Gefangen zwischen den Welten

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

Dalila will mit Pablo nach Brasilien fahren. Doch Pablo eröffnet kurz vor dem gemeinsamen Urlaub, dass er Dalila nicht mitnehmen wird. Tief gekränkt reist Dalila mit ihrer Schwester und einigen Freundinnen in die Argentinische Pampa, um dort einige Zeit im Zelt zu verbringen. Doch schon am ersten Tag verirrt sich Dalila im Wald. Unfähig, selber den Rückweg zu finden, ist Dalila froh, trifft sie auf die alte Saqui, die sich des Mädchens annimmt. Dalila fühlt sich wohl in Gegenwart der alten Frau, spürt sie doch eine seltsame Verbundenheit zu ihr. Als Dalila Saquis Enkel Tharo kennen lernt, kann sie zunächst nur wenig mit dem verschlossenen jungen Mann anfangen. Dennoch kommen sich die beiden nach und nach näher. Als Dalila nach und nach die Geschichte von Tharos Eltern erfährt, versteht sie sein Verhalten besser. Doch erst ein schlimmes Erlebnis öffnet ihr ganz die Augen - und lässt sie über ihr eigenes Leben nochmals anders nachdenken. Und Dalila stellt sich ganz offen die Frage, weshalb man jemanden hartnäckig lieben kann, der dieses Gefühl nicht erwidert.

Die Fragen, die Inés Garland in ihrem Roman behandelt, sind nicht ohne. Die Autorin geht in verschiedenen Bereichen in die Tiefe, was zu einer facettenreichen Geschichte führt, die trotz des bescheidenen Umfangs von gerade mal 190 Seiten durchaus gut und umfassend erzählt ist. Ob es nun um das langsame Begreifen der Protagonistin geht, was unerfüllte Liebe betrifft oder die Erkenntnis, dass Gerechtigkeit nicht zu haben ist, wenn Geld und Macht regiert - die Themen sind so aufgearbeitet, dass sie von den jugendlichen Leserinnen und Lesern gut nachvollzogen und verstanden werden können. So legt Garland, die bereits mit Jugendliteraturpreisen ausgezeichnet wurde, erneut einen Roman vor, der die Welt der Jugendlichen in verschiedenen Bereichen wunderbar spiegelt.

Bei der Personenzeichnung hat sich Inés Garland allerdings eher zurück gehalten. Dalila wirkt sehr unreif für ihr Alter - viele der 14jährigen, die bereits zur Zielgruppe des Romans gehören, dürften ihr von der persönlichen Entwicklung ebenbürtig, wenn nicht gar voraus sein. Doch störender als die Naivität der Protagonistin ist die Unnahbarkeit Tharos. Natürlich soll ihn auch ein Hauch des Geheimnisvollen umwehen, doch schießt Garland dabei eindeutig über das Ziel hinaus und macht es den Lesern schwer, für Tharo Sympathie aufzubringen. Auch die zunehmende Vertrautheit Dalilas mit Tharo macht es nicht leichter. Unscheinbar bleiben letztlich auch die anderen jungen Frauen, mit denen Dalila ihren Zelturlaub verbringen will. Einzig die alte Saqui und Tharos Großvater Quintùn sind sehr liebevoll skizziert und geben Raum für eigene Phantasien und Erinnerungen.

FAZIT

In den Augen der Nacht ist ein Roman, der nicht nur Jugendliche anzusprechen vermag. Die einfache Sprache, die die Ich-Erzählerin Dalila in den Mittelpunkt rückt, ist zwar eindeutig auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten, doch hat man sich als erwachsener Leser erst mal an den klaren Rhythmus der Erzählweise gewöhnt, vermag man den sprachlichen Feinheiten einiges abzugewinnen. Garland erzählt präzise und spannend, wenn auch das empfohlene Alter ab 14 eher tief angesetzt scheint, so ist es doch ein Roman, der auch diese Leserschaft anzusprechen vermag.

Couch-Wertung:

6

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Stefanie Eckmann-Schmechta
Was wäre wenn ...

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Nov 2016

... man ein Leben ab einer bestimmten Entscheidung zweimal weiterleben könnte? Wären wir immer noch der gleiche Mensch? In welchem Paralleluniversum würde es uns besser gehen? Ve und Nicky sind eigentlich ein- und dieselbe. Es gibt sie zweimal, in zwei Welten. Die geheimnisvolle Erfindung ihres Vaters bringt Ve in die Welt von Nicky, ihrer Doppelgängerin, wo nichts so ist, wie sie es kennt.

Als Ve von ihrer Mutter aus L.A. in die Einöde nach Bayern geschickt wird, hofft sie immerhin am Flughafen auf ihren Vater zu treffen, doch der scheint sie vollkommen vergessen zu haben. Als sie mitten in der Nacht endlich an dem alten, vernachlässigten Schloss ihres Vaters angekommen ist, ist er auch dort nicht. Er hat nichts für sie vorbereitet und ist einfach spurlos verschwunden. Eine ehemalige Arbeitskollegin, Marcella, kommt ihr schließlich zur Hilfe, aber auch sie kann sich keinen Reim auf sein plötzliches Verschwinden machen.

Ves Mutter in den USA ist leider auch keine große Hilfe. Schließlich möchte Ve nur noch fort, weg von diesem düsteren Ort. Doch dann entdeckt sie diese merkwürdige Apparatur im Keller des Schlosses. Dadurch gerät sie- unter sehr unangenehmen Umständen - in ein Paralleluniversum: Hier ist das marode Schloss gepflegt und elegant möbliert, ihre Familie scheint wohlhabend zu sein. Auch ihre Mutter lebt bei ihnen. Doch sie ist ganz anders als die selbstbewusste Geschäftsfrau, die Ve aus ihrer Welt kennt.

In der anderen Welt ist ihre Mutter in einem traurigen Zustand. Im Gegensatz zu ihrer toughen Mutter, die stets mit ihrer Karriere beschäftigt ist, ist diese Mutter traurig, mutlos und lebensuntüchtig. Ve stellt zu ihrem Erschrecken fest, dass die vollschlanke Version ihrer Mutter obendrein noch ein großes Problem mit dem Alkohol hat, zu dem sie in jedweder Stress-Situation und zu jeder Tageszeit greift.

Bald trifft Ve auf ihr "Double" - auf Nicky. Auch sie ist ganz anders als Ve. Unter anderen Umständen würden die beiden Mädchen wohl kaum Freundinnen werden, so sehr unterscheiden sie sich voneinander. Doch Ve muss sich mit ihrer Doppelgängerin zusammentun, damit sie ihr hilft, zurück in ihre Welt zu gelangen. Doch dann trifft Ve auf Finn Werfel; aber hier ist er nicht der eingebildete berühmte Pop-Star, sondern ein ganz normaler, netter Junge, der leidenschaftlich gerne Musik macht. Sie verliebt sich auf Anhieb in ihn - doch es gibt so viele Barrieren in dieser Welt zwischen ihnen, dass es beiden schwer fällt, Vertrauen zueinander zu fassen. Und dann ist da noch Nicky, die ihr auch immer wieder in Quere kommt - oder ist es umgekehrt?

Sara Oliver hat eine interessante Idee aufgegriffen: Was wäre, wenn es uns in einem anderen Universum nochmal gäbe? Wie würde unser Leben sich weiterentwickelt haben, wenn wir nicht diese oder jene Entscheidung getroffen hätten. Ve erhält die Antwort, auf zumindest ein Paralleluniversum, ganz ungefragt. Und nichts von dem, was in dieser Realität passiert ist, unterlag wirklich ihren Entscheidungen - es waren ihre Eltern, die sich entschieden.
Erst spät erfährt Ve, dass auch ein sehr mächtiges Konsortium seine Finger in diesem verwirrenden Spiel hat; dieser Weltkonzern will die Erfindung ihres Vaters für sich nutzen - mit fatalen Folgen für die Parallelwelt. Oder sind es mehrere? Ve muss den Zugriff des Konzerns auf die Erfindung verhindern. Sie muss eine schwere und endgültige Entscheidung treffen, sie wird Finn, ihren Finn, wohl nie wiedersehen.

Zu Beginn des Romans sind mir zunächst einige Stereotype aufgefallen: Die erfolgreiche, rastlose Business-Frau, die, der Karriere zuliebe, ihre Tochter durch die ganze Welt mitschleift; der schrullige, weltfremde Wissenschaftlicher, der über seine Forschungsarbeit sogar seine Tochter vergisst, oder der selbstverliebte, arrogante Pop-Star, der zwar verteufelt gut aussieht, jedoch leider sehr unsympathisch ist. Aber als - zugegeben - das Schloss ins Spiel kam, wurde es dann doch interessant und versprach mehr Spannung und Atmosphäre.

Es ist schon eine sehr komplizierte Konstellation, in die Sara Oliver ihre Heldin wirft. Und sie behält auch stets einen guten Überblick - und damit auch ihre Leser/innen. Zwar wird der aufmerksame Leser hier und da ein paar Logik-Fehler finden, die wohl aber dem Erzählfluss zugunsten als Kompromiss herhalten mussten. Das allein ist es aber nicht, was den Roman irgendwie - das Wortspiel sei erlaubt - eindimensional sein lässt. Aus den Verknüpfungen der beiden Welten hätte man definitiv mehr machen können. Auch ist mir das Buch einfach zu gefällig. Mit seinen typischen Charakteren, der manchmal etwas kitschigen Liebesgeschichte und dem üblichen Teenie-Zicken-Krieg liegt der Fokus zu stark auf das Alltägliche und Bekannte, wo es doch so viele andere, unbekannte Bereiche auszuloten gäbe. Dabei gibt es einige gute Ansätze, wie zum Beispiel die familiären Beziehungsprobleme, die hier wie dort ganz anders gelebt werden, wie auch einen interessanten Versuch Ves, in die verkorkste Beziehung zwischen Mutter und Tochter einzugreifen.

Die Charaktere bleiben dennoch flach, spannende Absurditäten, die sich zwangsläufig aus den parallelen Welten ergeben, wurden - noch - nicht richtig ausgeschöpft. Für diejenigen, die wissen möchten, wie und ob es mit Ve und Finn weitergeht, gibt es im Frühjahr 2017 den zweiten Band.

FAZIT

Eher als ein Science-Fiction-Roman, ist Gefangen zwischen den Welten doch ein Liebesroman. Dabei hätte die Idee zweier Parallelwelten wirklich Potential, für eine spannende, vielschichtige Story mit vielen unerwarteten Wendungen. Aber vielleicht rücken diese Aspekte ja im zweiten und dritten Band mehr in den Vordergrund.

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