Zertrennlich

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

Der siebzehnjährige Elliott hat vor Monaten einen Autounfall mit Fahrerflucht überlebt. Zwar war er wenige Minuten klinisch tot, kam dann aber zurück ins Leben. Seit dem Unfall hat Elliott Alpträume, sein Geist verlässt den Körper und streift durch das Apartment, in dem er und sein Vater wohnen. Vor Jahren hat sich in eben diesem Apartment die junge Tess Fielding das Leben genommen. Deren Geist kann Elliott sehen, wenn er seinen Körper verlässt. Seine nächtlichen Erlebnisse werden immer unheimlicher, und er weiß nicht, ob er langsam wahnsinnig wird, oder ob die Geisterwelt tatsächlich existiert. Elliott sucht sich einen Job und arbeitet in einem Museum, in dem Geistertouren angeboten werden. Dort verliebt er sich in Ophelia, die ihn anfangs nicht mag, was sich durch ein gemeinsames unschönes Erlebnis langsam ändert. Elliott findet heraus, dass die Geisterwelt real ist und, schlimmer noch, er durch einen anderen Geist bedroht wird.

Außerkörperliche Erfahrungen

Die Richtung des Romans von Harrison ist durch den Anfang eindeutig bestimmt. Das Phänomen außerkörperlicher Erfahrungen oder Astralreisen, bei denen ein betroffener Mensch das Gefühl hat, sich außerhalb seines Körpers zu befinden und sich selbst zu beobachten, bekannt auch als Seelenwanderung in manchen Religionen und okkultistischen Ausformungen der Esoterik, Gegenstand der Forschung in der Psychiatrie und Psychologie, bildet den Ausgangspunkt des Romans. In einer Genrezuweisung wäre Schlaf nicht ein deshalb als "Geistergeschichte" und unter der schrägen, aber gängigen Bezeichnung "paranormale Romanze" einzuordnen.

Harrison verkoppelt das Motiv der außerkörperlichen Erfahrung mit dem medizinischen Phänomen der Schlaflähmung, die die Bewegungsunfähigkeit des Körpers in Traumphasen bezeichnet, und überführt beides auf spannende Weise in den Horror.

Elliott ist ein typischer Teenager, mit Merkmalen, in denen sich die meisten Leser wiederfinden dürften. Er ist zuverlässig, umgänglich und verbringt gerne Zeit mit anderen Menschen, darunter seinem Bruder Adam. Seit seiner Nahtoderfahrung hat sich sein Leben grundlegend verändert. Weil er kaum noch schläft, ist er erschöpft, depressiv und verunsichert. Mit seinem Problem geht er offensiv um, versucht herauszufinden, was mit ihm geschieht und ob er etwas dagegen unternehmen kann. Die Antworten, die er findet, und die Entwicklung der Handlung sind vorhersehbar, weil auch aus einer Reihe von Filmen bekannt. Als Leser oder Leserin lässt man sich von Elliott gerne durch die Handlung führen, weil er nicht oberflächlich in seinem Denken ist.

Harrison beschreibt mit Elliott und seinem Umfeld nachvollziehbare Charaktere, und sie entwickelt die Beziehung zwischen Elliott und Ophelia langsam und glaubwürdig, mit Kanten, die teilweise sehr scharf sind. Ein guter Teil der Charaktere hat schwer an der Vergangenheit und an einem Geheimnis zu tragen.

Fazit

Michelle Harrisons Schlaf nicht ein erzählt eine clever konstruierte und bekannten Mustern folgende Geistergeschichte, die tief im Alltag verwurzelt ist. Entlang einiger Wendungen beschreibt Harrison eine Folge von Ereignissen, die in eine tödliche Auflösung münden.

Couch-Wertung:

9

Leser-Wertung

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Rita Dell'Agnese
Wer hat Schuld auf sich geladen?

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Sep 2014

Die Zwillinge Viola und Isolte wachsen in einer ungestümen Freiheit auf. Ihre Mutter ist aus einer Hippie-Kommune ausgezogen, um ihren Töchtern mehr Halt im Leben zu geben. In einem kleinen Haus, umgeben von Wiesen und Kieferwäldern an der englischen Ostküste, entfalten sich die zwei Schwestern in ihrer ganzen Verschiedenheit. Isolte, von allen Issy genannt, drängt nach vorne, Viola ist eher zurückhaltend und steht oft im Schatten ihrer Schwester. An einem schönen Sommertag begegnen die beiden Mädchen den Brüdern John und Michael – ebenfalls einem Zwillingspaar.

Die Kinder fühlen sich einander verbunden. Besonders zwischen Viola und John entsteht eine enge Beziehung. Als die Mutter der Mädchen sich ins Meer stürzt und nur noch tot geborgen wird, werden Viola und Issy von ihrer Tante aus London aufgenommen, einer wesentlich älteren Schwester ihrer Mutter. Diese versucht, den Beiden sowohl die tote Mutter, als auch den unbekannten Vater zu ersetzen. Doch beide Mädchen können nur schwer mit dem Verlust ihres bisherigen Lebens umgehen. Issy stürzt sich ins Leben und versteckt sich hinter der Maske der erfolgreichen Modejournalistin. Viola hingegen hört auf zu essen und droht, an ihrer Magersucht zu sterben. Beide von ihnen tragen in sich eine schreckliche Erinnerung und das tiefe Gefühl von Schuld. Schuld, die ihre Mutter das Leben gekostet hat.

Zertrennlich lässt sich nicht so einfach zuordnen. Ist es nun ein Jugendroman, der auch Erwachsene im Visier hat – oder ein Erwachsenen-Roman, der auch Jugendliche anzusprechen vermag? Die Frage, die sich bis zuletzt nicht richtig beantworten lässt, ist nicht ohne Relevanz. Denn die Problembereiche, die hier angesprochen werden, klaffen teilweise erheblich auseinander. Zum einen geht es um die Frage, wie viel Wildheit den Kindern zuträglich ist. Viola und Issy, die zunächst von ihrer Mutter unterrichtet wurden, schaffen den altersgerechten Anschluss in der Schule nicht. Sie werden zurückgestuft, sind dadurch auch Außenseiterinnen. Erst recht, da sie von der Mutter mit selbstgenähten Kleidern ausstaffiert sind, die sie für alle sichtbar stempeln.

Doch die Zwillinge stehen sich gegenseitig bei und entkommen so der fatalen Ausgrenzung auf ihre eigene Weise. Dann ist da das ungezügelte Leben der Mutter, die zwar der Kommune den Rücken gekehrt hat, aber die freie Liebe lebt. Den Mädchen fehlt Halt, etwas, das sie in bescheidenem Masse von der Mutter von John und Michael erfahren. Doch dort braut sich ein anderes Unheil zusammen. Wann immer der Vater zuhause ist, haben die Jungs später blaue Flecken. Viola und Issy sind zunächst nicht in der Lage, diese Flecken mit dem Umstand „Kindsmisshandlung" in Zusammenhang zu bringen, doch je länger desto mehr können sie die Situation einschätzen – und lernen, sie zu ignorieren. Denn die Jungs wollen darüber nicht reden. Hier sind also einige Themenbereiche angesiedelt, die ganz klar Jugendliche ansprechen.

Etwas ambivalenter verhält es sich mit dem Thema Magersucht. Zwar zerstört Viola durch ihre Verweigerung von Essen ihren Körper, doch tut sie dies bereits als junge Frau mit einem etwas reiferen Verstand. Ihre Gedankengänge im Krankenhaus lassen die Leser sehr nahe an den Abgrund heran kommen. Während Issy als Romanfigur gezeichnet ist, nimmt Viola als Ich-Erzählerin noch stärker Raum ein. So bleibt es beim Leser zunächst fast unbemerkt, dass auch Issy dabei ist, sich zu zerstören. Ihre konsequente Maskerade verbirgt die verletzliche junge Frau und bringt eine kühle, scheinbar erfolgreiche und vor allem urbane Berufsfrau hervor. Bis Issy nicht mehr vor sich selber davon laufen kann und ihr die Maske unvermittelt vom Gesicht gerissen wird.

Dem Leser wird mit Zertrennlich ein schillerndes Werk vorgelegt, das immer wieder neue Facetten aufweist. Doch ist es oft schwierig, ihm zu folgen. Der teils rasche Wechsel in der Erzählabfolge – Autorin Saskia Sarginson springt zwischen den beiden Schwestern hin und her – fordert die Leser und es braucht immer wieder kurze Momente, um inne zu halten und sich auf die neue Situation einzulassen. Das aber lohnt sich auf alle Fälle. Denn die Autorin hat auf so subtile Weise eine solch große Fülle von verschiedenen Aspekten in den Roman hinein gepackt, dass es bis zur letzten Seite immer wieder Neues zu entdecken gibt.

FAZIT

Saskia Sarginson legt eine interessante Mischung von liebevoll erzählter Kindheitserinnerung und tiefgreifenden Problemkreisen vor. Sie lässt den Leser von der einen in die andere Welt taumeln, gibt ihm hin und wieder Verschnaufpausen und lässt ihn dann ins Bodenlose fallen, um ihn kurz vor dem Aufprall aufzufangen. Dieses Wechselbad der Gefühle ist gekonnt in Szene gesetzt und wirkt noch lange nach.

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