Alles so leicht

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Thienemann, 2014, Titel: 'Paperweight', Originalausgabe

Couch-Wertung:

9

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Stefanie Eckmann-Schmechta
Glaubwürdige Umsetzung eines langen Weges

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Nov 2015

Die 16-jährige Stevie hat einen furchtbaren Plan. Ein Jahr nachdem ihr Bruder bei einem Unfall tödlich verunglückt ist, will auch sie sterben. Bis dahin will sie so leicht werden, dass ihr Körper aufgibt und sie aufhört zu existieren. Sie trägt die Schuld an dem Tod ihres Bruders. Das denkt Stevie, daran hält sie fest. Doch dann schickt ihr Vater sie in ein Therapiezentrum - mitten im Nirgendwo. Stevie will nur weg und ist auf keinen Fall bereit, den Bemühungen um sie auch nur einen Deut nachzugeben.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Stevies Geschichte, die durchaus sehr schmerzhafte Einblicke in das Leben der 16-jährigen gewährt, wird vom Verlag bereits ab 13 Jahren empfohlen. Ich war da zunächst skeptisch, vor allem, als nach und nach klar wurde, wie tragisch Stevies junges Leben verlaufen ist. Nicht genug, dass die Mutter die Familie verlässt, sich die finanzielle Situation dadurch verschlechtert. Dann ergibt sich auch noch ein tiefer Konflikt mit Stevies Bruder Josh, den sie so sehr liebt und der nach dem Verschwinden der Mutter zur wichtigsten Bezugsperson wird. Doch Stevies Bekanntschaft mit der oberflächlichen und selbstbezogenen Eden ändert alles. Stevie verhält sich plötzlich ganz anders und Josh, der die negative Veränderung mit Sorge erkennt, versucht so gut es geht auf seine jüngere Schwester einzuwirken. Bis er Eden selbst kennen lernt und die unglückseligen Ereignisse ihren Lauf nehmen. Die Geschwister werden plötzlich von Verbündeten zu Konkurrenten um die Liebe einer Person, die nur an ihrem eigenen Spaß interessiert ist. Es dauert sehr lange, bis Stevie das begreift.

Das ist nicht nur spannend zu lesen, es erklärt auch, warum Stevie so tickt, wie sie tickt; nicht, dass man es wirklich verstehen kann, aber es entbehrt nicht einer eigenen, inneren Logik - sei sie auch noch so fatal. Es sind gerade die inneren Rituale, ihre zementierten Glaubenssätze, die Stevie nutzt um ihrem Ziel immer näher zu kommen, dem Hunger nur nicht nachzugeben. Hier, an diesem Punkt, ist sie stark, kann endlich Perfektion erreichen. Ihrer erfolgreichen Mutter, der sie es nie recht machen konnte, zum Trotz. Und so bestraft sich Stevie auf der einen Seite für den Tod ihres geliebten Bruders und erreicht auf der anderen Seite ein Gefühl der inneren Genugtuung, ja, Zufriedenheit, wenn sie wieder einmal feststellt, dass ihre Rippen noch genauso hervorstechen wie sie es schön findet. Nur, wo hört es auf schön zu sein?

Dass Stevie sich ihren Motiven stellen muss, dass sie auch nach dem besagten Todestag ihres Bruders weiter existieren darf, sind zwei hart erkämpfte und schmerzhafte Erkenntnisse, die sie in der Therapie gewinnt. Dabei helfen ihre Mitpatientinnen und ihre Therapeutin Anna. Hat Stevie zunächst auf die Mädchen herabgesehen, die bei dem Therapieprogramm kooperieren, begreift sie nach und nach ihr Problem und kann sich den Mädchen gegenüber öffnen. Es ist das erste Mal, dass sie echte Freundschaft findet und sich so akzeptiert fühlt, wie sie ist. Sie lernt aus den Geschichten der anderen, dass diese auch einen schweren Weg hinter sich haben und genau wie sie tagtäglich darum kämpfen, mit der Krankheit fertig zu werden und das Leben zu bejahen. Ihre Therapeutin Anna versucht die Ursachen aufzudecken, so dass Stevie der Wahrheit ins Gesicht sehen kann, die eine ganz andere ist als jene, die Stevie sich in ihrer sprachlosen Verzweiflung zurechtgelegt hat.

Dass am Ende Stevies Hilfe bitter gebraucht wird und sie fürchtet wieder einmal zu versagen, ist einer der Höhepunkte der Geschichte. Damit wirkt der Roman nicht nur wie ein autobiografisches Tagebuch, sondern bietet mit seinen Rückblenden und dem aktiven Geschehen einen zunehmend fesselnden Verlauf.

Glaubwürdige Umsetzung eines langen Weges

Die Sprache und ihr Ausdruck sind klar auf Stevie zugeschnitten, die die Geschichte erzählt. Sie gewährt uns zu Anfang nur wenige Einblicke in ihre Vergangenheit, hält mit den tatsächlichen Ereignissen hinterm Berg, es wird deutlich, dass es sie sehr schmerzt, davon zu erzählen. Wir Leser werden neugierig, wollen wissen, was sie angeblich Schreckliches getan hat, um nachvollziehen zu können, warum es für Stevie keinen anderen Ausweg zu geben scheint. Mit ihr zusammen "arbeiten" wir das Geschehene auf und nähern uns der Protagonistin mehr und mehr an, die zu Anfang eher kühl und abgeklärt auf den Leser wirkt. Mit der Zeit bröckelt diese kühle Mauer und damit die absurde Überheblichkeit mit der sie sich gegen alle positiven Einflüsse von außen wehrt.

Dass dies auf so authentische Weise erzählt wird , ist auch dem autobiografischen Hintergrund von Autorin Meg Haston zu verdanken. Auch sie hat sich 2010 wegen einer Essstörung in eine stationäre Behandlung begeben. Daher kann sie auch so eindringlich beschreiben, wie es in einem solchen Therapiezentrum zugeht. Die Geschichte von Stevie hat Meg Haston zwischen den einzelnen Therapieeinheiten geschrieben. Um ihre eigenen Erlebnisse zu verarbeiten und auch sicherlich um mit Stevies Geschichte ihrer eigenen ein wenig entfliehen zu können. Obwohl Stevies Geschichte nicht ihre ist, musste auch sie mit vielem fertig werden, was zu ihrer Erkrankung führte.

Meg Hastons Schilderungen aus dem Therapiezentrum sind für Außenstehende interessant; zielen die Maßnahmen doch eindeutig darauf ab, den Erkrankten keinerlei "Trigger" zu bieten, um mit ihrer Sucht fortzufahren: Es gibt keine Information zu dem aktuellen Gewicht, Sportübungen sind verboten. Die verordnete Auseinandersetzung mit dem Essen, seine Zubereitung, die "Kalorienbomben" vor der sich jede der Patientinnen so sehr fürchtet, Einzel- und Gruppentherapie, das genaue Festhalten des Essverhaltens sind weitere Aspekte, die den Alltag bestimmen.

Anorexie, also das Ablehnen jeglicher Nahrung, empfindet Stevie als bewundernswert, denn diese Essstörung zeigt Stärke, Durchhaltevermögen, Kontrolle, Überlegenheit. Bulimie dagegen zeigt für sie, dass man sich nicht im Griff hat.

Es trifft sie schwer, dass Stevie hier in der Klinik einsehen muss, dass sie ausgerechnet zu der letzteren Patientengruppe, also den Bulimikerinnen, gehört. Nun wird ihr auch noch dieser einzige Triumpf genommen.

Also noch einmal zurück zu der Frage, ob das Buch wirklich schon ab 13 Jahren der richtige Lesestoff ist. Sicherlich sollte man junge Leser/innen ab diesem Alter nicht allein mit dieser Geschichte lassen. Andererseits muss man sich leider die Frage stellen, wann fängt eine Essstörung an? Egal ob Anorexie oder Bulimie. Wann fangen Mädchen oder Jungen an, die Bedürfnisse ihres Körpers mit ihrem reinen Willen zu unterdrücken? Fängt es mit dem Wettbewerb an, wer am wenigsten Fleisch auf den Rippen hat? Die Abfälligkeit, mit der Mädchen, die "eingeknickt" sind, begegnet wird, macht vieles auch ohne lange Psychogramme deutlich. Es geht um Wettbewerb und der fängt leider nicht erst in dem Alter von der Protagonistin Stevie an. Demnach finde ich das Alter schon angemessen - aber auf keinen Fall ohne jede Begleitung. Fragen und Ansichten sollten bei der Lektüre dieses Buchs ebenso Raum haben, wie eine ehrliche Hinterfragung zu dem eigenen Selbstbild. Denn dazu werden Mädchen - und auch Jungs, denn die sind auch mehr und mehr betroffen - indirekt aufgefordert. Wie siehst Du Dich? Stehst Du zu dir, so wie du bist? Bist Du auch im Wettbewerb mit den anderen, ist es ein Erfolg dünner zu sein, als die anderen? Wo liegt die Grenze? Gibt es überhaupt eine?

In einer Zeit, in der das Schönheitsideal mehr denn je durch Jugend und einen vermeintlich perfekten Körper geprägt ist, ist Alles so leicht ein Buch, das die Auseinandersetzung mit diesem fragwürdigen Ideal fördert. Wir sollten uns alle fragen, in wie weit diese Art von Schönheit wirklich realistisch und akzeptabel ist.

Das Ende von Meg Hastons Roman ist nicht weichgespült, zeigt aber dennoch einen guten Weg auf, den Stevie gehen kann und vor allem auch gehen will. Ich finde, und das auch im Hinblick auf die jüngeren Leser/innen, dass sie damit gut aus der Geschichte entlassen wird.

FAZIT

Meg Hastons Alles so leicht ist ein eindrucksvolles Buch; nicht weil es Sensationen, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit einem schwierigen Thema sucht. Das gelingt Meg Haston auf sehr authentische Weise. Der Roman liest sich sehr flüssig, erzählt spannend die Geschichte hinter der Geschichte und schafft es, seine Leser mit auf Stevies Reise zu nehmen - eine Reise, die wieder eine Zukunft hat.

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