Stumme Angst

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

"Ich will unterhalten und zwar schamlos gut" schreibt die in London lebende freie Autorin und Journalistin Ellen Alpsten auf ihrer Homepage. Wer ihre Romane und Kinderbücher kennt, weiß, dass ihr dies immer wieder gelingt. Worin liegt ihr Erfolgsrezept? In der erbarmungslosen Konfrontation von Gegensätzen und in der konzeptionellen Tiefe der Geschichten. >>"U" oder "E" ? Das ist Ungemein Egal und UEberflüssig."

Der Sommernachtszauber zieht den Leser nicht nur durch die kribbelige Sehnsucht nach Liebe in den Bann, sondern ebenso durch skurril-realistische Blicke auf die Theaterwelt und Bezüge zu Shakespeares bekanntesten Meisterwerken. Die Verwirrungen des Sommernachtstraums werden mit der Tragik von Romeo und Julia verbunden. Das Motiv der unmöglichen und im Tod endenden Liebe kehrt dabei immer wieder – ob im Verona des 16. Jahrhunderts, im Berlin der NS-Zeit oder in der rationalistisch-kapitalistisch geprägten Gegenwart...

Ein Obdachloser hütet den Eingang zu der sanierungsbedürftigen Bühne "Bimah" – früher Fasanentheater – das der rigiden Kulturpolitik der Stadt zum Opfer zu fallen droht. Der vielversprechende Regie-Newcomer Carlos will mit einer Romeo und Julia Aufführung Aufmerksamkeit erregen und das Theater dauerhaft wiederbeleben. Die Chancen stehen gar nicht schlecht, denn er konnte den attraktiven Star-Schauspieler Ben van Behrens für ein Engagement verpflichten. Zum Vorsprechen für die Rolle der Julia lädt Carlos junge Schauspielerinnen ein, die ihm als Regieassistent an der Volksbühne aufgefallen sind. Caroline interessiert ihn besonders durch ihre selbstbewusste Reaktion auf die Erniedrigungen eines Hornbrillen-tragenden Klischee-Regisseurs. Auf seine eigentümlichen Schauspiel-Vorstellungen und seine abfälligen Sexismen reagiert sie so: "Ich bin jetzt mal jemand, der nach Hause geht. Können Sie das verinnerlichen?"

Wer ein bisschen Theaterluft schnuppern will, für den ist der Sommernachtszauber genau das richtige. Glamour, Stars und Empfänge gehören ebenso dazu wie die kleinen Spelunken und Bühnen in Hinterhäusern, die fortwährend ums Überleben kämpfen müssen. Der Erfolgsdruck ist unheimlich hoch und Freundschaften können dabei auf der Strecke bleiben. So wichtig persönliche Kontakte sind, garantieren selbst diese oder auch die berüchtigte Besetzungscouch keinesfalls den Durchbruch. Eine Hauptrolle fliegt den wenigsten zu. Für die allermeisten – so auch für Carolines "beste Freundin" Mia – ist der Weg nach oben steinig. Nur weil sie aus einer bekannten Künstlerfamilie kommt, darf sie beim Stück mitarbeiten. Allerdings nicht als Schauspielerin, sondern als Masken- und Kostümbildnerin.

Carlos entscheidet sich nämlich für die wesentlich unerfahrenere Caroline als Besetzung für die Julia. Caroline ist außer sich vor Freude, aber auch überfordert von ihrer Aufgabe. Besonders, weil Carlos gleich zu Beginn einen emotionalen Strip von den Darstellern fordert und dabei bei Caroline tiefe Wunden aufreißt. Als sie an der Herausforderung zu scheitern droht, bekommt sie den Schlüssel zum Theater um nachts alleine proben zu können. Da lernt sie Johannes kennen. Johannes wurde in der NS-Zeit von seiner jüdischen Verlobten während einer Romeo & Julia Aufführung ermordet. Seitdem geistert er durchs Gebäude und trägt ein dunkles Geheimnis und seine Schuld mit sich herum. Johannes, der sein Handwerk einst bei Max Reinhardt erlernte, hilft Caroline zu sich und in die Rolle der Julia zu finden. Nicht unwesentlich trägt dazu bei, dass die beiden ihre eigene "unmögliche" Liebe erleben.

Vom Dachboden aus beobachten sie den Himmel über Berlin, die Lichter der nächtlichen Stadt. Wie in Wim Wenders weltbekanntem Film über die Liebe eines Engels zu einer Trapezkünstlerin, geht es im Sommernachtszauber nicht nur um Liebe, sondern auch um die Fähigkeit loslassen und den Tod akzeptieren zu können. Die romantischen Momente zwischen Johannes und Caroline lassen sich nicht festhalten, sondern entweichen ihnen mit jedem Schritt, den sie sich nähern. Der Grund dafür ist weder die wenig überzeugend bis albern wirkende Eifersucht von Johannes auf Ben, noch die hinterhältigen Intrigen von Mia. Vielmehr ist es so, dass sich Caroline und Johannes gegenseitig befreien, dass sie lernen ihre je eigene schmerzhaft-traumatische Vergangenheit zu akzeptieren und mit ihr zu leben.

Die goldenen Schnörkel und Ranken auf dem wunderschön gestalteten türkis-grünem Umschlag umschlingen die Büsten von Romeo und Julia. Die Theatermaske und das Geisterlicht weisen bildlich auf die Theatermythen hin, die der Geschichte ihre magische Dimension verleihen. Der Sommernachtszauber überzeugt als mitreißender Liebesroman und als Portrait des Theaterlebens – welches durchaus faszinieren, dem einen oder anderen aber auch eine fixe Berufsidee austreiben könnte. Das Zusammenspiel der Handlungsstränge funktioniert insgesamt sehr gut, mit Ausnahme jedoch des zu früh gelüfteten Geheimnisses aus Johannes Vergangenheit. Insgesamt hätten die Bezüge zur NS-Zeit weiter ausgebaut und vertieft werden können. Aber vielleicht hätte dies auch der erwartungsvollen Sehnsucht und erotischen Spannung zwischen dem Geist und der Schauspielerin im Wege gestanden. Genau deshalb werden in die Liebe verliebte LeserInnen das Buch nämlich gar nicht wieder aus der Hand legen können. Ganz jugendfrei ist der Band jedoch nicht, erotische Spannung durchzieht das Buch und Mia geht mit ihrem Manager zum äußersten. Trotz der sehr lebhaften Sprache und den märchenhaften Zügen, ist der Sommernachtszauber deshalb entschieden erst ab 16 Jahren zu empfehlen.

Fazit

Der Sommernachtszauber erlaubt es, sich ungehemmt dem kribbeligen Gefühl des Verliebtseins hinzugeben. Eine verzaubernde Hommage an die Liebe, ein Denkmal für Shakespeare und ein Reiseführer in die Welt des Theaters.

Couch-Wertung:

7

Leser-Wertung

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Almut Oetjen
Der Ex als Stalker

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mär 2014

Als Liams Freundin Anna nicht wie verabredet zum Abendessen kommt, ist er zuerst ungehalten, macht sich aber kurz darauf Sorgen. Mit Annas Freundin Marie geht er systematisch vor. Sie fragen Krankenhäuser ab, durchsuchen Annas Wohnung nach Hinweisen und versuchen, zwei Polizisten beim Landeskriminalamt davon zu überzeugen, dass Anna etwas geschehen sein muss. Die Beamten gehen scheinbar von nur zwei Möglichkeiten aus: Anna hat sich von Liam getrennt, oder Liam ist für ihr Verschwinden verantwortlich. Doch Anna wurde von ihrem Ex-Freund Natan entführt. Liam stößt auf acht Kohlezeichnungen von Annas Ex-Freunden, die er zum Ausgangspunkt seiner Detektivarbeit macht.

Personal und Handlung

Stumme Angst ist ein Vierpersonenstück. Das Entführungsopfer Anna Hansen ist eine Medizinstudentin und Waise. Ihre Eltern starben bei einem Autounfall. Sie fertigt von ihren Freunden Kohlezeichnungen an, die wichtig für die Suchbemühungen nach ihr sind. Annas Ex-Freund Natan Mayer ist ihr Stalker und Entführer, was die Leser und Leserinnen schon sehr früh erfahren. Er arbeitet als Fotograf und ist Waise, auch seine Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Er wohnt in seinem Elternhaus und hält Anna im ererbten Haus der Großmutter Ida gefangen, was ebenfalls schon früh bekannt wird. Liam Lorenz, seit vier Monaten Annas Freund, arbeitet in einem Sender, hat zuletzt eine Dokumentation über den Klimawandel gemacht und arbeitet gerade an einer Geschichte über die letzten Elefanten Sumatras. Marie Willenberg, Annas Freundin, unterstützt Liam bei der Suche, hält jedoch aus Eifersucht - sie wäre gerne die Freundin Liams - wichtige Informationen zurück.

Die Handlung erstreckt sich über einen zusammenhängenden Zeitraum von neun Tagen, von der Entführung bis zur Befreiung Annas, gefolgt von einem Epilog. Es gibt drei Erzählstimmen, Ich-Erzählerin Anna, jemanden, der oder die in der dritten Person die Sicht und die Ereignisse um Liam und Marie wiedergibt, schließlich Großmutter Ida als Tagebuchstimme aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Stimmen unterscheiden sich nur darin, dass die Gegenwartshandlung in der Gegenwart erzählt wird, der Tagebuchinhalt in der Vergangenheit.

Ein einfach konstruierter Thriller

Christina Stein erzählt ihren Thriller in einfacher Sprache und kurzen Sätzen und Kapiteln. Sie zieht die Leser sofort in die Geschehnisse, ohne zuvor Personal und Handlungsorte zu etablieren.

Natan ist ein typisches Beispiel für den zurückgewiesenen Stalker. Er hatte eine Beziehung zu Anna und beginnt sie zu verfolgen, nachdem diese Beziehung zerbrochen ist. Er will sich nicht an Anna rächen, sondern die Wiederaufnahme der Beziehung erzwingen. Er versucht das Umfeld seines Opfers, das er angeblich liebt, zu kontrollieren und kreist dabei ausschließlich um sich. Ihm ist gleichgültig, was Anna will, wenn es nicht mit seinem Willen übereinstimmt. Annas Versuche, Natan zur Einsicht zu bringen, erweisen sich als sinnlos. Natan will Macht und Kontrolle in der erzwungenen Fortsetzung der Beziehung. Deshalb hat er für Anna Regeln aufgestellt, an die sie sich halten muss: sie darf nicht zu lange im Bad bleiben, darf ihn psychologisch nicht unter Druck setzen, muss immer, wenn sie etwas von Natan will, ihm zuvor sagen, wer der Chef ist.

Durch die Tagebucherzählerin bekommt die Handlung eine zweite Ebene. Aus dem Tagebuch wird deutlich, dass es ein Geheimnis in der Vergangenheit gibt. Die Spurensuche im Leben der Großmutter führt auf grausige Weise in die Gegenwart und den Hausgarten, es wird aber nicht viel daraus gemacht. Ein zweites Geheimnis, nicht so weit zurückliegend, verbindet Anna und Natan auf tragische Weise.

Die Ermittlungsarbeit der Laiendetektive bestimmt den Großteil des Romans. Die Polizisten sind leider nur Klischee. Man entwickelt wenig Nähe zu den Figuren, damit auch kaum Sympathien. Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und es kommt zu einem furiosen Finale.

Fazit

Christina Steins Jugendroman Stumme Angst ist ein Kammerspiel über eine Entführung, deren Zusammenhänge früh bekannt und gut nachvollziehbar sind.

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