Anders

Andi ist 16, die Sommerferien winken und das Testosteron fließt in Strömen durch seine Adern. Eigentlich ideale Voraussetzungen für einen legendären Sommer! Doch der Haussegen hängt schief, mit den Mädels klappt das auch alles nicht so wie er möchte und als Bobby dann auch noch seine Cousine Lilli, die über den Sommer da ist, anmacht, weiß er wirklich nicht mehr weiter.

Es geht um Pubertät. Und um alles was dazu gehört, wenn man 16 ist, in der Vorstadt von München wohnt, gerne Fußball und Gitarre spielt. Und wenn das mit den Mädchen nicht so richtig gut klappt, weil Bobby aus der Parallelklasse sie alle hat. Vor allem Katja, die Andi eigentlich haben möchte. Es ist also alles nicht so einfach! Dazu kommt noch, dass seine Mutter Esoterik-Heilerin ist, sein Vater ein alte Bücher sammelnder Nichtsnutz und folglich der Haussegen auch schon mal gerader hing. Seine ältere Schwester ist da noch das kleinste Problem für Andi. Aber zum Glück hat er mit Dirty Harry (Harry heißt er wirklich, und das "Dirty" hat er sich durch seine, sagen wir mal schlüpfrigen Witze, redlich verdient) Verstärkung an seiner Seite; einer, der ihn versteht!

Alles wäre halb so schlimm und nicht wirklich Stoff für einen Roman, wenn nicht Andis Cousine Lilli für zwei Wochen bei ihnen wohnen würde. Aus dem fernen Kiel kommt sie angereist und ist so alt wie Andi, sieht klasse aus und das letzte Mal als die beiden sich gesehen haben, hat Lilli Andis Pimmel als zu klein bezeichnet. Das ist zwar schon einige Jahre her, der Pimmel ist seitdem gewachsen, aber mit 16 und mitten in der Pubertät erinnert man sich halt an die wirklich wichtigen Dinge. Es kommt wie es kommen muss, Andi versucht, Lilli für sich zu erobern, aber die Welt scheint sich gegen ihn verschworen zu haben...

Freche Sommerlektüre ohne wirkliche Tiefe

Doktorspiele ist sehr frech, locker und frei Schnauze geschrieben, als Leser hat man nicht zuletzt durch die eingeworfenen direkten Ansprachen das Gefühl, man würde Andi beim erzählen zuhören. Und das tut man gerne, denn Andi beschreibt die Probleme eines typischen 16jährigen schonungslos, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und inklusive ständigem eigenen Penis in die Hand nehmen. Direkt aus dem Leben also!

Durch den sehr lockeren Stil, den relativ geringen Umfang und das Setting mitten im Sommer sollte man „Doktorspiele" lieber im Urlaub am Strand, statt bei Regenwetter vor dem Kamin lesen. Denn wirkliche Tiefe hat der Roman leider nicht, die Handlung kündigt sich in ihrer Entwicklung von der ersten Seite bereits an und das Ende wird niemanden so richtig überraschen. Aber man liest Doktorspiele auch nicht weiter, weil man wissen möchte wie es ausgeht, sondern weil man fasziniert ist, was bei Andi alles falsch laufen kann und sich immer wieder ertappt dabei, wie man alles mit dem eigenen Leben vergleicht. Dabei musste ich nämlich feststellen, dass es erstaunlich und beängstigend realistisch war; und zwar alles, was Jaromir Konecny mir hier in bester Jugendsprache präsentiert.

Ich hätte mir mehr überraschende Wendungen gewünscht, sowie etwas mehr Tiefe bei den Charakteren. Bis auf Andi bleiben alle anderen Personen doch leider etwas blass und eindimensional. Aber dafür ist es eben ein kurzer und knackiger Roman und kein ausgiebiger Schmöker. Eben kurz, frech, hingerotzt im besten Sinne.

Wer zu dem Buch gerne noch den Film sehen möchte: Ab dem 05.02.2015 ist auch die DVD zu dem Buch erhältlich.

Fazit

Doktorspiele ist ein super Wohlfühl-Gute-Laune-Sommer-Buch für ein oder zwei Nachmittage, in denen man am Strand liegt oder sich den Sommer im Vorhinein schon mal in den Kopf holen möchte. Nicht mehr, aber dafür wirklich perfekt! Für alle ab 14.

Anders
Anders
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Stefanie Eckmann-Schmechta
6

Jugendbuch-Couch Rezension vonMär 2015

ein fesselndes und poetisches Buch, das man nicht so schnell vergisst

Nach einem kuriosen Unfall an seinem zwölften Geburtstag liegt Felix Winter im Koma. Als er wieder erwacht, hat das Koma genauso lange gedauert, wie die Schwangerschaft seiner Mutter, ehe sie ihn auf die Welt gebracht hat. Doch Felix ist nicht mehr länger der, der er einst war. Er nennt sich fortan "Anders" – denn das ist er nun. Ein ganz anderer.

Eigentlich könnten sich Felix Eltern glücklich schätzen, dass sie ihren Sohn wieder zurück haben, nachdem er so unglücklich von der Eins am Kopf getroffen wurde, die sein Vater gerade an der Hauswand anbringen wollte. Es sollte eine große 12 dort stehen – zur Feier des Tages. Doch der Junge der wieder heimkehrt, ist ein ganz anderer. Während sich "Anders" Mutter schwer mit der Veränderung ihres Sohnes tut, versucht dessen Vater, sich dem Jungen wieder anzunähern. Letztlich ahnt er, dass sein Sohn etwas verbirgt. Doch auch Anders kann die Vorfälle vor seinem Unfall nicht rekonstruieren, so sehr er das auch möchte. Felix war ein ruhiger, unauffäliger Schüler, doch "Anders" fällt in der Schule auf: Er ist nicht nur anders, er ist ausgesprochen intelligent, unabhängig, unbeugsam; er kann Menschen auf eine Weise beeinflussen, die ans Übersinnliche glauben lassen. Während er seine neuen Kräfte für die gute Sache einsetzt, gibt es da einen Widerpart. Dieser Junge ist auch sehr stark, aber auf eine dunkle, zerstörerische Weise. Und genau dieser Junge möchte unter allen Umständen verhindern, dass Anders sich an das erinnert, was kurz vor seinem Unfall geschehen ist. Doch wie von selbst nähert sich Anders einem einsamen Witwer an und ahnt nicht, dass er der Schlüssel zu dem großen Geheimnis ist.

Eine fesselnde, aber andere Geschichte

Andreas Steinhöfel hat mit Anders einen Roman vorgelegt, der viel geheimnisvoller und in weiten Teilen sehr viel poetischer daherkommt, als seine anderen Romane. Das finde ich sehr mutig und zeigt, dass Andreas Steinhöfel auf sehr feine Weise auch ganz anders, rätselhafter schreiben kann. Das Wort „anders" kommt denn auch im Roman häufig vor, ebenso wie komplizierte mathematische Rechenspiele, die Felix auf einmal keinerlei Probleme bereiten: er erkennt überall einen Sinn, ein Muster. Dieser Freigeist, dieser Gedankenleser, der Felix nun ist, macht den Menschen um ihn herum aber Angst, weshalb die Schulleitung schon sehr bald darauf drängt, den außergewöhnlichen Jungen loszuwerden.

Anders ist auf seine ganz eigene Weise ein vielschichtig gezeichnetes Bildnis vom Anderssein in unserer Gesellschaft. Viele Anspielungen, menschliche Schwächen, Ausgrenzungen sind in dem neuen Leben von Felix bzw. Anders zu finden. Ich habe sie – zugegeben – nicht alle auf Anhieb zuordnen oder verstehen können. Doch das hat das atmosphärische, irgendwie eigenwillig-schöne Leseerlebnis nicht getrübt. Es hat mich vielmehr in einen Lesefluss versetzt, der mich stets aufmerksam sein ließ. Dieses Buch, diesen Jungen vergisst man nicht so schnell, vor allem, weil ich vermute, dass viel von Andreas Steinhöfel selbst darin steckt. Seine Hauptfigur Anders spürt die Natur eines Menschen ohne langes Nachdenken auf. Vor unserem inneren Auge erschafft Steinhöfel aus den Eigenheiten der Menschen eine sehr lebendige, glaubwürdige Szenerie, aller traumwandlerisch anmutenden Sequenzen zum Trotz. Dennoch hat es an manchen Stellen etwas Unversöhnliches. Durch Anders' Perspektive betrachtet, lässt Andreas Steinhöfel ganz klar seine Sympathien und Abneigungen für bestimmte "Typen" durchblitzen. Das liest sich sehr spannend, denn Anders kann die Menschen gut manipulieren – in den Dialogen könnte man es kaum treffender schildern. Anders gewinnt, denn er durchschaut die Gesellschaft, mit all ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Unverständnis, ihrer Engstirnigkeit.
Aber – denn jetzt muss leider eins kommen, und zwar ein großes – es ist kein Jugendbuch für Leser/innen ab 12 Jahren.

Während ich die dunklere Strömung, die Andreas Steinhöfel hier in seine Erzählweise hineinbringt, sehr faszinierend finde und seine Sprache mich abermals begeistert hat, habe ich mich oft gefragt, ob 12-jährige mit diesem Buch etwas anfangen können. Kaum ein Autor kann den Menschen so in die Seele und auf den Mund schauen und dabei so unaufgeregt all die Schwächen und Stärken eines Charakters bloß legen. Das verstehen Jugendliche sehr wohl und ich finde es auch wichtig, dass Literatur ihnen einen solchen Spiegel bietet. Doch ich finde, dass es für Leser ab 12 zu verschlungen, zu rätselhaft ist. In diesem Zusammenhang ist mir vor allem der Einstieg in die Geschichte aufgefallen. Zunächst fängt Andreas Steinhöfel sehr geheimnisvoll an, auch mit seiner gewohnt unverkennbaren Prise Humor, geht dann aber in eine geradezu groteske Situation über – als Felix ausgerechnet von der Geburtstags-Eins am Kopf getroffen wird – dass gerade junge Leser nicht wissen werden, was sie von alldem zu halten haben. Die Umstände, die zu diesem Unfall geführt haben, klingen einfach zu zotig. Dabei geschieht doch etwas sehr Dramatisches. Vielleicht wollte Andreas Steinhöfel der Situation damit die Schärfe nehmen, da kann man nur raten; wie ich bei vielem, was an Wendungen in diesem Roman vorkommt, die zwar nicht immer logisch, aber voller Symbolkraft erscheinen, auch nur raten kann. All das macht die am Ende doch sehr geheimnisvolle und zugleich auch sehr spannende Geschichte nicht unbedingt zu einem Jugendroman für Leser/innen ab zwölf Jahren. Eher würde ich sagen, dass es dann wieder Leser/innen ab 16 Jahren ansprechen könnte, aber die würden einen Helden, der jünger ist als sie, wohl eher verschmähen.

Fazit

Anders von Andreas Steinhöfel ist ein fesselndes und poetisches Buch, das man nicht so schnell vergisst. Die Sprache ist dicht, gewinnend und auf den Punkt. Anders wird sicherlich viele erwachsene Leser begeistern, aber es wird nicht viele Jugendliche erreichen. Die Jüngeren werden den sinnbildlichen, oftmals rätselhaften Ausdruck nicht ganz erfassen können und die Älteren werden sich lieber Helden in ihrem Alter zuwenden.

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