Das Haus der verschwundenen Kinder

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 2012, Titel: 'The Cavendish Home for Boys and Girls', Originalausgabe

Couch-Wertung:

7

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Stefanie Eckmann-Schmechta
voller außergewöhnlicher Ideen und fantastischer Elemente

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Mär 2015

In Victorias Welt hat alles seine Ordnung. Alles andere akzeptiert sie nicht. In dem schönen Örtchen Belleville – der Name ist hier Programm – halten es auch wohl alle anderen Einwohner so. Doch dann verschwindet ihr bester Freund Lawrence und Victoria will das auf keinen Fall akzeptieren und begibt sich in ein Abenteuer voller düsterer Geheimnisse. Das Böse wohnt nur eine Straßenecke weiter und hat ein strahlendes Lächeln...

Eigentlich findet Victoria Lawrence unmöglich. Er ist schlampig gekleidet, zerstreut und überhaupt nicht perfekt – nur sein Klavierspiel ist es. Warum sie genau anfing, sich um ihn zu kümmern, weiß sie fast gar nicht mehr. Aber wenn Victoria sich einmal etwas vorgenommen hat, dann bringt sie es auch zu Ende. Eines Tages bemerkt sogar die unterkühlte Victoria, dass mit ihrem einzigen Freund etwas nicht stimmt. Er wirkt sehr ängstlich, macht rätselhafte Andeutungen. Dann ist Lawrence plötzlich verschwunden und die Ausreden seiner Eltern, die unter einem Bann zu stehen scheinen, können sie nicht länger vertrösten. Bei einem Nachbarn, der stets unfreundlich und brummig zu den Kindern ist, stößt sie ebenfalls auf eine Mauer aus Angst und Geheimnisse. Die Spur führt sie direkt zu Mrs. Cavendishs Kinderheim. Als sie dem düsteren Haus einen Besuch abstattet, wirkt alles so sauber und geordnet – zu geordnet. Genauso wie Mrs. Cavendish selbst, die sie strahlend empfängt. Doch was hat der Zettel zu bedeuten, den die Kinder ihr heimlich zugespielt haben?

Dicke rote Buchstaben waren quer über das Papier geschrieben: HILF UNS.

Obwohl alles in Ordnung zu sein scheint, in Mrs. Cavendishs Heim, lässt ihr dieser kleine Zettel keine Ruhe. Warum verschwinden die "störrischen" Kinder – und wohin? Warum kehren einige zurück und andere bleiben für immer fort? Was geschieht mit ihnen? Als auch noch ein Professor an ihrer Schule verschwindet, der ihr zuvor seine Angst gestanden hat, will Victoria nicht länger zusehen. Dann ist sie eben ein böses Mädchen und geht ebenfalls ins Heim. Sie will ihren Lawrence zurück. Koste es was es wolle!

Das Geisterhaus, in dem nichts ist wie es scheint

Schon die erste Begegnung Victorias mit dem herrschaftlichen Anwesen auf dem Parkgelände beschreibt die Autorin Claire Legrand mit einem bedrohlichen Unterton, der so unverortbar ist, dass ihre Leser auf ganz raffinierte Weise in eine ziemlich gruselige Atmosphäre gesogen werden. Es ist etwas, aber man kann nicht genau sagen was es ist. Schließlich zeigt das Haus sich mehr und mehr von seiner lebendigen und zum Teil boshaften Seite. Die Heldin Victoria wird es mit allzu lebendigen Deckenfresken, Treppen, Bildern und Räumen zu tun bekommen – überall aber lauern die Abermillionen schwarzer Käfer, die schon Tage zuvor um ihre Opfer herumkrabbeln, um sie Ende fortzutragen. Dabei geht Autorin Claire Legrand nicht gerade zartfühlend vor; sie zeigt auf ziemlich schonungslose Weise das wahre und hässliche Gesicht der Leiterin der Besserungsanstalt. Und niemand in dem schönen Ort Belleville weiß etwas, geschweige denn sagt etwas.

Das Setting – ein Haus und sogar ein Park, der ganz und gar ein Eigenleben zu führen scheint– sowie die Ideen, mit denen Claire Legrand ihre düstere Kulisse ausgestattet hat, sind sehr ideenreich und in ihrer Lebendigkeit gut vorstellbar. Hinzu kommt noch ihre klare, aber durchaus spannende Sprache, die, reich an Bildern, eine in sich geschlossene Welt vor dem inneren Auge entstehen lässt. Dabei spart sie auch nicht mit schwarzem Humor. Doch gerade zum Ende hin fällt dieser Aspekt vollkommen weg. Mehr und mehr entwickelt sich der Roman zu einer überhaupt nicht humorvollen Geschichte.

Doch bis man zur Auflösung und zum Höhepunkt der Geschichte gelangt, ist etwas Durchhaltevermögen gefragt. Immer wieder verfolgt die Heldin Victoria Spuren, die zu nichts führen – scheinbar. Dies ist für die Leser durchaus frustrierend, zumal sie nicht wissen können, wohin die Geschichte überhaupt führt. Spätestens aber ab dem Punkt, da Victoria in dem Heim "aufgenommen" wird, nimmt die Geschichte deutlich an Fahrt zu. Viele Rätsel ergeben nun mehr und mehr einen Sinn; auch wenn sich das Motiv für die Boshaftigkeit der Mrs. Cavendish nicht ganz erschließt.

Dass es zu Anfang etwas zäh zu lesen ist, liegt wohl auch an der Protagonistin, die schon ein ziemlich eigenwilliger und nicht gerade herzlicher Charakter ist. Victoria hat etwas übrig für Leistung, Ordnung, Organisation, Perfektionismus... sie möchte die perfekte Tochter sein. Da hat sie wenig Sinn für so gefühlsduselige Dinge wie Freundschaft. Kurz, sie ist in ihrer ganzen egoistischen, pedantischen und kühlen Art nicht gerade sympathisch. Das ändert sich, als ihr doch bewusst wird, wie sehr sie an dem schusseligen Lawrence hängt. Dann erst schmeißt sie all ihre Normen und Regeln über Bord, um hinter das Geheimnis seines Verschwindens zu gelangen.

Dies ist schließlich auch der Kern der Geschichte und zeigt damit Victorias Entwicklungsgeschichte auf. Denn natürlich sehen wir Leser im Verlauf des Romans, dass sie nicht nur willensstark und diszipliniert ist, sondern dass sie auch eine außergewöhnlich tapfere und mutige Freundin – und besonders klug noch dazu. Wie ihr es gelingt, die wahre, schreckliche Natur der strahlenden Mrs. Cavendish zu entlarven, soll hier nicht verraten werden. Aber es geht, wie bereits erwähnt, wahrlich nicht zimperlich zu und viele Sequenzen der Geschichte, und damit ihre in sich verwobenen Geschichten in ihr, scheinen direkt aus einem Albtraum zu stammen.

Bilder, die direkt aus unserem düstersten Unterbewusstsein zu kommen scheinen

Ganz klar, das Cover mit dem großen Schultor und den beiden ratlosen Schulkindern davor macht eher den Eindruck eines Romans für ältere Kinder. Zumal es auch einige, wenige schwarz-weiß Illustrationen von Sarah Watts im Innenteil gibt, die die Stimmung auf ganz schlichte aber auf passend unwirkliche Weise wiedergeben. Dennoch: Es ist ein zu düsteres Buch, als dass es wirklich gute Lesekost für die jüngeren Leser/innen wäre. Viele "Urängste" werden hier thematisiert; von den vielen krabbelnden Käfern bis hin zu dunklen, engen Räumen, die Konfrontation mit Verlust- und Versagensängsten und die Bestrafungen, die genau auf den persönlichen Ängsten der Kinder beruhen. Kinder werden dafür bestraft, dass sie so sind wie sie sind, ihnen wird ihre Natur geraubt und sie werden dafür bestraft, ihren außergewöhnlichen Talenten zu folgen, so wie Lawrence, der für sein Leben gern Klavier spielt... freie Gedanken, freies Handeln, Anderssein wird nicht geduldet.
Das Heim - eine Besserungsanstalt für Kinder, die einfach nur Kinder sind?

Vielleicht auch eine übertrieben verzerrte Reflexion unserer Gesellschaft, die sich ebenfalls möglichst gut erzogene, leistungsbereite und angepasste Kinder wünscht. Claire Legrand lässt nicht viel aus und das macht es zum einen zu einem Buch, das mit Vorsicht an jüngere Leser/innen weitergegeben werden sollte, zum anderen aber bleibt dieses Buch genau deswegen immer fesselnd und auf seine Weise glaubhaft. Eben weil ihre Helden und Heldinnen nicht geschont werden und sich wie aus Zauberhand eine Lösung für alle auftut.
Stellt sich die Frage, ob zu dieser verspielt-düsteren Kost ein Happy-End passen würde?

Fazit

Das Haus der verschwundenen Kinder scheint wie ein düsteres Märchen. Es ist voller außergewöhnlicher Ideen und fantastischer Elemente und dabei schonungslos konsequent in der szenischen Umsetzung. Aber es ist auch ein spannendes Buch, das die Entwicklungsgeschichte einer jungen Dame erzählt, die für ihre Freundschaft alles riskiert.

Das Haus der verschwundenen Kinder

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