Bevor ich sterbe

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • cbj / cbt, 2007, Titel: 'Before I die', Originalausgabe

Couch-Wertung:

9
Praktikabilität

Leser-Wertung

-
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Almut Oetjen
wie wenn man die Lichter nach und nach ausknipst

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2009

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "wie wenn man die Lichter nach und nach ausknipst"

Tessa ist ein sechzehnjähriger Teenager, hat rebellische Neigungen, ist egoistisch, hat Träume, die die eigenen Möglichkeiten weit überschreiten, liebt ihre Familie und ihre Freunde. Sie hat ihre Momente, in denen sie unsympathisch ist. Also fast ein normaler Mensch.

Tessa hat Leukämie im Endstadium. Nach vier Jahren erfolgloser Behandlungsversuche weiß sie nicht, wie sie mit ihrem bevorstehenden Tod umgehen soll, den die Menschen in ihrem Umfeld höchstens am Rande ansprechen. Nach einigem Nachdenken fasst Tessa den Entschluss, eine Liste mit zehn Dingen aufzustellen, die sie gerne noch machen möchte. Da sie bald tot sein wird, legt sie sich keinerlei Grenzen auf. Sie kann mit Drogen experimentieren, Sex haben, eine Straftat begehen, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen. Unterstützung erhält sie durch ihre beste Freundin Zoey.

Ein unsentimentaler Roman über Jugend und Tod

Das Thema des Romans lässt zuerst den Gedanken an einen Teenager-Downer aufkommen, in dem gewaltig auf die Tränendrüsen gedrückt wird. Aber weit gefehlt - "Bevor ich sterbe" ist unsentimental und beschäftigt sich mit Fragen, die wir im Wissen um unsere Sterblichkeit uns alle früher oder später einmal stellen.

Danken wir Jenny Downham, dass sie ihren Roman nicht eine To Do-Liste mit den zehn Dingen, die Tessa eingefallen sind, vorangestellt hat. Wir erfahren erst, was auf der Liste steht, wenn Tessa es in die Tat umsetzt. Mit stärker werdender Nähe zum Tod ändern sich diese Dinge für Tessa. Die anfänglichen wilden Grenzüberschreitungen, an die sie denkt, die nicht ganz so wilden, die sie begeht, werden ersetzt durch einfache Dinge, das als wertvoll empfundene Zusammensein mit einem anderen Menschen und die ganz kleinen Dinge des Alltags, wie eine Tasse Tee. Auf ihr erstes sexuelles Erlebnis mit einem anderen Jungen folgt die Beziehung zwischen Tessa und dem Nachbarn Adam. Downham gelingt es, diese erste Liebe sensibel und frei von Klischees zu entwickeln.

Wege, dem Unausweichlichen zu begegnen

Tessas Eltern haben sich scheiden lassen, als Tessa noch ein Kind war. Die Mutter lebt mit einem anderen Mann zusammen. Der Vater hat Tessa und ihren jüngeren Bruder Cal alleine aufgezogen. Nun, da Tessa ein Teenager im Sterben ist, hat ihr Vater sein Arbeitsleben auf die Notwendigkeiten abgestellt, die sich aus der Krankheit ergeben. Er arbeitet Zuhause und ist für sie jederzeit erreichbar. Er akzeptiert auch, dass sie keine Chemotherapie will.

Für Tessas Vater und Cal ist es sehr schwierig, mit der Krankheit und Tessa umzugehen. Zwangsläufig haben sie alle drei Probleme miteinander. Als wir Cal kennen lernen, ist er oft unausstehlich, macht Witze über Tessas Sterben und ist eifersüchtig, weil die ganze väterliche Zuwendung seiner Schwester zuteil wird. Es dauert nicht lange, dann erfahren wir, dass dies nur seine hilflose Art ist, mit der für ihn ungeheuren Belastung umzugehen. Er liebt seine Schwester, kann dies aber nicht zeigen. So, wie Tessa auf ihn reagiert, wird klar, dass sie sein Verhalten als Ausdruck eben der Schwierigkeiten versteht, mit dem Sterben seiner Schwester umzugehen. Einige der Momente zwischen Cal und Tessa sind furchtbar bedrückend.

Ähnlich wie Cal geht es Tessas Mutter. Als diese in der Schlussphase zurückkommt, um bei ihrer Tochter zu sein, ist spürbar, dass sie keine Erfahrungen mit ihrem Kind hat. Es ist interessant zu lesen, wie sie emotional auf die Situation reagiert.

Zu Tessas glücklichen Momenten gehört die Liebe zum Nachbarsjungen Adam, der sich um sie kümmert und bis zum letzten Moment bei ihr ist.

Tessas Sterben wird weder beschönigt noch irgendwie überhöht. Downham verwendet keine Zeit darauf, das Sterben auf Erden mit der Aussicht auf ein Leben nach dem Tod erleichtern oder erträglicher machen zu wollen. Die Handlung des Romans bewegt sich, bedingt durch Tessas Krankheit, von Moment zu Moment. Das Sehnen im Hiersein steht im Zentrum, nicht die Frage nach der Zeit danach. Als sie einen toten Vogel beerdigen, spricht Cal ein paar Worte: "Auf Wiedersehen, Vogel. Danke, dass du da warst. Und viel Glück." Diese Szene beschreibt sehr schön die Stimmung des Romans, die zumeist ein wenig spröde ist, dadurch emotionale Stolperfallen vermeidet und erst zum Ende hin richtig traurig wird und Tränen hervorruft.

FAZIT

"Bevor ich sterbe” ist kein leichter Lesestoff, vor allem nichts für Leute, die mal eben ein trauriges Buch über das Sterben eines Menschen als Nährstoff für ihren Gefühlshaushalt zwischenschieben wollen.
Es bleibt wohl kaum aus, dass man sich beim Lesen Gedanken darüber macht, wie man sich an Tessas Stelle verhalten würde, oder wie eine vergleichbare Liste aussähe.
Vielleicht hilft der Roman ja manchen Menschen, darüber nachzudenken, wie ihr Leben aussieht, dass sie alles als selbstverständlich nehmen, was sie haben, und deshalb ständig den Blick auf das richten, was sie noch alles haben wollen.
Jenny Downham ist anzurechnen, dass sie die Gefühle der Leserinnen und Leser anspricht, sie aber nicht ausbeutet.

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