Ich und Earl und das sterbende Mädchen

  • heyne fliegt
  • Erschienen: Januar 2013
  • Heyne, 2012, Titel: 'Me & Earl & The Dying Girl', Originalausgabe
Ich und Earl und das sterbende Mädchen
Ich und Earl und das sterbende Mädchen
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Rita Dell'Agnese
5

Jugendbuch-Couch Rezension vonFeb 2015

Ein Krebsbuch, das keines ist

Greg ist ein Teenager, der vor allem sich selber in den Mittelpunkt stellt. Hauptsache, er kann seine Ideen umsetzen und Filme drehen. Einzig mit Earl verbindet Greg eine Art Freundschaft. Er schätzt den Zynismus von Earl und sieht es als Gewinn, dass Earl eine weitere Sichtweise in die gemeinsamen Filme einbringt. Gregs Mutter beobachtet die Entwicklung ihres Sohnes mit Sorge. Sie möchte, dass er noch andere Bereiche des Lebens kennen lernt. Da kommt ihr Rachel gerade recht. Das Mädchen, das Greg seit der frühesten Jugend kennt, ist an Leukämie erkrankt. Greg soll nach dem Willen der Mutter Zeit mit der Todkranken verbringen. Doch das ist ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Um einigermaßen klar zu kommen, beschließt Greg deshalb, seine Mutter mit den eigenen Waffen zu schlagen, und einen Film über Rachel zu drehen. Damit hat er ihren Wunsch respektiert und muss sich nicht verbiegen. Rachel ist aber ganz anders, als sich Greg vorgestellt hat. Der Junge, der keine Nähe zulassen wollte, merkt, dass ihn Rachels Art zu sterben mehr bewegt, als er zugeben möchte. Irgendwann kann sich Greg nicht mehr hinter der Kamera verstecken und muss sich der Wahrheit stellen. Es kostet den Jungen viel Überwindung, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen.

Die Geschichte hört sich im ersten Moment ganz nett an. Ja, der Klappentext lässt gar auf eine weitere Love-Story-Geschichte schließen: Rebellischer Teenager lernt ein sterbendes Mädchen kennen, verliebt sich und bekommt damit eine ganz andere Sicht der Dinge. Doch weit gefehlt. Jesse Andrews bietet weder eine Love-Story noch eine Geschichte, bei der ein berührendes Happyend Tränen in die Augen treibt. Was der Autor seinen jungen Leserinnen und Lesern primär bietet, ist ein Buch, in dem es vor allem um eine Person geht: Um Greg. Um das Befinden von Greg, um seine Ideen, seine Wünsche, seine Filme und seine Probleme damit, sich auf Rachel und ihre Krankheit einzulassen. Greg muss zwar über seinen Schatten springen und die Sache näher an sich heran kommen lassen, als er das wirklich will. Doch bleibt er trotz allem das, was er von Anfang an war: Ein Teenager, der sich selber im Mittelpunkt sieht und nicht bereit ist, von seiner Linie abzuweichen. Das macht den Protagonisten des Buches nicht besonders sympathisch. Oft möchte man als Leser Greg mal beiseite nehmen und ihm erklären, dass sich die Welt nicht nur um ihn dreht.

Geschrieben ist der Roman in Ich-Form, natürlich aus der Sicht von Greg. Hin und wieder kommen Dialoge dazu, manchmal eine Art Film-Drehbuch. Die abwechselnde Wahl des Schreibstils tut dem Roman nicht besonders gut. Jeder Stilwechsel stellt einen Bruch in der Erzählung dar und löst beim einen oder anderen Mal den Wunsch aus, das Buch beiseite zu legen und sich einer anderen Lektüre zuzuwenden. Bestimmt trägt dazu auch der ungeschminkte Umgang mit dem Thema Krebs ein Übriges bei. Obwohl der Autor sich bemüht, immer wieder mal einen lockeren Ton anzuschlagen, ist die Geschichte nicht ganz so leicht zu verdauen. Das, obwohl Rachel und ihre Geschichte beim Ganzen eher schmalspurig davon kommt und sich damit die ganze Bandbreite ihres Sterbens nicht so deutlich zeigt. Vieles ist der Phantasie des Einzelnen überlassen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Autor unbedingt versucht, authentisch zu wirken und die ganze Geschichte stellenweise den Eindruck hinterlässt, es handle sich hier um einen schnell mal auf Papier geworfenen Entwurf eines sprachlich uninteressierten jungen Mannes. Der Versuch von Jesse Andrews, sich seinem Protagonisten in dieser Weise zu nähern, bringt leider kein glückliches Ergebnis hervor.

FAZIT

Ich und Earl und das sterbende Mädchen sagt eigentlich schon im Titel, was Sache ist. Genau in dieser Reihenfolge ist nämlich die Bedeutung der Protagonisten zu verstehen. Damit sollte sich der Leser von vorneherein klar machen, dass er hier keineswegs ein Krebsbuch in Händen hält – vielmehr beschäftigt er sich mit der kleinen Welt eines heranwachsenden Jugendlichen, der erst sehr spät bereit ist, seinen Blickwinkel etwas zu erweitern.

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