Und dann weiß jeder, was ihr getan habt

Erschienen: Januar 2019

Bibliographische Angaben

Broschur, 256 Seiten

Couch-Wertung:

8

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Sabine Bongenberg
Auch ohne ein Heer von Leichen kann ein „Thrill“ erzeugt werden!

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2019

Goethes „Faust“ umgekehrt: Die Kraft, die Gutes will und Böses schafft….

Es ist eine eigenartige Sammlung von Charakteren, die sich in Muriels Keller trifft: Constantin, der Adonis und Partykönig der Abiturientia; Lennard, der pummelige Klassenclown; Özge, die zu allem und zu jedem eine Meinung hat; Daria, die liebe, nette Selbstlose und nicht zuletzt Muriel, die Eigenbrötlerin. Dennoch – eine Mischung, wie sie in vielen Abiturklassen zusammengewürfelt wird und damit gar nicht mal so ungewöhnlich ist. Mehr als ungewöhnlich ist aber der Grund, aus dem Muriel dieses Treffen veranlasst hat. Auf einer Klassenfahrt verschwand Precious – Klassenkameradin, Fußballkanone, Schönheit, Nigerianerin, Geflüchtete. Ein bereits vom Leben gebeuteltes Mädchen, leicht zu brechen. Muriel ist sich sicher, einer der Eingeladenen weiß, was mit Precious geschah, und noch schlimmer, er trägt die Schuld an ihrem Schicksal. Sie fordert Gerechtigkeit und die öffentliche Verurteilung der Täter. So etwas ist gar nicht mal schwer – wozu gibt es schließlich das Internet?

Christian Linker schildert den Ablauf dieses besonderen Tages aus der Perspektive seiner fünf Helden, die abwechselnd die Rolle des Ich-Erzählers einnehmen. Zunächst zusammengewürfelt – nicht jeder hat viel zu sagen – beschäftigen sie sich mit ihren persönlichen Fragen. Und das ist schon genug: Constantin, der Partymann, auf vielen Hochzeiten mit vielen Frauen tanzend, stellt jetzt schon fest, dass er über das Ziel hinaus geschossen ist. Pharmazeutika, die anfangs harmlos und sogar hilfreich wirkten, gehen offensichtlich nach hinten los. Daria, das hübsche, liebe Püppchen, das zum Unverständnis aller mit Constantin liiert ist, vom Partymacher zum ersten Sex gedrängt wird und seinen Sprüchen kritiklos gegenübersteht. Das reine Gegenteil von ihr, Özge, das Bild der kritischen, kettenrauchenden Feministin, die sie gerne wäre, die aber im Stillen davon träumt, doch auch wieder das naive kleine Mädchen zu sein. Lennard, der lustige Dicke, ohne besondere Rolle, der aber aufmerksam beobachtet, der Unterhaltungen hört, die nicht für ihn bestimmt sind. Nicht zuletzt Muriel, die sich selbst die coole und geniale Rolle der Verhörexpertin zutraut und damit alsbald gnadenlos überfordert ist. Über allen schwebend und nur aus Gesprächen und Flashbacks charakterisiert: Precious, das schöne Mädchen, das auf abenteuerlichem Weg in die zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft geriet und hier zum Spielball der verschiedenen – manchmal sogar gut gemeinten – Absichten wurde.

Diese unterschiedlichen Intentionen machen die Spannung dieses Buches aus. Es ist nicht die eigentliche Frage nach Precious’ Verbleib. Wer nach einem Aufenthalt an der Ostsee spurlos verschwunden ist und dessen Jacke im Meer treibend zurückblieb, dessen Schicksal gibt nicht mehr allzu viele Rätsel auf. Es dürfte sich nur um eine Zeitfrage handeln, bis der Körper gefunden wird – so sollte man denken und so ist diese Frage nachrangig. Hauptsächlich bleibt aber der Aspekt der einzelnen Interessen, die sich an die Afrikanerin richteten. Der Wunsch nach Freundschaft, nach einer politischen Spielwiese, nach Sex oder jetzt nach ihrem Verschwinden, nach einer Bühne für Gerechtigkeit. Jeder Akteur enthüllt in diesem Roman schrittweise seine Absichten. Dabei werden absolut private Informationen preisgegeben und da der Leser weiß, dass diese ungebremst im Netz vor einer wachsenden Schar von Zuschauern landen, wächst das Unbehagen.

Die Katastrophe tritt mit den letzten Wahrheiten ein. Muriel hat das Gute, hat Gerechtigkeit gewollt – geschaffen hat sie Chaos. Unerheblich ist, ob das ihre Absicht war, unerheblich, ob die Wahrheiten, die ans Licht getreten sind, früher oder später sowieso rausgekommen wären. Jeder Mensch trägt seine persönlichen Geheimnisse mit sich und entscheidet selbst, ob und wann diese veröffentlicht werden. Wer diese Grenze nicht achtet, wird zurecht als „Verräter“ bezeichnet und ist geächtet. Ob diese Ächtung nach der ersten Aufregung über einen längeren Zeitraum besteht, sei dahingestellt, dennoch dürfte sich hier wieder das alte Sprichwort bewahrheiten, dass das Volk den Verrat liebt, den Verräter aber hasst.

Als einziges Manko an diesem gut konstruierten Kammerspiel bleibt die Rolle der Precious. Linker zeichnet sie als kühle, kalkuliert handelnde Person, deren Kindlichkeit offensichtlich während der Flucht buchstäblich auf der Strecke blieb. Möglicherweise ist das so eine Jugendliche, die sich über tausende von Kilometern auf den Weg machte und vermutlich nicht mehr viel gemein mit einem behüteten Teenie hat. So deutet der Autor verschiedentlich an, dass Precious auf der Flucht sexuell ausgebeutet wurde. Ob dieser Umstand aber dazu führt, dass sie tatsächlich sexuelle Dienstleistungen so kaltschnäuzig wie beschrieben als mögliche Gegenleistung anbietet, darf zumindest bezweifelt werden. Hier bleibt Linkers heimliche Heldin zu sehr auf eine harte Fassade beschränkt. Das Herz, das dahinter schlägt und den Leser für eine tatsächliche Suche nach Gerechtigkeit begeistern könnte, fehlt. Neben dem Umstand, dass die junge Frau offensichtlich eine Fußballkanone ist, lässt Linker seine Precious nur ganz kurz einmal ein fröhlicher und bezaubernder Teenie sein. „Wenn die mal gelacht hat, war der ganze Raum voll Musik und bunter Farben“ sinniert der aufmerksame Lennard und vergleicht seine Gefühle mehr als anrührend mit dem versehentlichen Löschen des Lieblingsliedes – von dem man nicht einmal wusste, dass es das Lieblingslied ist. Bis es zu spät war.

Linker stellt auch selbstverständlich gewordene Aspekte der Geflüchtetenunterbringung in Frage. Reisefreiheit, Unterbringung in Heimen mit ihren Vorschriften über das An- und Abmelden von Gästen und finanzielle Ausstattung werden gerne als selbstverständlich angesehen. Hier erhalten sie aber im Licht einer normalen Struktur in einer Schulklasse einen befremdlichen Beigeschmack und bieten somit Raum zu einer neuen Auseinandersetzung mit dem Thema, ob die ganzen Reglementierungen nicht eine schnelle Integration verhindern.


Fazit:

Auch wenn der unvermittelte Einstieg über die verschiedenen Erzählperspektiven zunächst irritiert, steigt die Spannungskurve schnell und stetig an. Auch ohne ein Heer von Leichen kann ein „Thrill“ erzeugt werden!
 

Und dann weiß jeder, was ihr getan habt

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