Das Ende der Lügen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • dtv, 2013, Titel: 'The Summer of Telling Tales', Originalausgabe

Couch-Wertung:

9

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Rita Dell'Agnese
Du hast doch nichts mehr zu verbergen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2014

Es ist für die beiden Schwestern Grace und Ellie gleichzeitig Erleichterung und Grund für unendliche Angst, als sie nach Hause kommen und ihre Mutter sie auffordert, in Windeseile das Allernötigste zu packen. Innerhalb kurzer Zeit verlässt die kleine Familie das stattliche Haus, in dem sie bisher lebte. Unter grosser Angst lebte. Denn der Vater terrorisiert Frau und Kinder, verlangte von ihnen absoluten Gehorsam und bestraft sie für das kleinste Vergehen massiv.

Die beiden Schwestern sehen die Flucht zusammen mit ihrer Mutter zunächst als Abenteuer. Während Grace sich Gedanken darüber macht, wie es nun weitergehen soll, sieht sich Ellie in der glücklichen Lage, sich neu zu erfinden. Sie, die bisher keine Freunde hatte, weil sie nie über ihr Elternhaus sprechen durfte, findet schnell Anschluss in der neuen Schule. Und auch die Mutter scheint das Gröbste überwunden zu haben. Die drei haben in einer Wohnwagensiedlung Unterschlupf gefunden und die Mutter hat sogar einen Job, mit dem sie die Familie notdürftig über Wasser halten kann. Grace bleibt für ihre Mitschüler ein Geheimnis, sie ist zurückgezogen und öffnet sich kaum. Grace findet ihre Bestimmung in der Musik, die sie zum ersten Mal auf eine Weise ausleben kann, wie sie es selber möchte. Doch Ellie sprudelt vor Energie und stellt sich dem neuen Leben mit einem grossen Lebenshunger. Bis eines Tages die Idylle gestört wird. Denn der Vater hat nie aufgehört, nach seiner Frau und den beiden Töchtern zu suchen. Die beiden Mädchen und ihre Mutter wissen, dass sie sich nun der Wahrheit stellen müssen und sich nicht weiter verbergen können.

Der Roman um Gewalt in der Familie ist abwechslungsreich erzählt. Autorin Laura Summers nutzt als Stilmittel den Perspektivenwechseln. Mal erzählt sie die Geschichte aus Sicht von Grace, mal ist die Erzählerin Ellie. Optisch abgesetzt sind die beiden Erzählungen durch ein unterschiedliches Schriftbild. So ist immer klar, aus wessen Sicht der Leser gerade auf die Ereignisse blickt. Die besonnene Grace macht sich nicht nur um die Mutter Sorgen, sondern auch um die jüngere Schwester, die davon aber kaum etwas ahnt. Sie fühlt sich von Grace oft unverstanden und bevormundet. Dank des Wechsels der Erzählerin erfahren die Leser auf diese Weise auch viel über das Verhältnis der beiden Mädchen zueinander. In ihrer ganzen Unterschiedlichkeit sind sich die Schwestern näher, als sie beide glauben.

Der Roman beleuchtet eine Situation, wie sie vielfach und oft jahrelang unbemerkt vorkommt. In einer Familie herrscht brutale Gewalt, physischer oder psychischer Natur, doch nach aussen hin versuchen Täter wie auch Opfer das häusliche Desaster zu verbergen. Sehr schön zeigt Laura Summers anhand der beiden Mädchen auf, was das für die Betroffenen bedeutet: Sowohl Grace als auch Eli sind Meisterinnen im Vertuschen und Ausweichen. Sie vertrauen niemandem, denn sie müssen davon ausgehen, dass die Situation noch viel schlimmer wird, wenn jemand von aussen interveniert. Je älter die Mädchen werden, desto mehr schlägt das Mitgefühl gegenüber der Mutter, die den grössten Zorn des Vaters abbekommt, in eine leise Form von Verachtung um. Sie erkennen, dass die Mutter zu schwach ist, um ihre Kinder, aber auch sich selber gegen den Mann aufzulehnen und ihm etwas entgegen zu setzen. Nach der Flucht müssen sie zudem erkennen, dass die Mutter keinerlei Selbstvertrauen mehr besitzt. Es ist einmal mehr an den Mädchen, sich dafür einzusetzen, dass die kleine Familie überleben kann.

Laura Summers verzichtet auf jede Form von Anklage – selbst dem brutalen Vater gesteht sie einen erklärenden, wenn auch nicht entschuldigenden Hintergrund zu. Obwohl das Thema keineswegs ein einfaches ist, eignet sich der Roman ausgezeichnet für die vorgesehene Altersklasse von 12 bis 15-Jährigen. Ellie und Grace stecken den passenden Rahmen und erzählen auf eine Weise, die zwar eindrücklich ist, aber auch verarbeitet werden kann.

Fazit

Laura Summers zeigt auf, dass nicht alles, was idyllisch wirkt, auch Idylle bedeuten muss. Sie lässt hinter die Kulissen einer scheinbar glücklichen Familie blicken und zeigt die zerstörerische Wirkung von Gewalt auf. Gleichzeitig lässt sie ihre beiden Protagonistinnen erkennen, dass man sich zwar neu erfinden kann, letztlich aber das bleibt, was man immer war: Man selbst.

Das Ende der Lügen

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