – hoffentlich nicht – „normaler“ Klinikablauf mit überlasteten Ärzten, lustlosem Personal, verweigerten Medikamenten und einer dennoch vorhandenen Solidarität und sogar Freundschaft zwischen den Patienten. Einigen geht es alsbald schlechter – der Leser jedoch nicht warum; anderen besser – und auch hier kann der Leser keinen eindeutigen Grund erkennen. Scott beschränkt sich in erster Linie darauf, den Tagesablauf oder auch die Ausbruchversuche der Patienten zu beschreiben.

Obwohl der Aufbau des Romans spannend in die Teile „Vorher“ und „Jetzt“ mit der Schilderung des Aufenthaltes in der Psychiatrie gegliedert ist und nach dem dortigen Aufenthalt ein neues „Vorher“ anbietet, konnte ich mir bei der Lektüre den Eindruck nicht verkneifen, dass hier zwar ein ernstes Thema behandelt werden soll, die Autorin aber uneins mit sich ist, wie man dieses am besten angeht. Die Folge ist, dass alle Handlungen und Personen nur an der Oberfläche vorbei schrammen und keine tief gehende Geschichte vermittelt werden kann. Spannung, ein wenig Drama, Mitleiden oder Mitfühlen kommen hier deutlich zu kurz. Immerhin: als Tamar aus der Klinik entlassen wird, eröffnet sich ihr auch, dass der „Rosengarten“, der nach einer Heilung zu erwarten sein könnte, ausbleibt und der Weg zu einem eigenständigen Leben auch weiter schwierig und mit Steinen übersät ist.

Fazit

Wer sich für die Geschichte einer psychischen Erkrankung und deren Heilung interessiert, dem sei lieber das – sicherlich in einigen Punkten veraltete – Werk von Hannah Green Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen ans Herz gelegt. Ceylan Scott greift die Problematik der Jugendlichen in einer psychiatrischen Einrichtung zwar neu auf und kann hier mit anderen Medikamenten und Behandlungsmethoden punkten, dennoch beschreibt ihr Buch das sicherlich schwierige Thema zu sehr aus einer sehr weit entfernten Perspektive. Aber „schonungslose Insiderromane“ bitte ich bei keinem ernsthaften Werk über die Psychiatrie zu erwarten – die Zeiten der Elektroschocks und Zwangsjacken sind Gottseidank vorbei. 

 

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