Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Dressler, 2014, Titel: 'Everything, everything', Originalausgabe

Couch-Wertung:

9

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Rita Dell'Agnese
Ihr Schmerz war unendlich

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2016

Madeline lebt in einer sterilen Umgebung. Seit ihrer frühen Kindheit leidet sie an einer Immunschwäche. Ihre Mutter, eine Ärztin, hat alles getan, um ihre Tochter vor einer Infektion zu schützen, die ihr Todesurteil sein könnte. Madeline hat sich mit ihrer kleinen Welt gut arrangiert, lebt mit all den Einschränkungen und dem kleinen Personenkreis, mit dem sie Kontakt haben kann. Bis im Nachbarhaus eine laute, ungewöhnliche Familie einzieht.

Vor allem Olly, Sohn der Familie, hat es Madeline angetan. Er taucht wie ein frischer Wind in ihrem Leben auf, überwindet die Grenze, die Madeline umgibt und weckt in ihr den Hunger nach dem wirklichen Leben. Madeline bricht aus und wagt alles mit dem Ergebnis, dass sie zusammenbricht und zurück in ihre sterile Welt gebracht wird. Doch etwas hat sich verändert: Madeline kann die Enge ihrer Welt nicht mehr ertragen. Sie kann die Liebe zu Olly nicht mehr ertragen. Und sie sieht ihre Mutter plötzlich mit ganz anderen Augen. Denn da ist so viel Schmerz.

Die Autorin Nicola Yoon hat sich eines Themas angenommen, das nur selten in einem Jugendbuch zu finden ist. Madelines Immunschwäche steht wie ein unüberwindbarer Abgrund vor dem Mädchen und dem Leben. Solange Madeline nichts von der Welt draußen erfahren hat, kann sie in ihrer beschränkten Umgebung gut leben. Doch dann erfährt sie, was Leben wirklich bedeutet und wird sich ihrer Einschränkungen erstmals richtig bewusst. Diesen Prozess stellt Nicola Yoon wunderbar dar. Es ist gut nachvollziehbar, wie Madeline ihre Welt mit anderen Augen zu betrachten beginnt. Und einen unglaublichen Hunger auf die Welt entwickelt. Sehr schön dargestellt ist auch das Entsetzen der Mutter, die alles dafür getan hat, ihre Tochter vor den tödlichen Einflüssen des normalen Lebens zu schützen und nun zusehen muss, wie die Tochter aus diesem Schutz ausbricht, um sich dem Leben zu stellen und dabei ihren Tod in Kauf nimmt.

Eine starke, nachhaltige Geschichte

Unglaublich feinfühlig stellt die Autorin all die kleinen Ereignisse in Zusammenhang, die dazu führen, dass das jahrelang gefestigte Gefüge auseinander bricht. Weil sie die Situation von allen Seiten beleuchtet, bringt sie die Leserinnen und Leser dazu, sich tatsächlich mit der ganzen Sache auseinander zu setzen und sich nicht einzig von Madelines Traum leiten zu lassen, diese sterile Welt zu verlassen. Nach und nach wachsen die Leser in die Rolle derjenigen hinein, die Madeline schützen wollen, ihr aber gleichzeitig ein möglichst normales Leben wünschten. Damit weckt die Autorin Empathie für alle Beteiligten. Und erklärt den Schmerz, in dem sich die jeweilige Person gefangen sieht.

Die Geschichte selber ist stark und nachhaltig, doch dabei haben es Autorin und Verlag nicht belassen. Denn das Buch besticht auch durch eine ungewöhnliche Gestaltung. Madelines Welt wird mit Skizzen, Protokollen, Emails und anderem reich bebildert. Oft wirken solche Elemente in einem Roman eher kindlich und störend. Hier aber stimmt die Mischung absolut. Die Gestaltung des Romans ist eine Bereicherung und lässt den Leser nur noch näher an die Protagonistin heran kommen.

Der Roman von Nicola Yoon wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 nominiert.

FAZIT

Wer Lust auf ein Leseabenteuer hat, das mehr bietet, als einfach ein Liebesgeplänkel, ist hier gut bedient. Die Geschichte ist tiefsinnig, mit einer Portion Humor gewürzt und ganz auf die anvisierte Altersgruppe der 14- bis 17-jährigen zugeschnitten. Allerdings ist sie so intensiv und gekonnt umgesetzt, dass auch Erwachsene, die zu diesem Roman greifen, eine stimmige und überzeugende Lektüre in Händen halten.

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