Kein einziges Wort

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

Alma ist 15 und nicht besonders beliebt. Heimlich ist sie in Artur verliebt, erlebt intensiven Sex mit ihm- aber nur in ihrer Fantasie. In ihrer Realität spielt sich nichts dergleichen ab, nicht mit Artur und auch sonst mit niemandem. Auch wenn sie sich noch so sehr danach sehnt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie überall herumerzählt, dass Artur ihr seinen "Schwanz" gezeigt hat...

 

"Er hat mich mit seinem Schwanz gepikt" wiederholt Alma wieder und wieder. Zunächst mag niemand darauf reagieren. Bis sich die Sebjörn-Mädchen über sie lustig machen und Artur alles lachend abstreitet. Jetzt gilt Alma als restlos durchgeknallt.

 

Man weiß es nicht so genau

Die Geschichte geht zunächst einmal ziemlich undurchsichtig und – man kann es kaum anders sagen – schlüpfrig weiter. Was wirklich geschehen ist, also eine Antwort auf die große Frage, was sich tatsächlich vor dem Jugendzentrum abgespielt hat, wird bis ganz zum Schluss vorenthalten. Was ist mit Alma los, dass sie über den vermeintlichen Übergriff so albern redet? Ist es Unreife oder Unsicherheit?

Almas Wechsel von ihren sexuellen Tagträumen und dem damit einhergehenden Drang überall und mit allem, das irgendwie geeignet scheint, zu masturbieren, wechseln sich ab mit traurigen Momenten der Realität. Sie zeichnen ein sehr einsames Bild aus dem Leben der 15-jährigen. Sprachlosigkeit und Rückzug vergrößern die Distanz zu ihrer Mutter, die ratlos dem Verhalten ihrer Tochter gegenüber steht. Sie kann nicht nachvollziehen, was in ihrer Tochter vorgeht, erhält auch keine Antworten. In ihrer Ausgrenzung taucht Alma immer weiter in ihre Tagträume ab - und Artur, der glaubhaft abstreitet, dass eine solche Begebenheit je stattgefunden hat, lässt auch die Leser vermuten, dass es sich hierbei wieder um einen von Almas Tagträumen handelt. Nur, dass sie diesen nun in die Realität getragen hat - um was? Um Aufmerksamkeit zu erlangen? Ist es ein Hilferuf? Der Versuch, Artur für sich zu interessieren? Man weiß es nicht so genau.

Der Roman von Olaug Nilssen mit dem englischen Titel "Turn me on, Goddammit" wurde bereits verfilmt und hat als Komödie ganz gute Kritiken bekommen. Das kann ich jedoch bei dem vorliegenden Taschenbuch nicht finden; weder den komödiantischen Teil, der mit einem Zitat auf der Rückseite („Meisterhaftes Einfühlungsvermögen und großartiger Humor") versprochen wird, noch eine in sich schlüssige Story. Es erinnert mit seinen intimen Einblicken an Charlotte Roches Feuchtgebiete - nur in der Version für Jugendliche.

Eine große Portion Neugier wird junge Leser/innen sicherlich reizen, das dünne, nur 80 Seiten starke Büchlein in einem Rutsch durchzulesen. Doch anders als vom Verlag empfohlen, würde ich es nicht schon Leser/innen ab 14 empfehlen. Es bleiben zu viele ungeklärte Begebenheiten, werden Fantasie und Realität nicht eindeutig getrennt, fehlt der Geschichte einfach der rote Faden, eine irgendwie geartete Botschaft. Höchstens vielleicht doch die: Es ist nicht einfach, durch die Pubertät zu gehen. Ob aber alle Betroffenen so von ihrem Trieb beherrscht werden, das sei mal dahin gestellt. Ich glaube eher nicht.

Zumindest zeigt Autorin Olaug Nilssen auf unverkrampfte Weise, dass nicht nur Jungs in diesem Alter einen starken sexuellen Drang verspüren. Auch Mädchen können und dürfen sexuell aktiv sein, können fordernd sein und von ihren Trieben ganz vereinnahmt werden. Doch irgendwie geht auch das nicht so auf, dass ein wirklich unverkrampfter und lustvoller Umgang mit diesen starken Empfindungen dargestellt wird. Die Protagonistin wirkt eher verzweifelt und schockiert ihre Mutter mit horrenden Sex-Hotline-Rechnungen und dem Diebstahl von Pornoheften.

Alma fordert nicht, bleibt in der Isolation, in der Sprachlosigkeit. Bleibt gefangen in dem Sog von sexuellem Verlangen und ihrer Unerfahrenheit.

FAZIT

Schnell sind die 80 Seiten gelesen, halten die Neugier durch die vielen intimen Einblicke aufrecht, lassen den Leser aber mit vielen Fragezeichen und dem Eindruck einer nicht abgeschlossenen Geschichte zurück. Das macht das Büchlein, die Doppeldeutigkeit sei hier erlaubt, irgendwie unbefriedigend.

Couch-Wertung:

6

Leser-Wertung

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Rita Dell'Agnese
Schweigen oder Reden?Überschrift

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Nov 2015

Seit Simon mit seinen Eltern aufs Land gezogen ist, hadert der Junge mit dem Schicksal. Von ländlicher Idylle, wie sie die Eltern suchten, ist nämlich wenig zu spüren. Simon, der seit dem Umzug nicht mehr redet, wird in der Schule von einer Gruppe Jungs gequält. Nur Chris steht für ihn ein. Chris, ein Sonderling und Querschläger. Simon und Chris freunden sich an. Doch Simon spürt, dass mit seinem neuen Freund einiges nicht stimmt. Allerdings kann sich Simon nicht darum kümmern. Denn im Ort gehen einige unschöne Dinge vor sich. So wird unter anderem der Hund des Meiergut-Bauern Hubert Moos getötet. Simon, der das tote Tier findet, sieht einen Zettel daneben liegen, mit einer unmissverständlichen Drohung.

Der Zettel verschwindet aber, bevor die Polizei ihn sieht. Als Hubert verprügelt wird und der Hof brennt, weiß Simon, dass er sich längst jemandem hätte anvertrauen sollen. Er weiß mehr, als er der Polizei sagte. Und sein Schweigen hat mit dazu beigetragen, dass das alles passieren konnte. Aber Simon darf nicht reden. Kein einziges Wort darf er sagen. Das hat ihm ein anonymer Anrufer eingeschärft. Schließlich vertraut sich Simon Chris an - kurz darauf wird der Freund entführt. Und Simon wird sich bewusst, dass er viel zu lange geschwiegen hat.

Drei Geschichten

Andreas Jungwirth legt mit Kein einziges Wort einen höchst komplexen Jugendroman vor, der das Zielpublikum, Jugendliche von 12 bis 15 Jahre, stark fordern dürfte. Der Autor verpackt so einiges in seine Geschichte und streift damit die Grenze des Möglichen. Da ist mal Simon selber. Der Protagonist, der aus Protest gegen den ungewollten Umzug nicht mehr sprechen mag, seine Stimme aber wieder findet. Und einen Freund dazu. Aber der Freund, Chris, ist kein "braver" Junge. Er stiftet Simon, der bis anhin kaum mal gegen Verbote verstoßen hat, zu einigem Unfug an. Simon versucht Chris das Wasser zu reichen und eckt damit an. Diese Freundschaft, die sich festigt und zugleich auseinander zu brechen droht, ist ein zentrales Thema des Romans. Aber es geht noch um viel mehr. Um ein Einkaufszentrum, das nicht gebaut werden kann, weil der Meiergut-Bauer seinen Hof nicht hergeben will. Zunächst wird der Bauer subtil unter Druck gesetzt, dann werden die Maßnahmen schärfer. Und Simon weiß davon. Aber er hat Angst, darüber zu reden, seit er unter Druck gesetzt worden ist. Schließlich ist der Roman auch eine Familiengeschichte. Simons Schwester Anna schmeißt ihr Studium, weil sie mit einer Band Musik machen möchte. Die Intervention der Eltern prallt an ihr ab. Anna sagt sich von ihrer Familie los, was Simon stark beschäftigt.

Diese drei komplexen Geschichten ineinander verwoben ergeben ein tiefgründiges Leseerlebnis. Aber das wird durch die eigenwillige Schreibweise, zu der sich der Autor entschieden hat, nachhaltig getrübt. Über den ganzen Roman hinweg ziehen sich die Passagen mit groß geschriebenen Worten. Zuerst ist es lediglich irritierend, dann störend und zum Schluss schließlich nervig. Es mag sein, dass sich der Autor damit der Jugendsprache annähern wollte, die groß Geschriebene Worte als "Schreien" oder doch zumindest nachdrückliche Aussage versteht. Allerdings ist es nicht ersichtlich, weshalb gerade diese bestimmten Passagen groß geschrieben sind - der Sinn der eigenwilligen Schreibart erschließt sich nicht. Und es verlockt auch nicht, länger darüber nachzudenken - höchstens darüber zu sinnieren, das Buch wegzulegen, bevor die Geschichte zu Ende gelesen ist.

FAZIT

Andreas Jungwirth wollte mit seinem Roman in die Tiefe gehen und das jugendliche Publikum zum Nachdenken bringen. Teilweise gelingt ihm das. Teilweise jedoch wirken die Szenen überspannt, ausgelaugt und wenig überzeugend. Schade! Die Thematik ist gut gewählt, die Umsetzung lässt zu wünschen übrig.

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