Sommernachtstraum

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

Leila ist unterwegs. Sie ist 17 Jahre jung und fährt allein mit einem alten Auto quer durch die USA. Sie will die Polarlichter sehen, mit ihren eigenen Augen. Warum, bleibt lange ihr Geheimnis.

Bevor es gelüftet wird, begegnet sie zunächst Hudson. Er repariert ihr Auto und er hat noch vieles vor in seinem Leben - er will studieren, weiter kommen als sein Vater, der "nur" eine Autowerkstatt hat, in der Hudson mitarbeitet. Leila und Hudson verlieben sich sofort ineinander. Hudson schildert diese Begegnung aus seiner Sicht. Erst später kommt auch die Sichtweise von Leila hinzu, doch dann ist sie schon wieder über alle Berge. Die beiden verleben nur eine romantische Nacht, die aber für Hudson folgenschwer ist. Er gibt ihr die Schuld für sein Dilemma - doch Leila, die mehr zu sehen und zu verstehen scheint, als es für eine 17-jährige zu erwarten wäre, gibt ihm klar zu verstehen, dass er ganz allein die Verantwortung für sein Handeln trägt.

Leilas nächste Begegnung ist Bree. Bree ist grenzenlos, wild und ganz und gar verantwortungslos. Schnell lässt sich Leila von ihr beeinflussen und gerät auch schnell auf eine schiefe Bahn. Alles endet darin, dass die beiden sich in einer Gefängniszelle eines Polizeireviers wiederfinden. Das nehmen sie zunächst auch noch mit - eigentlich sehr unangebrachtem - Humor. Doch der vergeht ihnen bald, denn Bree muss den Menschen anrufen, den sie nie mehr wiedersehen wollte und dem sie mit ihrem gelebten "Man lebt nur einmal"-Credo sehr wehgetan hat.

Dann, ganz plötzlich, taucht Elliot auf. Der stark alkoholisierte Junge ist gerade dabei in ihr Auto zu rennen, als Leila ihm gerade noch ausweichen kann. Sie kümmert sich um den lebensmüden Kerl und erfährt von seiner unglücklichen Liebe zu Maribel, die ihn kurz zuvor zurück gewiesen hat. Sie bringt ihn ins Krankenhaus und lernt auch seine Eltern kennen, die es dem unglücklichen Jungen auch nicht gerade leichter machen. Leila richtet ein ernstes Wort an vollkommen mutlosen Elliot und macht ihm klar, dass das Leben nicht wie im Film abläuft. Und dass er es auf seine Art versuchen muss, das Herz seiner Angebeteten zu gewinnen. Dabei kratzt er seinen ganzen Mut zusammen und Leila ist ihm eine tatkräftige Unterstützung, den Plan umzusetzen. Doch, wieder einmal, passiert die Liebe eben nicht wie im Drehbuch eines Hollywoodregisseurs.

Und dann ist da noch Sonia, die einen schweren Verlust erlitten hat und nicht bereit ist, zu ihrer neuen Liebe, Jeremiah, zu stehen. Erst ein vollkommen aus dem Ruder gelaufenes Abenteuer über die Staatsgrenze Kanadas, das u.a. eine ziemlich skurrile Fahrt mit dem Donut-Wagen, auf dem sie blinde Passagiere sind und ein vollkommen durchgeknallter Junkie beinhaltet, bringt Sonia auf eine neue Spur - und zurück ins Leben.

Da sind also zwei Liebesgeschichten, nein, eigentlich sind es alle Liebesgeschichten. Denn es geht um Liebe und um falschen Stolz, um viele traurige Missverständnisse und auch um Selbstbetrug. Es liest sich leicht und spannend, wie Leila so durch das Land reist und zu jedem einzelnen auf ihre besondere Art einen Draht findet - und damit mit ihnen gemeinsam einen Weg aus seiner persönlichen Sackgasse. Doch die ganze Zeit fragt man sich, was sucht Leila eigentlich. Will sie wirklich einfach nur nach Alaska um die Polarlichter zu sehen - oder steckt etwas viel, viel Ernsteres dahinter? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das kurzweilige Buch.

Leila, der tolle Hudson, die verrückte Bree, der mutlose Elliot und die verloren gegangene Sonia sind auf der Suche nach ihrem Weg. Dabei machen sie einige, teilweise sehr eigenartige Umwege, treffen auf Menschen, die gut und hilfsbereit, aber auch schlecht sind - da ist ein gesundes Bauchgefühl oft die letzte Rettung. Es sind die unerwarteten Begegnungen, die Adi Alsaids Roman so unterhaltsam und berührend zugleich machen. Wie bei einem guten Roadmovie weiß man nie, was sich hinter der nächsten Ecke auftut.

Der junge amerikanische Autor Adi Alsaid weiß sehr wahrscheinlich, wovon er erzählt. Er selbst, In Mexico City aufgewachsen, lebt er heute in Tel Aviv, Las Vegas und Monterey, Kalifornien. Mit eigenen Erfahrungen als Weltenbummler schlägt er einen lockeren, humorvollen Ton an, den er auch nicht selten Leila leiht, die einen gesunden Galgenhumor bewiest; vor allem in Situationen, da ihre Begleiter nahe daran sind, aufzugeben oder sich etwas vorzumachen. Menschenkenntnis ist das weitere Element, das in den Beschreibungen durchscheint. Alsaid zeigt die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven präsentiert seinen Leser/innen kein eindeutiges Richtig oder Falsch. Er findet für Momente und Gefühle tolle Bilder und fängt sie auf originelle und greifbare Weise ein.

Trotz des sympathischen Humors schlägt er in ernsten Momenten mühelos den richtigen Ton an, ohne allzu gefühlsduselig daher zu kommen. Ein gutes Gefühl für Timing und eine gute Beschreibung seiner Charaktere machen den Roman glaubwürdig und ich denke, dass sich Leser/innen ab 14 gut in die handelnden Hauptpersonen hineinversetzen können. Sie werden gerne mit auf die Reise gehen; so sorglos wie Leila durch die Welt reisen und ein gutes Näschen für Menschen haben, denen wir vertrauen können. Aus meiner Perspektive habe ich beim Lesen oft gedacht, ob das wohl gut geht? Die Erlebnisse Leilas - und es werden wohl auch zum großen Teil die des Autors sein - beweisen, dass viel mehr gute Menschen da draußen in der Welt sind, als man gemeinhin so denkt. Ich finde, das ist eine gute Botschaft und sie ist (hoffentlich) nicht nur eine Geschichte in einem Roman.

Aus jeder Begegnung lernen wir selbst, indem wir uns reflektieren, Position einnehmen. Damit ist der Roman auch voller kleiner und großer Lebensweisheiten. Ob man sie nun annehmen möchte oder nicht - es sind auf jeden Fall keine falschen, wie ich finde. Und Alsaid macht das nicht offensichtlich oder platt. Wie in der Geschichte um Bree lässt er uns zunächst beim Wirbeln hart an und über der Grenze der Legalität zuschauen. Ganz ohne mahnenden Zeigefinger wird klar, dass das nicht in Ordnung ist. Selbst für diejenige, die glaubt, dass es für sie keine Regeln gäbe.

FAZIT

Ein Roadtrip mit vielen überraschenden Wendungen, skurrilen Charakteren, viel Gefühl und einer guten Prise Humor. Eine schöne Lektüre für lange Abende. Let´s get lost ist ein passender Titel, denn alle fünf Protagonisten müssen sich selbst erst einmal in der Welt verlieren, um ihren Platz in ihr zu finden.

Couch-Wertung:

6

Leser-Wertung

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Rita Dell'Agnese
Eine erdrückende Fülle

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2016

Eine Schule - ganz speziell die Klasse 9c - ein Theaterstück, ein paar Erwachsene und viele Probleme: Die Zutaten zum Roman Sommernachtstraum von Tanya Lieske haben viel Potenzial. Es ist an sich eine witzige Idee, das Shakespeare-Stück zum roten Faden in diesem Schulroman zu nehmen. Die Klasse 9c kommt nach den Weihnachtsferien wieder zurück in den Schulalltag - und wird mit der Idee des Lehrers Ben Zimmermann konfrontiert, ein Theaterstück aufzuführen. Dabei haben die Jugendlichen doch etwas ganz anderes im Kopf, als Shakespeare.

Da ist beispielsweise Struppi, der in Mireille verliebt ist. Doch das Mädchen seiner Begierde wird auch noch von anderen umschwärmt. Außerdem gehört Struppi nicht zu den angesagten Jungs der Klasse. Niemand ahnt, dass Mireille gravierende Probleme hat, Probleme mit dem Essen. Da ist aber auch Mireilles Freundin Johanna, die sich von ihrem Vater abserviert fühlt, seit ihre Eltern getrennt sind. Oder der Lehrer selber, der miterleben muss, wie seine Beziehung bröckelt. Und zu all dem, was hier an Jugend-Sorgen und Jugend-Gefühle auf den Tisch kommt, gibt es noch Kommentare von Figuren, die längst der Vergangenheit angehören.

Was auf den ersten Blick bestechend wirkt, ist auf den zweiten Blick - und vor allem im Laufe des Romans zunehmend - irritierend. Die Figuren, die jeweils ihren Kommentar zum Geschehen geben , wirken nicht so witzig, wie sie wohl gedacht waren und es drängt sich immer stärker der Verdacht auf, dass hiermit die Anlehnung an das Shakespeare-Drama gerechtfertigt werden soll. Eine Anlehnung, die ebenfalls lediglich ein verkaufsförderndes Feature ist, zum eigentlichen Roman jedoch nicht so viel beiträgt, wie man es aufgrund des Einstiegs vermuten könnte.

Die Autorin Tanya Lieske hat sich mit der Klasse 9c ein gutes Fundament gelegt, alle möglichen Themen anzusprechen, die Jugendliche betreffen können. Es geht um Sucht, Patchwork-Familien, Freundschaft, Essstörungen, Mobbing, Liebeskummer und einiges mehr. Gerade hier ist aber die Schwäche des Romans auszumachen. Tanya Lieske wollte zu viel. Die Summe der angerissenen Geschichten ist zu hoch, die Chance, sich ernsthaft mit einem Thema auseinander zu setzen, dadurch zu bescheiden. Alles bleibt an der Oberfläche, wird kurz angesprochen und auch gleich wieder im Raum stehen lassen. Das ist bedauerlich, denn jeder einzelne Problemkreis hätte eine ernsthafte Aufarbeitung verdient. Die Jugendlichen, an die sich das Buch richtet, dürften sich durch dieses Konzept kaum länger mit der Thematik beschäftigen.

Der eher kindgerechte Schreibstil will nicht ganz so zu einem Roman passen, der sich an Jugendliche ab 14 Jahren richtet. Hier hätte Tanya Lieske ihrem Publikum durchaus etwas mehr zutrauen können. Denn von der Geschichte her passt der Roman durchaus zum angegebenen Zielpublikum. Fordernd ist einzig die wechselnde Erzählperspektive, mit der sich die Leser konfrontiert sehen und die nicht immer gleich zuzuordnen ist.

FAZIT

Etwas weniger Anlehnung an den Shakespeare-Klassiker und eine vertieftere Auseinandersetzung mit einigen der Problembereiche, die hier angesprochen werden, hätten dem Roman gut getan. Oder aber die klare Anlehnung an Shakespeare und weniger breit gefächert die modernen Problembereiche. Aber hier ist die Fülle des Gebotenen geradezu erdrückend und bleibt doch zu stark an der Oberfläche, um nachhaltig wirken zu können.

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