Der Krieg und das Mädchen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

Dieses Buch besteht eigentlich aus zwei Geschichten. Die eine ist die von Ferdinand und August, die andere die von Max. Beide verschränken sich einmal an der Front im Ersten Weltkrieg, und dann am Ende des Krieges – und am Ende des Buches – ein zweites Mal. Ansonsten werden sie hintereinander und auch an verschiedenen Schauplätzen erzählt.

Los geht's mit Ferdinand und August, zwei Leipziger Jungs, gerade alt genug, um sich im Sommer 1914 freiwillig an die Front zu melden. August voller Begeisterung. Ferdinand will eigentlich nicht. Seine Eltern sind Sozialdemokraten und stehen dem Krieg kritisch gegenüber:

 

"Jeder Krieg bringt Blutvergießen, Leiden und Sterben. Die Gewerkschaften sind gegen den Militarismus. Der Krieg ist für die Kapitalisten unentbehrlich, es geht um Weltmärkte und nicht um einen toten Thronfolger. Der Krieg führt die kleinen Leute, die sich morgen gegen die herrschenden Klassen wenden könnten auf die Schlachtfelder, wo sie sich gegenseitig niedermetzeln."

 

So redet Ferdinands Vater beim Abendbrot. Diese Argumente und Ansichten der Pazifisten und Sozialisten, die die Autorin ihm in den Mund legt, mögen uns Lesern diese Thematik näher bringen; die Figuren hält sie so allerdings weit auf Distanz. So gestelzt unterhält sich doch keine Familie beim Abendbrot! Ferdinands Mutter ist ähnlich. Als klar ist, dass auch Ferdinand Soldat wird – in erster Linie, um seine Flamme zu beeindrucken, die einen schneidigen, reichen Uniformträger heiraten soll und will – hört er von Muttern zum Abschied:

 

"Schreib, was du siehst, was du erlebst, alles. Nichts Geschöntes, nichts Gefärbtes, Lügen hören wir hier schon genug."

 

In der Zeitung – bei der sie arbeitet, werde sie nicht alles veröffentlichen können.

 

"Aber es schärft unter uns Genossen ein Bewusstsein für die Realität des Krieges."

 

Ja danke, jetzt haben es alle Leser verstanden, wie es damals war mit der Propaganda und der Zensur. Ein "Hab dich lieb, pass auf dich auf" für den Sohn wäre trotzdem nett gewesen.

Zwar bleiben August und Ferdinand eher am Rande, sie stapeln Munitionskisten, schippen Schützengräben und sind Nachrichtenkuriere. Aber sie erleben auch Hunger und Läuse, Schießereien, Verwundete, Gefangene, Elend und Tod. Ferdinand schreibt in seine Briefe, was Mutter ihm aufgetragen hat; was natürlich der Zensurstelle der Feldpost auffällt. Weshalb ihn bald hat ein gewisser Leutnant Pfals, ein hochdekorierter Scharfschütze und glühender Nationalist, auf dem Kieker hat; und August auch, der hat einem französischen Gefangenen zu trinken gegeben, aus seiner eigenen Feldflasche. Deutsches Wasser für den Erbfeind, das kann Pfals nicht dulden.

Ferdinand schreibt und fotografiert fortan nur noch heimlich und sammelt alles in – genau – in der braunen Ledertasche. Für später.
Und damit endet die erste Geschichte.

Und die zweite Geschichte beginnt, die von Max: Sohn aus gutem Hause, hochbegabt, latent eingebildet und ein bisschen naiv, der sofort für den schneidigen Pfals schwärmt und sich glücklich schätzt, von ihm mit Sonderaufgaben betraut zu werden, in Einzelaktionen Leute totschießen zum Beispiel. Bis eine Granate zwischen sie kracht, als sie gerade drei erschossen und einem eine braune Ledertasche abgenommen haben.

Max und Pfals kommen schwerverletzt ins Lazarett. Als Max sich die Tasche genauer anschaut, die Pfals so wichtig gewesen war, erkennt er, dass die Tasche einem Deutschen gehört. Sie haben also Deutsche erschossen! Sein Idol hat offenbar eine ganz eigene Definition von Feinden, und hat ihn, Max, für einen Privatfeldzüge eingespannt. Andere Soldaten zu erschießen ist Soldatenhandwerk; bei eigenen Leuten ist es Mord. Max verheimlicht die Tasche vor Pfals und gibt sie einem Verletzten, der nach Hause kommt, mit.
Wieder Schnitt.

Es ist mittlerweile 1918, wir sind in Berlin. Max hat das "Kriegszittern" - so nannte man damals die Krankheit, die heute den Namen Posttraumatische Belastungsstörung trägt und nach wie vor bei Soldaten auftritt. Er hockt in seinem Kinderzimmer, von Ärzten auf gut Glück behandelt, von seinen Eltern abgeschirmt und von hochrangigen Militärs gedrängt, sich an diese Ledertasche zu erinnern.

Seine Cousine und vielleicht Geliebte Sophie reist an. Sie macht Max gesund, mit Reden, Zuhören, Spazierengehen, guter Suppe, ihrem Hund Tarzan und ihren wilden Locken, auch wenn es dauert. Und durch ganz, ganz viele Zufälle findet sie den Verletzten aus dem Lazarett und die Tasche. Und was ist drin? In einer "geheimen" Seitentasche handfeste Beweise, dass Leutnant Pfals auf eigenes Kommando deutsche Soldaten, die ihm nicht vaterlandstreu genug waren, erschossen hat – als letztes, zusammen mit Max Ferdinand.

Diese plötzlich auftauchende geheime Seitentasche verstimmt ein bisschen. Wir Leser waren mit Ferdinand und seiner Freundin im Bett, wir waren mit ihm auf dem Klo, da hätten wir vielleicht auch von dieser geheimen Seitentasche erfahren können. Oder Max hätte im Lazarett vielleicht ein bisschen genauer hinschauen können! Die Autorin wollte uns nur platt bei der Stange halten. Damit wir Sophie und Max auch noch durch die letzten Kriegsmonate folgen, bis zur Revolution und zur Ausrufung der Republik und wir so alles rund um den Ersten Weltkrieg erfahren, was sie uns vermitteln und nahe bringen wollte.

Was ihr ja auch gelungen ist, aber trotzdem. Insgesamt gibt sich das Buch mit Zeittafel und umfangreichem Glossar recht sachlich und es wird explizit als Schullektüre angeboten, mit Materialien im Netz unter www.elisabeth-zoeller.de. Schade, dass an keiner Stelle thematisiert wird, was die Autorin erfunden hat und was historische Wahrheiten sind. Ohne Vor- und Hintergrundwissen ist das beim Lesen kaum zu entscheiden.

Optisch ist das Buch schön gemacht, in grau und sepia gehalten, mit abgedruckten Feldpostkarten oder Notizbuchseiten zu jedem Kapitel.

Fazit

Der Roman um den Ersten Weltkrieg ist ziemlich konstruiert, aber das so gut, dass man ohne Langeweile durchhält, bis die Autorin alles losgeworden ist, was sie den jugendlichen Lesern vermitteln und nahebringen will. Für Schullektüre vergleichsweise spannend. Allerdings ist ohne Vorwissen nicht immer zu erkennen, was Fiktion ist und was historische Wahrheit. Ein richtiges Sachbuch dazu kann deshalb nicht schaden. Und wer sich für den Ersten Weltkrieg interessiert, findet hier auch wirklich packende Titel.

Couch-Wertung:

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Ein Mädchen, zwei Todesfälle, drei Verhaftungen, vier Männer, zwei davon schwul – und dann auch noch der Weltkrieg.

Buch-Rezension von S It Jun 2014

Polizisten kommen in die Wohnung der 17-jährigen Mila und ihrer Mutter; die beiden sind arglos, lassen sie die Räume durchsuchen, bieten sogar Kaffee an. Dann ruft der eine:

 

"Chef, ich glaube, wir haben was gefunden!"

 

Mit dieser Szene beginnt das Buch, eine Art Prolog. Denn chronologisch gehört sie eigentlich in die Mitte des Buches, da taucht sie in der Tat auch noch mal auf und dann wird man sie auch verstehen – was einem am Anfang nicht recht gelingen will.

Was man aber versteht ist: hier geht es nicht nur um den Krieg und ein Mädchen, sondern auch um einen Krimi und ein Mädchen. Und der Erste Weltkrieg ist hier wirklich nur Rahmen, Kulisse, Hintergrund, sehr präsent, denn natürlich bestimmt er das Tagesgespräch zwischen Eltern und Kindern, Freundinnen und Freunden, in der Schule. Auch der Krimi wäre ohne Krieg ein anderer, es geht um Vaterlandsliebe und -verrat, zumindest vordergründig. Und dass Mila völlig unschuldig hineingezogen wird, weil sie einen französischen Nachnamen hat, wäre heute kaum denkbar. Aber damals war Frankreich seit Jahrzehnten der "Erbfeind" und je näher der Krieg kommt, desto öfter und heftiger werden in Deutschland lebende "Froschfresser" angefeindet.

Ansonsten spielt der Krieg nur die Rolle, die er im Leben dieser Mila eben spielt. Der Autor hat nicht versucht, die komplette historische Erkenntnislage in seinen Roman zu verpacken – anders als in einigen Büchern, die auch neu zum Thema erschienen sind, bei denen man das "Herangeführt werden an die Thematik" aber doch deutlich spürt. Immerhin, über die Thematik wird man bei solchen Büchern ganz gut informiert. Bei diesem bleiben Lücken. Aber dafür ist´s ja auch ein Roman und kein Sachbuch. (Und wer seine Lücken füllen will: Mehr Bücher stellen wir im Special auf der Jugendbuch-Couch und auch auf der Kinderbuch-Couch vor.)

Sondern eben ein Krimi: Mila trifft eine Frau, Sheena. Die hat den vom Vater organisierten Bräutigam mit Genuss abserviert und der ist nun sauer. Und zwar doppelt, weil sie auch noch gegen den heraufziehenden Krieg ist, anders als er, und sich öffentlich dazu bekennt. Ein als Franzosenhasser bekannter Oberlehrer stirbt an einem Schlaganfall, als Mila mit ihm diskutiert. Kann passieren, aber ein paar Tage später kommt die Durchsuchungsszene, Milas Mutter wird verhaftet. Und dann wird "alles in einen Topf geworfen, tüchtig umgerührt und aufgekocht", so erklärt Sheena es Mila, die ähnlich wie der Leser erst mal nicht versteht, was das alles soll und miteinander zu tun hat, und "herauskam eine Suppe" mit der ihr Ex-Verlobter sie vergiften will und indem er ihre Freunde quält, will er sie zusätzlich demütigen. Sheenas Vater macht mit, aus grenzenloser Enttäuschung, dass er nur eine Tochter hat und dann auch noch eine so renitente.

Es ist ein bisschen wie beim Tatort: Man muss über zum Teil hanebüchene Logiksprünge hinweg sehen, um die Spannung zu genießen. Aber spannend ist es!

Dann gibt es noch Fritz, den Freund von Mila, mit dem aber noch nicht mal ein Kuss gelaufen ist und der sich mehr und mehr zu Rasmus hingezogen fühlt. Fritz ekelt sich deshalb vor sich selbst, denn damals war man nicht schwul. Sondern krank, pervers, ein warmer Bruder und, weil es verboten war, außerdem ein Krimineller. Er kann mit der ganzen Kriegsbegeisterung - anders als viele Jungen in seinem Alter - eigentlich nichts anfangen, das wird in eingestreuten Gesprächen zwischen den Jugendlichen deutlich. Meldet sich aber trotzdem so schnell wie möglich an die Front, weil er auf Reinigung und Heilung in den "Stahlgewittern" hofft.

Diese Haupt-Handlungsstränge bestehen praktisch nebeneinander, ein bisschen wie bei einer Vorabendserie, in der immer zwischen zwei, drei Schauplätzen hin und her geschaltet wird. Was irritiert ist, dass Mila in fast jeder Szene dabei ist, und von einer Sekunde auf die andere komplett anders ist: eben hat sie sich noch von ihrem neuen Freund Wieland – auf den ersten Seiten Poser mit dickem Auto, aber in echt totaaal anders – entjungfern lassen und denkt versonnen darüber nach, wie sie die "summenden Tierchen in ihrem Schoss" nennen könnte; und eine halbe Seite weiter sitzt sie verstört bei ihrer abgehärmten Mutter in der Besuchszelle.

Insgesamt ist die Lektüre stolperig. Man könnte es darauf schrieben, dass das Buch "Anspruch" hat. Den hat es, keine Frage. Aber an vielen Stellen scheint es nur sehr "huschhusch" lektoriert worden zu sein – vielleicht, um diesen Krimi und Erwachsenwerd-Geschichte rechtzeitig zum 100. Jahrestag als Weltkriegs-Roman vermarkten zu können. Jedenfalls: Rechtschreibfehler, falsche Trennungen, eine dunkeläugige Frau, die auf der nächsten Seite helle Augen hat, Menschen, die irgendwie wichtig sind, dann aber nie wieder auftauchen, Szenen und Worte, die sich ein paar Mal zu oft wiederholen und dann einfach nur noch nerven: Fritzens schöner Mund, Rasmus weiche Lippen, und dass Wieland aussieht wie Dante: seine großen, runden, sehr dunklen Augen, sein dantisches Profil, seine Haare wie Dante (womit übrigens nicht der Fußballer gemeint ist, sondern ein toter italienischer Dichter). Gegen Ende zieht das Tempo der Geschichte dann an. Der Krieg kommt, in kurzen, knappen Sätzen huschen die ersten Wochen vorbei: Wieland ist Soldat, was aus ihm und ihrer Beziehung wird, weiß Mila nicht.

Fazit

Mehrere Handlungsstränge, viele Gefühle, Liebe, Zweifel und Hass, politische, gesellschaftliche, historische Themen, Erwachsenwerden, Homosexualität, Fremdenhass und auch noch die ersten Wochen des Ersten Weltkriegs – dieses Buch ist gehaltvoll und hat "Anspruch", wie man so schön sagt. Ob es den eigenen Ansprüchen als Leser oder Leserin an ein gutes Buch genügt, muss jeder selbst entscheiden.

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