Zum Glück braucht mich niemand

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

Tess findet durch Zufall heraus, dass ihr Vater gar nicht ihr biologischer Vater ist, sondern dass sie ihre Existenz einem Samenspender verdankt. Diese Entdeckung wirft sie so aus der Bahn, dass sie aus Protest aufhört zu reden und nur noch schweigt. Stattdessen begibt sie sich auf die Suche nach ihrem "richtigen" Vater.  Wird es ihr gelingen, wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen?

Eigentlich führt die fünfzehn-jährige Tess ein ganz normales Leben. Ihre Mutter ist Lehrerin, ihr Vater träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler und Dramaturg, der sich aber nicht einstellen will.

Da stößt sie eines Tages auf dem Bildschirm des Computers ihres Vaters auf den Entwurf eines Artikel, den ihr Vater für die Webseite einer Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern, die durch eine Samenspende gezeugt worden sind, in dem er schreibt, dass er nicht der biologische Vater seiner Tochter ist

Für Tess bricht daraufhin eine Welt zusammen. In der Schule hat sie nur eine Freundin, Isabel, selbst Außenseiterin wie sie, die total Tolkiens "Herr der Ringe" und dessen Fantasywelt verfallen ist. Noch dazu wird sie in der Schule wegen ihres Aussehens gemobbt und auf twitter werden unter dem hashtag #SieisteinEr hauptsächlich von einer gewissen "Blaise@Glory" hässliche Lügen über sie und ihr angeblich in Wahrheit männliches Ich verbreitet.

Weil ihr alles zu viel wird, hört sie deshalb eines Tages aus Protest mit dem Sprechen auf. Keiner kann sich erklären warum und die Eltern schleppen sie sogar zu einer Logopädin in der Hoffnung, sie so wieder zum Sprechen zu bringen. Diese sagt  jedoch, dass sie Tess nicht helfen könne und empfiehlt eine psychiatrische Beratung.

Tess bester Vertrauter ist jetzt Mr. Goldfisch, der nur von Tess in ihrem Kopf zu hören ist, und Tess' Handeln kommentiert und ihr Ratschläge gibt.

So zum Beispiel bei der Suche nach ihrem biologischen Vater. Ihr Lieblingsfach ist Mathematik, weil sie sich in der Logik der Zahlenwelt besser zurechtfindet als im verwirrenden und oft unlogischen Alltag. Deshalb entspricht ihr neuer Vertretungslehrer in Mathematik, Mr. Richardson, wie sie und Mr. Goldfisch finden, perfekt dem Bild, das sie sich von ihrem "richtigen" Vater gemacht hat.

Wird es Tess gelingen, ihren biologischen Vater zu finden und wieder anfangen, zu reden?

Annabel Pitcher ist eine erfolgreiche Autorin, die vor Schweigen ist Goldfisch bereits Bücher veröffentlicht und mehrere Preise gewonnen hat. Sie hat in Oxford Englische Literaturwissenschaften studiert und eine Liebe zur Sprache merkt man ihren oft sehr aussagekräftigen und fast poetischen Beschreibungen an, die in ihrer Einfach- und Ungekünsteltheit oft überraschen, somit aber den jugendlichen Leser nicht über-, sondern seine Vorstellungskraft herausfordern. An dieser Stelle ist die hervorragende Übersetzungsarbeit von Susanne Hornfeck hervorzuheben, der es gelingt, diese Sprachbilder ins Deutsche zu übertragen. Die Hauptfigur der Tess wirkt trotz ihren Selbstzweifeln liebenswert und nicht nervend, sodass der Leser leicht in die Handlung miteinbezogen wird. Dazu trägt auch die Erzählperspektive in der Ich-Form bei.

Auch die Nebenfiguren überzeugen, allen voran die "verständnisvoll-sein-wollenden" Eltern, die völlig ineinander aufgehen und fast bis zuletzt Tess gegenüber vollkommen hilflos sind. Auch Anna, Tess' Klassenkameradin, die geschickt mit ihr ein falsches Spiel treibt, verkörpert erfolgreich den Typ eines tonangebenden Mädchen, das es in fast jeder Klasse gibt. Auch die verständnisvolle Klassenlehrerin Miss Gilbert, die Kunst unterrichtet, wirkt lebensecht im Gegensatz zu Henry, in den sich Tess ein bisschen verliebt. Als Einziger versteht er Tess' Schweigen, steht ihr bei; wirkt aber insgesamt zu schön und zu "märchenprinzartig", um wahr zu sein.

Ihr lebenslanges Bestreben, es allen recht zu machen und vor allem die Anerkennung ihres Vaters zu erlangen, der großen Wert auf gute Noten, beeindruckende Freunde und ein erfolgreiches Auftreten in der Öffentlichkeit legt, sind ein überzeugender Einblick in den tiefen Grabens zwischen den Generationen und verdeutlichen die Unfähigkeit der Eltern, Tess' Schweigen richtig einzuordnen und ihr zu Hilfe zu kommen.

Ein großer Teil der Handlung wird von der Schule und Tess' Auseinandersetzung mit ihren Klassenkameraden, von denen sie wegen ihres Aussehens gemobbt wird, bestimmt. Diese Szenen wirken so aus dem Leben gegriffen, dass man ihnen anmerkt, dass die Autorin hier aus eigener Erfahrung spricht, war sie doch selbst einmal Lehrerin.

Tess' Suche nach ihrem biologischen Vater ist sehr spannend gestaltet und treibt die Handlung schnell voran. Die Mobbing-Szenen wirken eindringlich und sind so packend geschrieben, dass der Leser nicht nur mit Tess mitleidet, sondern ihr zujubeln möchte, als sie sich Anna gegenüber in einer dramatischen Szene gegen Schluss behauptet. Ihre als Drehbuchschreiberin beim britischen Fernsehen erworbene Handwerkskunst kam der Autorin hier sicherlich zu Hilfe, ohne dass sie in billige Effekthascherei verfällt.

FAZIT

Ein spannender und packender Jugendroman mit Biss, der sperrige Themen wie nicht biologische Vaterschaft und Anpassung zur Sprache bringt und zeigt, das Schweigen zwar effektiv sein kann, aber Reden letztendlich gewinnbringender ist.

Couch-Wertung:

7

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Andrea Delumeau
Eine Selbstfindungsgeschichte mit einer sperrigen Hauptfigur, die zum Nachdenken anregt.

Buch-Rezension von Andrea Delumeau Mai 2017

Anne-Lise ist extrem schüchtern und steht sich damit oft selbst im Weg. Trotzdem sind aus ihr und ihrer großen Liebe Stian ein Paar geworden. Gemeinsam wollen sie im tiefsten norwegischen Hinterland die Tierhandlung von Stians Tante übernehmen. Bald findet sie jedoch, dass Stian sich mehr um die Tiere als um sie kümmert. Deswegen ergreift sie die Flucht und zieht wieder bei ihrer Mutter ein. Ist das jedoch eine hilfreiche Lösung für ihre Probleme?

Trotz ihrer großen Schüchternheit ist es Anne- Lise gelungen, ihre große Liebe Stian für sich zu gewinnen. Sie ziehen zusammen und übernehmen in der tiefsten norwegischen Provinz die Tierhandlung von Stians Tante. Diese rät Anne-Lise wegen ihrer extremen Menschenscheu von jeglichem Kundenkontakt ab, was dem Unternehmen in ihren Augen einen deutlichen Dämpfer verpasst. Auch findet sie bald, dass das Zusammenleben nicht so einfach ist. Ein passender Ausweg scheint ihr in ihrer Konfliktscheuheit, sich heimlich aus dem Staub zu machen und wieder bei ihrer geschiedenen Mutter einzuziehen.

Diese will jedoch ihr eigenes Leben leben und deshalb zieht Anne-Lise recht bald wieder zu Hause aus und in eine eigene Wohnung. Um eigenständig leben zu können, sucht sie sich eine Arbeit als Tierpflegerin. Die Arbeitssuche gestaltet sich nicht zuletzt wegen ihrer extremen Schüchternheit als schwierig und langwierig. Schließlich findet sie einen Job in einer Tierhandlung. Der etwas unkonventionelle Besitzer der Tierhandlung lässt sie selbstständig arbeiten, die Arbeit macht ihr Spaß und der Kontakt mit den Tieren tut ihr gut. Auch die Freundschaft mit einer ehemaligen Klassenkameradin lockt sie aus ihrem Schneckenhaus.

Am Radikalsten wird sie jedoch von einem "Selbstfindungskurs" herausgefordert und schließlich beeinflusst. Der Kursleiter stellt unbequeme Fragen, die Anne-Lise zwingen, ihre früheren Verhaltensmuster zu überdenken.

Obwohl das vorliegende Buch die gleiche Heldin wie Liv Marit Webergs Debütroman Zum Glück bemerkt mich niemand...dachte ich, nämlich die extrem schüchterne Anne-Lise hat, handelt es sich hier nur um eine indirekte Fortsetzung, die vollkommen unabhängig zu lesen und in sich abgeschlossen ist. Die Heldin Anne-Lise ist anfangs so menschenscheu und lebensunlustig, dass es fast schon schmerzhaft ist und an Verhaltensgestörtheit grenzt.

 

"Warum zum Teufel werde ich nicht überfahren? Ich bekomme mehrmals pro Tag das Leben neu geschenkt und bin kein bisschen dankbar."

"Und währenddessen steht Brille auf der Arbeit an der Kasse und pfeift oder liegt neben mir und schnarcht oder geht neben mir her und hält meine Hand. Er ist da, die ganze Zeit. Und nichts hat sich verbessert."

"Ich will überhaupt nichts lernen, ich will einfach nur, dass die Tage vergehen und mein Leben irgendwann vorbei ist."

 

Sätze wie diese entspringen vielleicht dem typischen Weltschmerz, der der angesprochenen Zielgruppe (ab 15 J.) eigen ist, wirken jedoch verschroben und depressiv. Im Klappentext heißt es, dass die Autorin selbst sehr schüchtern ist und sie beim Schreiben ihrer Bücher eigene Erfahrungen verarbeitet hat. Die Gestaltung des Textes, von den extrem kurzen Kapiteln bis zur Ich-Perspektive der Erzählstimme, erinnert auch an ein Tagebuch, so dass man beim Lesen den Eindruck nicht los wird, es handele sich beim vorliegenden Buch um ein Stück Eigentherapie. Zum Glück sind Anne-Lises manchmal eher schwermütige Beobachtungen in einem feinfühligen, selbstironisch-distanzierten Humor gehalten, der dem Leser zur Seite steht.

Positiv zu vermerken ist auch, dass die Heldin nicht in einer lähmenden Lethargie versinkt, sondern dass es ihr gelingt, sich zu befreien: Durch eine eigene Wohnung, neue Freunde, einen neuen Job und schließlich durch eine Art Selbstfindungskurs, der ihr dabei hilft, ihr Innenleben zu sortieren. Dieser Wandlungsprozess wird sehr realistisch mit seinen kleinen Erfolgserlebnissen und auch den Rückschlägen geschildert.

Trotz des versöhnlichen Schlusses ist Anne-Lises Freund Stian nicht der strahlende Märchenprinz, der unsere Heldin errettet, sondern sie verschafft sich selbst eine Art von "Happy-end".

FAZIT

Eine Selbstfindungsgeschichte mit einer sperrigen Hauptfigur, die zum Nachdenken anregt.

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