Wen liebst Du, wenn ich tot bin?

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Arena, 2013, Titel: 'Infinite Sky', Originalausgabe

Couch-Wertung:

7

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Rita Dell'Agnese
Eine Geschichte über Vorurteile und tiefe Verletzungen FAZIT

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2014

Iris ist fasziniert: Auf der brach liegenden Wiese unweit des Farmhauses, in dem sie mit ihrem Vater Tommo und ihrem Bruder Sam lebt, haben sich Zigeuner nieder gelassen. Allerdings teilen weder Vater noch Bruder Iris' Faszination. Der Vater will das "Pack" vertreiben, der Bruder zeigt sich angewidert. Trotz des Verbots ihres Vaters, sich den Zigeunern zu nähern, freundet sich die dreizehnjährige Iris mit dem unwesentlich älteren Trick an. Zusammen erleben sie Stunden voller Zuneigung und Wärme. Für Iris ein ungewohntes Gefühl. Seit ihre Mutter die Familie verlassen hat, um die Welt zu bereisen, ist nichts mehr so, wie es früher war. Tommo ist hart geworden und greift immer häufiger zur Flasche, Sam treibt sich mit zwielichtigen Freunden rum. Iris' Freundschaft zu Trick bleibt nicht unbemerkt. Ihre ehemals beste Freundin verrät sie, um sich dafür zu rächen, dass Iris sich von ihr gelöst hat. In diesem Sommer ist Iris nämlich deutlicher als je bewusst geworden, dass ihre Freundin Matty sie lediglich benutzt hatte, um sich selber besser ins Rampenlicht rücken zu können. In Trick findet Iris nicht nur einen Verbündeten, sie ist auch zum ersten Mal in ihrem Leben richtig verliebt. Doch je länger die Zigeuner im Ort sind, desto aggressiver zeigt sich die Bevölkerung, vor allem aber Iris' Familie. Zusammen mit seinen Freunden will Sam den verhassten Zigeunerjungen Trick in die Enge treiben, da geschieht ein großes Unglück.

Die Autorin C.J. Flood packt ganz schön viel in ihren Roman. Auf den ersten Blick geht es in der Geschichte vor allem um die tiefe Freundschaft und aufkeimende Liebe zwischen Iris und Trick, die so nicht sein dürfte, da die beiden aus zwei völlig verschiedenen Welten stammen. Es geht um anders sein und um Vorurteile, um Grenzen, die von jenen überwunden werden können, die bereit sind, sich dem Unbekannten offen zu nähern. Das kommt auch sehr schön zum Ausdruck. Iris ist als Erzählerin des Buches eine ideale Figur, um die Annäherung und das Entdecken zu veranschaulichen. Auch Trick ist ein geschickt eingesetzter Charakter – die unterschiedlichen Welten kommen gut zum Ausdruck und die Autorin kann die Vorurteile sichtbar machen, mit denen beide vom jeweiligen Umfeld des anderen eingedeckt werden.

Bei näherem Hinsehen offenbaren sich dann auch die anderen Themenkreise, die die Autorin in die Geschichte hinein gepackt hat. Der Wunsch der Mutter, der Enge des Familienlebens zu entfliehen und ihre Träume zu verwirklichen, geht auf Kosten der Kinder und des verlassenen Ehemanns. Die Autorin spart nicht mit unterschwelliger Schuldzuweisung an die egoistische Mutter, deren Fortgang den pubertierenden Sam in die Fänge falscher Freunde treibt und den einsamen Vater zur Flasche greifen lässt. Daran mögen auch die regelmäßigen Anrufe der Mutter nichts ändern. Im Gegenteil: Sam verschließt sich ihren Versuchen, den Kontakt zu den Kindern aufrecht zu halten und Iris gerät in einen Loyalitätskonflikt. Der familiäre Sprengstoff setzt allen Beteiligten – mit Ausnahme der Mutter – zu, ohne dass diese Thematik letztlich aber überzeugend fortgeführt würde.

Ein weiteres Thema ist die Freundschaft zwischen Iris und Matty. Erst, als Iris durch Trick erlebt, was Freundschaft tatsächlich ist, vermag sie zu erkennen, wofür Matty sie gebraucht hatte. Iris diente über Jahre hinweg dazu, neben ihrer Freundin als graue Maus zu existieren, um Matty die Möglichkeit zu geben, schillernd im Mittelpunkt zu stehen. Als Iris sich dafür entscheidet, aus diesem Kreis auszubrechen und Matty ohne Erklärung stehen lässt, kommt es zum Bruch zwischen den Mädchen, der dazu führt, dass Matty ihr wahres Gesicht zeigt und Iris Geheimnis ausplaudert. Auch hier zeigt C.J. Flood die Tendenz, zu verurteilen und Position zu beziehen, ohne das Thema letztlich von allen Seiten zu beleuchten.

Wen liebst Du, wenn ich tot bin? ist ein aufwühlendes Buch über Vorurteile und tiefe Verletzungen. Aber es ist in manchen Bereichen ein unfertiges Buch, werden doch wichtige Fragen ausgeklammert. Störend ist auch die eher schlichte Sprache, die – wie das noch kindliche Verhalten der Protagonistin – nicht zum Zielpublikum der 14- bis 17-Jährigen passen will. Obwohl es in der Geschichte zu einigen Ausbrüchen kommt, dürfte das Alter des Zielpublikums ohne weiteres tiefer angesetzt werden, passt doch der ganze Verlauf eher zu Leserinnen und Leser der Alterskategorie 12- bis 15-Jährige.

Die Autorin hat mit diesem Roman eine gute Vorlage geliefert, über Vorurteile nachzudenken. Leider verpackt sie zu viel verschiedene Brennpunkte in die Geschichte, so dass sie den einzelnen Problemfeldern nicht ganz gerecht wird. Spannung bringt sie allerdings trotzdem rein.

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