Panama

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

Elisabetta ist siebzehn und lebt in Turin. Eigentlich ist sie eine zurückhaltende junge Frau. Bis zu dem Moment, in dem sie zufälligerweise mitbekommt, wie eine alte Dame auf die Straße gesetzt werden soll, weil sie ihre Miete seit über einem Jahr nicht bezahlt hat. Eine junge Frau - Viola - setzt sich für die alte Frau ein und versucht zu verhindern, dass die Carabinieri sie auf die Straße setzen. Beeindruckt von Violas Mut wechselt Bet, wie sie sich selber nennt, die Position: Sie wird von der reinen Zuschauerin zur Mitwirkenden. Bet empört sich über die Ungerechtigkeit, die der alten Dame entgegen schlägt. Dank der unkomplizierten Viola erkennt die junge Frau plötzlich, dass sie etwas tun kann und muss, anstatt nur zuzusehen. Immer stärker engagiert sie sich gegen Ungerechtigkeiten. Als ihre Mutter unter Druck kommt und damit rechnen muss, ihre Arbeit zu verlieren, plant Bet einen Streik. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Schulkameraden Andrea, den sie an sich ganz in Ordnung findet. Doch die Aktion wird kurzerhand gewaltsam aufgelöst. Für Bet der Moment, in dem sie sich ganz dem Protest verschreibt. In ihrer Empörung will Bet auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Doch sie hat nicht an die Folgen gedacht, die ihre neueste Aktion haben könnte.

Sehr dicht an der Hauptperson

Der Autor bleibt den ganzen Roman über sehr dicht an der Hauptperson Bet. In Ich-Form geschrieben wird die Geschichte ganz aus ihrer Perspektive erzählt. Schon nach kurzer Zeit ahnt der Leser, dass es in Bets Leben Dinge gegeben haben muss, die sie noch immer belasten. Ihre Reaktion, auch der Mutter gegenüber zeigt, wie zerrissen Bet eigentlich ist. Durch ihre Erkenntnis, dass sie sich für andere engagieren kann, bekommt Bets Leben plötzlich Tiefe. Begleitet wird sie auf diesem Weg von ihrer neuen Freundin Viola, die in Bet mehr sieht, als diese zunächst selber in sich sehen mag. Durch Viola wächst Bet über sich hinaus. Das kommt hier absolut schlüssig zum Ausdruck. Es ist eine langsame Entwicklung, die Bet durchmacht. Eine, die von den Lesern gut nachvollzogen werden kann, auch wenn man nicht immer einverstanden ist damit, was die Hauptfigur tut.

Christian Frascella schafft es, die Verhältnisse in Turin auch für jene Leserinnen und Leser sichtbar zu machen, die die Stadt nicht kennen. Sie werden schnell vertraut mit den Gepflogenheiten der italienischen Gesellschaft im Allgemeinen, aber auch mit derjenigen von Turin im Speziellen. Da Frascella dies durch die Protagonisten seines Romans macht, wirken seine Schilderungen niemals aufgesetzt oder langweilig.

Eigener Sprachrhythmus

Etwas gewöhnungsbedürftig ist Frascellas Sprachrhythmus. Hier kommt eindeutig zum Ausdruck, dass das Buch aus dem Italienischen übersetzt worden ist. Vieles kommt in Deutsch jedoch nicht ganz so authentisch zum Ausdruck, wie es in der italienischen Fassung wohl tut - das temperamentvolle melodische der italienischen Sprache ist verloren gegangen. Den Lesern bleibt nichts anderes übrig, als sich dem ungewohnten Erzählstil zu überlassen. Hat man sich jedoch erst mal auf die Geschichte eingelassen, wird sie die teilweise etwas holprige Sprache vergessen lassen. Allerdings nur, wenn die Reife der Leserinnen und Leser stimmt. Es scheint sehr ambitioniert, das Buch auf Zielpublikum ab 12 Jahren auszurichten. Hier dürfte sich die Untergrenze an den bereits etwas reiferen 12-jährigen orientiert haben. Ich würde es eher Leser/innen ab 14 Jahren empfehlen.

FAZIT

Die Aussage von Bet empört sich hat viel Tiefgang. Es ist ein Buch, das Zivilcourage und Mut fordert und sichtbar macht, wie wichtig es ist, sich für andere einzusetzen. Die Nähe zu den handelnden Personen nimmt die Leser mit auf diesen Weg. Richtige Spannung mag aber nur vereinzelt aufkommen. Es ist also ein Buch, das sich an junge Menschen richtet, die mit offenen Augen durch den Alltag gehen und sich für gesellschaftliche Probleme interessieren.

Couch-Wertung:

8

Leser-Wertung

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Stefanie Eckmann-Schmechta
Eine geheimnisvolle Familiengeschichte, die bis in die Wildnis Panamas führt

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Mai 2016

Kurz nach ihrem Abitur wird Liana von ihrem Großvater, dem "Ota", in die Schweiz befohlen. Sie erhält von ihm einen merkwürdigen Auftrag: Sie soll seinen verschollenen Ur- Enkel, ihren Neffen, nach Deutschland in seine Obhut bringen. Warum der Junge in der Deutschen Botschaft aufgetaucht ist, wer ihn dort hingebracht hat, was mit dem Jungen in all den Jahren geschehen ist, seit er verschwand, weiß niemand. Bekannt ist nur, dass Pablos Vater auf der Suche nach ihm ums Leben gekommen und dass seine Mutter ebenfalls verstorben ist.

Liana findet sich eindeutig zu jung für diese Mission - und überhaupt: Sie will schon bald ihr Studium beginnen, muss sich einschreiben und alles Weitere in die richtigen Bahnen lenken. Doch der Ota besteht darauf und ködert sie mit einem Kleinwagen, würde sie diese Mission übernehmen. Für die Familie. Wie alles für die Familie getan werden muss. Der Anwalt vor Ort, ein deutschstämmiger Panamaer, habe bereits alles geregelt. Doch als Liana in Panama-Stadt ausversehen in einem heruntergekommenen Hostal unterkommt, ist sie sich gar nicht mehr sicher, dass alles klappen wird. Auch nach der ersten Begegnung mit dem Anwalt Dr. Werner Schmid Rodriguez ist Liana kein Stück schlauer. Und so geht es weiter, durch einen undurchsichtigen Pakt von Seilschaften und Geheimnisbewahrern. Schließlich - nachdem Liana sich dem schweigsamen Pablo etwas angenähert hat - entscheidet sie sich, den Jungen aus dem Heim mitzunehmen und zu dem Bergdorf Santa Fe zu fahren, in dem ihr Bruder einst ein kleines Hotel betrieben hat und wo auch Pablo einmal gelebt haben muss.

Wie der Zufall es so will, ist sie im Hostal bereits seinem neuen Eigentümer Ruud - ein wikingergleicher Niederländer - begegnet. Sie hofft, dort in der Einsamkeit der Wildnis, auf die Spuren des Geheimnisses von Pablo zu kommen. Denn der Junge benimmt sich eigenartig einsilbig, wirkt viel älter, spricht - nachdem er zu Anfang gar nicht gesprochen hat - erstaunlich gut Deutsch, will aber partout nicht über seine Mutter sprechen. Deren angeblicher Tod gibt Rätsel auf, weshalb die Behörden die Ausreise des Jungen verweigern.

Dort angekommen, landet sie ausgerechnet bei Ruud, dem neuen Eigentümer des Hotels, das ihrem Bruder gehörte. Der immerzu fröhliche Ruud ist freundlich und hilfsbereit zu ihr, doch er ist ihr nicht geheuer, macht sie ungewöhnlich nervös. Sie will ihn auf Abstand halten. Das wird aber zunehmend schwierig, denn Pablo entwickelt zu dem gefühlvollen Mann ein enges Verhältnis. Bald schon sind die beiden unzertrennlich. Und Liana, Ruud und Pablo so etwas wie eine kleine Familie. Damit ist Pablo auch Ruud nicht länger egal. Ruud will Liana die Wahrheit aufzeigen, um beiden zu helfen, doch Liana lehnt jede Einmischung ab.

Währenddessen erweisen sich ihre Recherchen als erstaunlich schwierig. Die Einwohner von Santa Fe sind allesamt "echte Typen", aber sehr schweigsam, was Lianas Nachfragen zu der Herkunft es Jungen, zum Verbleib der Mutter oder zum Verhältnis ihres Bruders zu dieser Frau angehen. Doch mit der Zeit entstehen mehr und mehr Widersprüche, die ihr bisheriges Bild ins Wanken bringen.

Verwirrende, aber fesselnde Geschichte

... die schon einmal damit beginnt, dass wir in eine Situation geworfen werden, die dem eigentlichen Beginn Geschichte weit voraus liegt und in der Ruud und Liana bereits eine Verbindung haben. Sie gibt Rätsel auf und man ist überrascht, sich unmittelbar danach auf einem verschneiten Friedhof mit Liana und ihrem Großvater wieder zu finden.

Verwirrend sind auch die Familienverhältnisse. Die sich daraus ergeben, dass Lianas Mutter sich von dem einen Zwillingsbruder getrennt hat, um dann mit dem anderen Zwillingsbruder die beiden Zwillingstöchter zu bekommen. Lianas Bruder stammt vom ersten Mann ab, dem ersten Zwillingsbruder. Tut mir leid, es ist aber auch nicht leicht zu erklären. Die verwandtschaftlichen Bezeichnungen gehen jedenfalls durcheinander und man muss schon etwas überlegen, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis der eine zum anderen steht. Über diesem Familienkonstrukt thront der Patriachat der Familie, der "Ota", und duldet keinen Widerspruch: Er will seinen Ur-Enkelsohn bei sich in Deutschland haben, so, wie er es auch mit seinem Sohn versucht hatte. Mit mäßigem Erfolg, wie sich im Verlauf der Geschichte zeigt.

Faszinierend ist die Atmosphäre, die Karin Bruder mit scheinbarer Leichtigkeit vor unserem inneren Auge entstehen lässt; Beschreibungen der Umgebung gepaart mit den Empfindungen der Protagonistin in der schwülen Hitze Panamas, den Geräuschen und Gerüchen in der staubigen, hektischen Stadt und der üppigen Natur. Dicht ist auch von Anfang die Atmosphäre, die sich zwischen Liana und Ruud entwickelt. Obwohl Liana sich mit aller Macht gegen die charmanten Annäherungsversuche des Hünen wehrt, entwickelt sie doch zusammen mit Pablo ein Gefühl für diesen Ort und dieses Hotel, und damit natürlich für Ruud, das es ihr zunehmend schwer macht wieder zu gehen.

Inmitten dieses Spannungsfeldes befindet sich Liana auch immer wieder auf den Spuren ihrer Kindheit - da sie ebenfalls in Südamerika groß geworden ist, damals noch zusammen mit ihrer Mutter.
Karin Bruders Roman liest sich angenehm abwechslungsreich, ist in seiner Sprache jedoch zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Sie macht häufig Gedankensprünge, wenn sie ihre Leser an der Innenwelt der Protagonistin teilhaben lässt, doch im Verlauf wird klarer, worum es wirklich geht, wie die Hauptperson tickt. Etwas bemüht fand ich persönlich die humorvoll-eigenwillige Kommunikation mit ihrem Großvater, die auf mich nicht so authentisch wirkt. Da diese Begebenheit unmittelbar nach dem Sprung in die Zukunft geschildert wird, fiel es mir zunächst schwer, in Lianas Geschichte zu finden. Doch ab der Ankunft in Panama-Stadt wollte ich wissen, wie das Abenteuer weiter geht, was mit Pablo wirklich geschehen ist.

Die Protagonistin, Liana, wirkt für eine so junge Frau überraschend abgeklärt, auf eine emotionale Weise geradezu resigniert. Gefühle möchte sie am liebsten sofort zurückweisen, sobald sie sich in ihr breit machen. Sie scheint eher ein sehr sachlicher, zielstrebiger Mensch zu sein. Warum Karin Bruder ihre Protagonistin so distanziert angelegt hat, bleibt zunächst rätselhaft. So hat aber der Leser über weite Strecken das Gefühl, eher außen vor zu sein. Ich hatte während des gesamten Romans nicht das Gefühl, Liana nahe zu sein. Blieb aber stets eine neugierige Beobachterin. Panama ist kein Buch, das man mal schnell durchliest - zumal das Familiengeheimnis, das hinter jeder noch so kleinen Andeutung lauert, ein fesselndes Element ist. Auch wenn es in der Mitte für meinen Geschmack ein wenig langatmig zugeht.

Dennoch: Karin Bruder bedient sich interessanter Metaphern und Perspektiven, die eher für eine etwas reifere, ältere Protagonistin sprechen. Daher würde ich dieses Buch nicht nur für Jugendliche ab 14 einstufen, sondern auch für erwachsene Leser. Im Kern ist es ein Coming-Up-Age Roman mit vielen interessanten Facetten. Denn Liana emanzipiert sich im Verlauf von ihrer Geschichte und auch von ihren sehr genauen Vorstellungen über ihr Leben.

Fazit

Wie eine Detektivin taucht Liana in eine rätselhafte Vergangenheit ein - eingebettet, in das wilde, fremde Panama erzählt der Roman von der Suche nach der Wahrheit und damit nach dem eigenen Lebensweg. Karin Bruders zweites Jugendbuch ist ein sehr atmosphärischer Roman, der seine Leser mit einer Distanziertheit mitnimmt, die eine gewisse Faszination ausübt. Ein vielschichtiges Buch, das auch erwachsenen Leserinnen gefallen dürfte.

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