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Der Debüt-Roman der 18jährigen Autorin fragt: was heißt es zu überleben? Wie können Teenager nach einem Amoklauf an der Schule wieder im Alltag ankommen?

Buch-Rezension von A Ev Jun 2014

Todesangst wirft jeden auf sich selbst zurück. Es wird keine Helden geben setzt mit dem Ausnahmezustand ein: mit einer ernüchternden Beschreibung des Amoklaufs an einer Schule. Wir sehen durch die Augen von Miriam Brand – einer fünfzehnjährigen Schülerin. Sie wendet sich schon vorab an den Leser:

 

"Ich möchte, dass ihr versteht. [...] Deshalb erzähle ich es euch."

 

Im Stakkato beschreibt sie einzelne Szenen, versetzt sich zurück in die konkrete Situation. Immer wieder spricht sie die Leser an, reflektiert ihr Verhalten. Dann wieder scheint sie – im Präsens – einzutauchen in den Moment, ihn noch einmal zu erleben. Sie flüchtet mit einer Freundin aufs WC, steht auf dem Klo als ein Mitschüler erschossen wird. Dann sieht sie, wie ihr Freund Tobi im Flur liegt. Sie rennt – aus Angst um ihr eigenes Leben – nicht zu ihm, kommt ihm nicht zur Hilfe. Ihr Leben verdichtet sich in einer Sekunde, als sie sich Auge in Auge findet mit dem Amokläufer, Matias Staudt.

Das Buch handelt eigentlich nicht von dem Amoklauf selbst; es geht auch nicht um die Suche nach Gründen und Motiven; ebenso wenig um eine Analyse der Täter-Persönlichkeit. Im Zentrum steht etwas anderes: die Erfahrung der überlebenden Opfer – derer also, die traumatisiert wieder zurück ins Leben finden müssen. Die Autorin dekliniert die möglichen Reaktionen anhand von Miriams Clique regelrecht durch: Tanja zieht unmittelbar nach dem Attentat nach Berlin und kappt alle Verbindungen. Sophia flüchtet sich in die Drogensucht. Joanne – Miriams beste Freundin - kann niemanden mehr an sich heranlassen und begeht schließlich Selbstmord. So sehr sich Miriam nach ihren Freunden sehnt – auch nach dem Amoklauf ist jeder auf sich gestellt. Die Freunde sind unfähig sich gegenseitig zu unterstützen, sie sind - jeder für sich - überfordert und können gar nicht miteinander umgehen. Vanessa ist die einzige, mit der Miriam sich noch unterhalten kann. Jene, die verstehen könnten, weil sie die Erfahrung teilen, schaffen es nicht sich gegenseitig Halt zu geben.

Beeindruckend ist, wie die Autorin – die selbst noch ein Teenager ist - den Zustand der Protagonistin beschreibt: die Störung von Sinneswahrnehmungen, das Gefühl von Taubheit und die aus Schock und Ausweglosigkeit geborene Gleich-Gültigkeit. Genau hier geht der Roman, der sonst wenig dichte Beschreibungen von Umgebungen oder Situationen bereithält, in die Tiefe. Sinneseindrücke, Wahrnehmungen, der Verlust vom eigenen Körpergespür – genau auf dieser Ebene ist der Roman glaubhaft und unendlich bitter. Die physische Reaktion auf die Unfähigkeit zu verstehen oder sich zum Geschehen zu verhalten ist es, die auch den Leser teils fassungslos zurücklässt. Es wird keine Helden geben ist ein Buch, das Tränen in die Augen treiben kann. Die emotionale Wirkung hängt jedoch nicht mit den unzähligen Verlusten zusammen, die den Plot aufplustern. Es ist die Beschreibung der veränderten Wahrnehmungswelt von Miriam, die Fremdheit im eigenen Körper. Vielleicht auch die schlagartige Veränderung eines jungen Menschen und der Verlust seiner Unbeschwertheit. Der verzweifelte Versuch wieder zu sich zu finden, oder sich neu zu erfinden.

Die hilflose Suche nach Sinn und die Wiederholung des Verlust-Motivs könnten unerträglich sein, wären da nicht die geschickt eingesetzten Rückblicke. Miriam erinnert sich an Szenen aus ihrer Vergangenheit: an unbeschwerte Momente mit ihren Freundinnen, an romantische Augenblicke mit Tobi. Ausschnitte aus einem Alltag, der nun fern wirkt – und gar nicht mehr selbstverständlich. Wenn man sich gerade auf die Leichtigkeit des jugendlich beschwingten Tons eingelassen hat, wird der Beginn eines Kapitels graphisch durch ein Einschussloch markiert. Die Schusslöcher sehen aus wie "leere" Augen (ohne Pupille). Es sind die einzigen bildlichen Elemente. Ihre Funktion (Kapiteltrennung) ist klar, dennoch: Sie halten den Amoklauf präsent, erinnern an die Toten, und durchschießen Miriams Gedanken ebenso wie das Buch, welches der Leser in den Händen hält.

Es wird keine Helden geben ist als Debütroman einer Teenagerin eine großartige Leistung. Die Beschreibung des Zustands von Miriam und die Reflexion der Schwierigkeiten von Opfern im Umgang mit Hilfsangeboten von außen sind sehr gelungen. Außerdem ist der Roman recht komplex und die Frage – wie ein Umgang mit einem Amoklauf möglich sein könnte – wird von verschiedenen Perspektiven betrachtet. Dennoch schießt die Autorin an manchen Stellen übers Ziel hinaus und es gibt mehrere Unstimmigkeiten in der Geschichte. Die Rückkehr der Mutter, die Miriam und ihren Vater vor vielen Jahren einfach verlassen hatte, bleibt merkwürdig: plötzlich wohnt sie übergangsweise wieder im Haus. Es gelingt nicht die Komplexität der Beziehung zwischen Mutter und Tochter zu erfassen. Das elterliche Verhältnis bleibt völlig ungeklärt und der Vater wird plötzlich nicht mehr erwähnt, ebenso wie die Großeltern. Die Beerdigung von Tobi bleibt ebenso unkommentiert – erst spät erfahren wir: Miriam konnte sich nicht überwinden der Beisetzung beizuwohnen. Zu kurz kommt auch das Thema Mobbing an Schulen. Die Beschreibung des Schulalltags bleibt eher "harmlos" und die Probleme von Macht- und Mobbing-Strukturen werden nicht reflektiert.

Die Kritik zeugt aber auch von dem hohen Potential der Geschichte. Der Roman ist überaus facettenreich und bringt teils ganz nebenbei Fragen ein, die zum Nachdenken anregen: Miriam ruft Tobi beispielsweise immer wieder an und hört die Stimme auf seiner Mailbox; sie besucht die Facebook-Seiten ihrer toten Freunde. Welche Rolle spielen die digitalen Spuren, die wir hinterlassen? Wie verändern sich Prozesse des Trauerns, wenn Verstorbene medial noch zu leben scheinen? Es wird keine Helden geben bringt so viele interessante Aspekte zusammen und stellt so viele elementare Fragen, dass das eine oder andere Thema zu kurz kommen mag. Aber: es ist eine lohnende Lektüre für all jene, die sich gerne in Charaktere einfühlen, und für jene, die sich zum Weiterdenken inspirieren lassen wollen.

Fazit

Bitter schmerzhaft ist die Beschäftigung mit den Folgen eines Amoklaufs. Auf die Taubheit folgt der Schmerz und erst mit der Zeit lebt Hoffnung auf für eine neue – andere - Zukunft. Ein Debüt-Roman, der trotz konzeptioneller Schwächen, zum Nachdenken anregt und den Leser emotional gefangen nimmt.

Es wird keine Helden geben

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