Ein Ort wie dieser

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Fischer, 2006, Titel: 'Vive la République!', Originalausgabe

Couch-Wertung:

6
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Melanie Reichert
Französische Leichtigkeit trifft auf ernste Themen

Buch-Rezension von Melanie Reichert Sep 2014

Cécile hat einen Traum – und der ist sogar noch in Erfüllung gegangen! Schon seit sie klein war, wollte sie Grundschullehrerin werden. Ihr wurden die Gene dafür quasi in die Wiege gelegt. Noch während der Schulzeit und dem Studium hat sie sich ausgemalt, wie es später wohl einmal sein würde, wenn sie endlich vor ihrer ersten Klasse steht. Doch die romantischen Träume entpuppen sich als harte Realität, als es dann tatsächlich soweit ist und sich Cécile 18 Erstklässlern gegenüber sieht.

Schnell wird ihr klar, dass ihre Schüchternheit dabei eher kontraproduktiv ist, denn die tobende Menge ist kaum unter Kontrolle zu bekommen. Dabei hat jeder Schüler sein Päckchen zu tragen: Sprachfehler, Hyperaktivität oder Überforderung werden schnell deutlich. Aber was dagegen tun? Eigentlich soll sie den Kleinen doch nur das Lesen beibringen. Auch Rassismus wird zum Thema, mit dem sich Cécile herumschlagen muss. Als sie sich dann auch noch verliebt, ist das Chaos perfekt. Schlimmer geht es nun ja nicht mehr, oder? Doch dann droht auch noch die Schließung der Schule ...

Dies ist mein erstes Buch der Autorin. Es ist in meinen Händen gelandet, weil „Simpel" einen riesigen Erfolg gefeiert hatte und ich neugierig war, was die Autorin denn so zu bieten hat. Den Hype um den Schreibstil von Murail kann ich zwar nicht ganz nachvollziehen, aber wenn man ein Buch mit aktuellen Themen und einem leichten französischen Schreibstil lesen möchte, dann kann man hier nichts verkehrt machen.
Was wohl als Besonderheit zu vermerken ist, sind die Kapitelbezeichnungen. Hier wird nicht nur klassisch mit einer nummerierten Abfolge gearbeitet, sondern auch die Fantasie des Lesers angeregt. Beispielsweise ist die Überschrift vom ersten Kapitel: In dem Cécile Barrois größte Schwierigkeiten hat, sich Männer in Schlafanzügen vorzustellen.

Wir bekommen die Geschichte in der Er-Perspektive erzählt, was eine gewisse Distanz zu den Protagonisten schafft. Allerdings wechselt die Perspektive auch öfter mal zwischen der Lehrerin, den Schülern oder Céciles Bruder hin und her. So kann der Leser am Geschehen dran bleiben und die Szenen aus allen Blickwinkeln verfolgen. Trotzdem schafft es die Autorin, ein Eindruck von den Charaktere zu vermitteln.

In dieser Story werden so einige Charaktere dargestellt, was es nicht immer einfach macht, zu folgen. Zum einen haben wir die Protagonistin Cécile, die sich in ihrem Lehreralltag herumschlägt und dann haben wir noch einen zweiten Handlungsstrang, der überwiegend den Freund von ihrem Bruder in den Mittelpunkt stellt. Zwar treffen diese beiden Handlungsstränge irgendwann aufeinander, aber dann gibt es da ja noch die 18 Grundschüler und ihre Eltern, die auch noch ein Wörtchen mitzureden haben. Irgendwie bekommt man es auf die Reihe, den Durchblick nicht zu verlieren, aber einfach war es nicht immer. Oft wird deswegen auch nur an der Oberfläche der Charaktere gekratzt, ohne konkreter zu werden, was ich persönlich schade fand. Cécile ist eine herzliche Protagonistin, die man einfach mögen muss.

Der größte Kritikpunkt geht an die Spannungskurve. Leider hat mich das Buch trotz aktueller Themen und der Vielzahl der Charaktere nicht packen können. Vielmehr habe ich öfter aus der Hand legen müssen, weil einfach keine Spannung aufkam. Gegen Ende hin wurde es etwas besser, aber davor haben wir oft nur Aneinanderreihungen von Abläufen, die wenig spannend oder aufregend sind. Vielleicht hätte man lieber auf ein paar Seiten verzichten und den Erzählstil dafür dynamischer gestalten sollen ...

Die Story kann ab 12 Jahren empfehlen, weil sie weder Gewalt noch Sex enthält, sondern sogar eher zum Denken anregt. Gerade das Thema Rassismus wird hier in den Mittelpunkt gestellt und ausführlich behandelt (Einwanderer-/Flüchtlingsfamilien). Auch der Kapitalismus kommt nicht zu kurz und zeigt auf, wie schädlich doch der Gedanke ans Geld manchmal sein kann. Schließlich hängt ja nicht nur ein Schicksal von der Schließung der Schule ab.

Fazit

Brisante Themen werden in den Mittelpunkt gestellt und altersgerecht behandelt. Leider ist die Geschichte, die drum herum erzählt wird, etwas zäh und langwierig, sodass die Spannung leider verloren geht. Wer aber einen Roman fürs Herz sucht – inklusive Seufzer –, ist hier genau richtig.

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