Der Tag wird kommen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Coppenrath, 2012, Titel: 'Min tid kommer', Originalausgabe

Couch-Wertung:

6

Leser-Wertung

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Ein Roman, der Erwartungen bricht und Meinungen spaltet

Buch-Rezension von A Ev Sep 2014

Das Leben ist hart, wenn du ganz unten bist. Wenn deine Mutter keine Zeit für dich hat. Wenn dein Vater wünscht, du wärst nie geboren worden. Wenn der mieseste Schlägertyp der Schule dich auf seiner Abschussliste hat. Wenn sie auf dich eindreschen, Tag für Tag, bis du wie ein zitternder Haufen im Dreck liegst. Doch eines Tages können sie sich nicht mehr zusammenrotten – und dann bist du am Zug. Eines Tages werden sie sehen, wer du wirklich bist, was du wirklich kannst. Wozu du fähig bist. Aber bis es so weit ist, musst du überleben.

Ein Roman, der Erwartungen bricht und Meinungen spaltet. Es geht nicht nur um Mobbing in der Schule, sondern um den Ursprung des Bösen, um die Zukunft der Menschheit und die Möglichkeit, deren Geschichte zu verändern.

Der Titel Der Tag wird kommen klingt prophetisch. Etwas wird sich ändern, etwas wird passieren. Aber was? Von Anfang an steht diese unbestimmte Ankündigung im Raum. Sie verändert die Lektüre, verunsichert den Leser. Es ist unklar, was angekündigt wird, aber ohne Zweifel handelt es sich um etwas Erschreckendes – um ein Verbrechen oder eine Katastrophe?

Der Klappentext legt nahe, dass der Roman die verkürzende Klischee-Geschichte erzählt von einem typischen „Opfer", das ohne jedes Gefühl von Nähe aufwächst und in der Schule durch Mobbing und Gewalt soweit getrieben wird, dass es zur Waffe greift. Man erwartet den Verlust der Kontrolle, die Verzweiflungstat, den Amoklauf. Dazu kommt es aber nicht. Hans-Petter entscheidet sich nämlich bewusst gegen einen solchen Schritt. Nicht, weil ihm die Vorstellung nicht gefällt. Nein, jede Erleichterung beim Leser wird schnell enttäuscht. Seine Gründe: ein Amoklauf „das ist was für Loser" und „die Aktion ist zu ungenau".

Die Stärken des Romans liegen in der nuancierten Auseinandersetzung mit Mobbing an der Schule und in der Charakterzeichnung des Ich-Erzählers. Der fünfzehnjährige Hans-Petter will am liebsten unsichtbar sein. Wenn er nicht auffällt, dann gerät er auch nicht wieder in die Fänge von Andreas – dem Anführer einer gewaltbereiten Clique. Dafür tut er alles: obwohl er – laut IQ-Test – hochbegabt ist, strebt er mittelmäßige Noten an. Er hält sich zurück, meidet den Kontakt mit Lehrern, versucht zügig nach dem Unterricht zu verschwinden. Doch dann wird er plötzlich wieder sichtbar und alles geht von vorne los: sein Lehrer Gunnar spricht ihn vor seinen Mitschülern an, ob er nicht bei einem „Projekt" mitmachen wolle. Prompt versperrt Andreas Hans-Petter den Weg. Es folgen Drohungen, unbestimmte Ankündigungen, die Hans-Petter in Angst versetzen. Bitter ist es seinen Gedanken zu folgen, wenn er ausweglose Handlungsoptionen durchspielt. Auf dem Heimweg lauern sie ihm dann auf: schlagen ihn, treten zu und drücken sein Gesicht in den Dreck.

Hans-Petter ist das Opfer und wir kennen seine Perspektive allein. Deshalb fühlt der Leser mit ihm mit und wird leicht zur Schwarz-Weiß-Malerei verführt. Hans-Petter ist aus einem One-Night-Stand entstanden. Seine Mutter muss viel arbeiten und den Vater trifft er nur sporadisch zu Männergesprächen in der Kneipe. Er ist meistens allein und verbringt viel Zeit am Computer. Die Schule ist für ihn „einer der schlimmsten Orte, die man sich vorstellen kann." Als sein Vater ihm auch noch unverblümt sagt, dass er die Abtreibung wollte, dürfte wohl jeder Leser Mitleid empfinden. Aber, Moment mal: da gibt es noch die Ankündigung des Titels, die Prophezeiung einer dunklen Zukunft. Eine vereinfachende Täter-Opfer-Logik funktioniert hier nicht. Ist Hans-Petter wirklich nur der intelligente, sympathische Junge, der ein schweres Leben hat?

Hans-Petter ist ein runder und dynamischer Charakter. Er hat verschiedene Seiten und er entwickelt sich im Verlauf des Buches. Dabei ist es wichtig eine gewisse Distanz zu ihm zu behalten und seine Perspektive zu hinterfragen. Die Aussagen des Klappentextes etwa, stimmen mit der Realität nicht überein. Seine Mutter setzt sich für ihn ein – so sehr sogar, dass er ihre Umarmungen in der ersten Mobbing-Phase „so erdrückend [fand], dass [er sich] einfach entziehen musste". Sie macht mit ihm Filmabende und kümmert sich liebevoll. Sein Vater, so stellt sich heraus, wollte eigentlich eine Familie mit ihm und seiner Mutter gründen. Das verletzende Gespräch folgt aus seiner eigenen Enttäuschung, dass er im Leben seines Sohnes nie eine große Rolle spielen durfte.

Hans-Petter ist auch nicht besonders sympathisch: er liebt es mit seinem Vater „über die Idioten im Fernsehen und in den Zeitungen" zu lachen und bezeichnet seine Klassenkameraden als „pubertierende Halbaffen". Am unfairsten ist er zu seiner Mutter. Wiederholt betont er ihre geistige Einfachheit: „Sie ist nicht direkt dumm, aber von schlichtem Verstand. Lieb ist sie, herzensgut. Aber ziemlich simpel gestrickt". Es dürfte irritieren, dass sie Hochkultur schätzt und neben der Arbeit auch noch ein ergänzendes Studium absolviert. Hans-Petter setzt nicht nur andere Personen herab und begegnet seinem Umfeld mit einer arroganten Weltverachtung, sondern er verwendet dabei auch noch eine unangenehm aggressive Sprache, die zwischen Umgangssprache („Arschbacke") und einer irritierend gestochenen Sprache („von schlichtem Verstand") schwankt.

Die Suche nach dem Ursprung des Bösen ist das eigentliche Kernthema des Romans. Der Wechsel der Ebenen von der Psychologie (Mobbing) hin zur Philosophie (Ursprung des Bösen) passiert durch die Einfügung einer Handlungsdimension, die irritieren dürfte. Hans-Petter findet eine ungewöhnliche Freundin. Sie heißt Fera und kommt aus der Zukunft – oder zumindest glaubt sie das und Hans-Petter gewöhnt sich auch an den Gedanken. Rechnen konnte man mit dieser Science-Fiction-Einlage wirklich nicht. In recht aufgesetzt wirkenden Chats und E-Mails berichtet sie ihm von einer Dystopie, die stark an Brave New World und 1984 erinnert. Jeder hat seinen Platz und seine Funktion. Biologische Fortpflanzung ist abgeschafft. Essen wird rationiert. Alles Ungesunde ist verboten. Das Leben ist durch die „Richtlinien des Rates" geregelt und lässt keine persönliche Freiheit. Die Umwelt ist weitestgehend zerstört. Ein vierter Weltkrieg hinterließ eine post-apokalyptische Landschaft. Ausgelöst wurde der Krieg durch eine politische Bewegung mit „charismatischem Anführer", die in Hans-Petters Zeit ihren Ursprung nahm. Und genau deshalb hat Fera auch Kontakt aufgenommen...

Die Verbindung schafft ein dritter Handlungsstrang: Hans Petter erfährt, dass seine Mutter ein Verhältnis mit seinem Lehrer Gunnar hat. Er kommt mit der Situation nicht klar. Er möchte seinen Lehrer nicht zu Hause sitzen haben und befürchtet, dass dies endgültig seinen sozialen Tod besiegelt. Er hat also zwei Baustellen: „Gunnar ist Mums Lover" und „Andreas muss gestoppt werden". Das erste Problem führt schließlich unerwarteter Weise zur Lösung des zweiten. Hans-Petter beschimpft seinen Lehrer vor versammelter Klasse als „Pervo-Gunnar", der Probleme habe „sein Würstchen in der Hose zu behalten". Durch seine Ausfälligkeiten erfährt er zum ersten Mal Anerkennung. Andreas erkennt in ihm einen möglichen Verbündeten und so wechselt Hans-Petter nach und nach die Seite...

Fazit

Ein interessantes Gedankenspiel, das jedoch konstruiert wirkt. Die Beschreibungen des Alltags von Mobbing-Opfern und die Charakterdarstellung von Hans-Petter überzeugen, die Science Fiction Elemente irritieren, vieles bleibt eher oberflächlich und das Ende offen...

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