Wainwood House - Rachels Geheimnis

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

Lucinda ist besonders, sie scheint nicht wirklich in dieser Welt zu leben und immer über den Dingen zu stehen, darüber hinaus zu sehen. Das macht sie für ihre kleine Schwester Malina zu etwas ganz besonderem. Und so erzählt Malina Lucindas Geschichte, die von Missverständnissen, zufälligen Episoden und stets von einer ganz besonderen Traurigkeit getragen wird, sehr leicht und doch unendlich schwer.

Malina erzählt die Geschichte ihrer älteren Schwester Lucinda. Lucinda ist anders als andere Mädchen ihrer Schule und ihres Alters und überhaupt sehr speziell. Lucinda zieht Menschen in ihren Bann und auch Malina ist hingerissen von ihrer Schwester und sehr treu. Gemeinsam sind die Beidem im ständigen Kampf gegen ihre Eltern, Isa und Frieder; genau so wie viele Teenager kämpfen sie für mehr Freiheiten und schleichen sich nachts heimlich raus um den Himmel zu beobachten. Dabei erzählt Lucinda Geschichten von Tenebrien, einer anderen Welt, die wir nach dem Tod oder auch nie erreichen.

Eines Tages begegnet Lucinda Jarvis, ihrem neuen Nachbarn. Zwischen den beiden entwickelt sich eine besondere Beziehung, er ist zum Beispiel der erste Junge, der wiederkommt, nachdem Lucinda mit ihm im Keller war. Ganz plötzlich ändert sich das Leben von Lucinda, Malina, ihren Eltern und Jarvis ganz gewaltig und sie werden von einem Schock erschüttert, dessen Wirkungen sie nicht mehr rückgängig machen können.

Das alles erzählt Malina in sehr kurzen Passagen, anfangs scheint es, als wären es nur zufällige Situationen aus ihrem Leben, einzelne Puzzlestücke, die sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr zu einem Gesamtbild fügen. Und doch hat der Leser das Gefühl, dass sich dieses Gesamtbild ihm entzieht und von ihm nicht so genau erfasst werden möchte. Lucinda ist und bleibt nicht nur dem Leser, sondern auch ihren Eltern absolut rätselhaft. Bis zum Schluss.

Und so hat der Roman mich ratlos zurückgelassen, ohne wirkliches Ende, ohne eine Lehre, aber doch mit einer großen Frage, und zwar der nach dem Warum? Eine Antwort werde ich darauf aber sicherlich nicht finden und so stellt sich die Frage nach der Intention des Buches umso mehr: Möchte Lara Schützsack auf ein Problem aufmerksam machen, möchte sie eine Krankheit mystifizieren oder einfach nur eine Geschichte erzählen, die im besten Sinne keinen Sinn hat?

Ebenso wie sich die Innenwelt der Hauptperson Lucinda jeglichem Zugang ihrer Eltern und sogar ihrer treu verbundenen Schwester entzieht, so entzieht sich dieses Buch auch gewöhnlichen Bewertungskriterien. Ich war fasziniert, an manchen Stellen gefesselt und stellte mir an anderen die Frage, wieso noch weiterlesen?

Fazit

Und auch so bitterkalt ist eine Reise, auf die man sich einlassen muss und von der man nicht erwarten sollte, ein Ziel zu erreichen. Stattdessen kann man als Leser nur dabei sein und fasziniert beobachten und vielleicht versuchen, am Ende ein paar neue Ideen zu bekommen. Oder auch nicht. So ist das eben.

Couch-Wertung:

9

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Andrea Delumeau
Spannend mit starken Frauenfiguren

Buch-Rezension von Andrea Delumeau Mär 2014

Die mittellose ägyptische Waise Jane muss sich nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern ein neues Leben aufbauen. Ein Freund ihrer Eltern schickt sie auf den Landsitz der adeligen Familie Goodall. Bald wird Jane in ihrer Vermutung bestärkt, dass der Tod ihrer Eltern kein Unfall war. Wird es ihr gelingen, die seltsamen Umstände deren Todes aufzuklären?

Die 16-jährige Jane, Tochter eines Engländers und einer Ägypterin, hatte bisher ein sorgenfreies Leben. Das wird schlagartig anders, als ihre Archäologen-Eltern bei Sprengungen an ihrem Ausgrabungsort plötzlich ums Leben kommen. Ein Freund ihrer Eltern schickt sie nach England, auf den Landsitz der adeligen Familie Goodal, damit sie sich dort eine neue Existenz erarbeiten kann. Zur Überraschung der Familie als auch der Dienerschaft, stellt das Familienoberhaupt, Lord Derrington, die ungelernte Jane als Hausmädchen ein. Sie hat große Schwierigkeiten, sich an die ungewohnten Aufgaben zu gewöhnen und sich in die strenge "Hackordnung" der Dienerschaft auf einem adeligen Landgut im England des Jahres 1907 einzufügen.

Doch viel mehr will sie das Geheimnis lüften, das den Tod ihrer Eltern umgibt - und da gibt es auch noch die seltsamen Erscheinungen eines unheimlichen Vogelwesens, das aus der altägyptischen Göttermythologie zu stammen scheint! Da ist es besonders gut, dass sie sowohl in der Dienerschaft als auch in der Familie Rückenstärkung erfährt und sogar Verbündete findet.

Ihre Hauptverbündete wird die jüngere der zwei Töchter der Familie Goodal, Penelope, die von einem anderen Leben träumt, als es üblicherweise jungen Frauen ihrer Gesellschaftsschicht vorherbestimmt ist; sich nämlich einen Ehemann zu angeln, um versorgt zu sein. Sie findet es viel spannender, das Geheimnis zu lüften, welches das neue, exotische Hausmädchen umgibt: warum hat ihr Vater die ungelernte Jane überhaupt eingestellt, warum will er nicht über seine Militärzeit in Ägypten sprechen und wer ist überhaupt Rachel, auf deren Namen Penelope bei ihren Nachforschungen gestoßen ist?

Ein Anschlag auf Janes Leben durch vergiftete Pralinen schlägt fehl und führt dazu, dass sie Wainwood House verlässt und in Sicherheit gebracht werden soll. So folgt sie der bei ihren Eltern wegen ihrem unkonventionellen Verhalten in Ungnade gefallenen Penelope als deren Zofe. A uf den mehrmonatigen Strafaufenthalt bei Penelopes strenger Tante folgt ein überraschender Aufenthalt in London. Dort wird Penelope bei Hof eingeführt, um so offiziell auf dem "Heiratsmarkt" vertreten zu sein. Sie soll möglichst schnell an den "Mann" gebracht werden kann, bevor sie ihren Ruf noch weiter schädigt. Mittendrin kommt es zu einer dramatischen Entführung Janes und einer Lösegeldforderung, das in einem lebensgefährlichen "Show-down" zu münden droht. Wird es Penelope und ihren Freunden gelingen, Jane zu retten?

Wie in der beliebten Fernsehserie Downton Abbey wird der Leser in die Atmosphäre eines englischen Landgutes zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entführt.

Eine der Stärken der Autorin besteht darin, die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Zwänge der englischen Oberschicht und ihrer Dienstboten überzeugend darzustellen. Mögliche Klischees - so begegnet der Leser z.B. dem strengen Butler, der aber unter seiner rauen Schale einen weichen Kern verbirgt, oder der putzsüchtigen ältesten Schwester, deren einziger Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, einen möglichst reichen Mann zu heiraten, die dann aber doch von ihrer unkonventionellen jüngeren Schwester ausgestochen wird, als die sich mit einem der begehrtesten Junggesellen Londons verlobt (das Märchen vom "hässlichen, jungen Entlein" lässt grüßen...) - werden aber hinterfragt. Zum Beispiel, indem die Autorin dem Leser plastisch vor Augen führt, warum es in gewissen Milieus überhaupt erstrebenswert schien, eine Dienstbotenkarriere einzuschlagen oder wie es um die Stellung der Frau zu Anfang des letzten Jahrhunderts bestellt war, in der eine "gute Partie" eine der wenigen wirtschaftlichen Absicherungsmöglichkeiten darstellte.

Überzeugend wirken auch die zwei Hauptpersonen, jeweils stellvertretend für "oben" und "unten", Penelope und Jane. Beide sind starke Frauen, die genau wissen was sie wollen und sich selbst, trotz aller Widerstände, treu bleiben. Dabei sind die zwei keine schablonenhaften Abziehbilder, sondern werden differenziert mit aufschlussreichen Einblicken in ihre Gefühlswelt dargestellt. Diese positiv beeindruckende Charaktergestaltung findet sich auch in den Nebencharakteren wieder, so zum Beispiel bei Penelopes Cousins, Julian, der, unehelich geboren, zwar von Penelopes Eltern standesgemäß aufgezogen wurde, jetzt aber nach der Geburt eines Erben, seinen eigenen Platz in der Gesellschaft finden muss.

Trotz des ungewöhnlichen Umfangs für ein Jugendbuch (über 500 Seiten) liest sich die Geschichte flüssig, nicht zuletzt durch die spannende temporeiche Handlung. Diese wird belebt durch den reizvollen Kunstgriff der Autorin, die Geschichte abwechselnd aus der Sicht verschiedener Personen von "unten"=aus dem Dienstbotenbereich und von "oben"=aus der adeligen Familie zu erzählen. Dadurch wird der Leser zu mehr als nur zu einem passiven Konsument, der stumpf einen spannenden Schmöker "verschlingt", sondern wird ständig zum aktiven Mitdenken aufgefordert.

Die Liebe der Autorin zum Detail wird gleich zu Anfang der Geschichte deutlich: die Übersicht über alle Figuren erwähnt sogar den Hauskater. Hervorzuheben ist auch die atmosphärisch dichte Sprache, vor allem bei den Landschaftsbeschreibungen, die den Leser schnell in die Geschichte "eintauchen" lassen.

Schon das Titelbild wirkt einladend und geheimnisvoll zugleich. Hinter einem geöffneten, verschnörkelten Eingangstor sieht man die Auffahrt zu einem Herrenhaus im Hintergrund. Wer ist die weißgekleidete Frauengestalt am rechten Bildrand?

FAZIT

Ein spannender, historischer Roman, der sich durch einen reizvollen Perspektivenwechsel und starke Frauenfiguren auszeichnet.

Wainwood House - Rachels Geheimnis

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