Ich bin Tess

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • script5, 2013, Titel: 'Kiss me first', Originalausgabe

Couch-Wertung:

10
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Almut Oetjen
Gibt es ein Leben außerhalb von Facebook?

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mär 2014

Die dreiundzwanzigjährige Leila lebt seit dem Tod ihrer Mutter allein in einer kleinen Wohnung im Londoner Stadtteil Rotherhithe. Sie hat keine Freunde, keine Verwandten außer einer gleichgültigen Großmutter und keine Kollegen. Ihr Geld verdient sie von zu Hause aus als Softwaretesterin. Die Freizeit verbringt sie mit World of Warcraft, Surfen, bei Facebook oder in Internetforen. Dabei stößt sie auf das Philosophieforum Red Pill und wird bald nach einem Persönlichkeitstest vom Forumsbetreiber Adrian Devlish als Elite-Denkerin in den inneren Kreis aufgenommen. Bei einem Treffen erzählt Adrian ihr von einer Freundin, die diskret Selbstmord begehen möchte, da sie an einer Krankheit leidet, die ihre Lebensqualität stark einschränkt. Um ihrer Familie und ihren Freunden keinen Kummer zu bereiten, soll jemand nach ihrem "Auschecken" im Internet ihre Rolle übernehmen. Leila sieht es als ihre Pflicht an, der Freundin zu helfen, einer 39-jährigen Künstlerin namens Tess, die an einer bipolaren Störung leidet. Der Plan funktioniert zunächst. Leila übernimmt Tess' Internet-Identität und erfindet für sie ein neues Leben auf einer kanadischen Insel, wo sie garantiert niemand besuchen kommt. Doch dann will Tess' Mutter mit ihrer Tochter telefonieren, Leila beginnt sich in Tess' Exfreund Connor zu verlieben und Adrian wird von der Polizei gesucht.

Ich bin ein Alien

Leila erzählt rückblickend ihre Geschichte in Form eines Berichts, wobei sie sich ausdrücklich um Sachlichkeit und Emotionslosigkeit bemüht, um nah an der Wahrheit zu bleiben. Es ist ein schonungsloser Bericht mit einer Vor- und Nachgeschichte, in dem sie offen über ihre Überlegungen hinsichtlich ihrer Rolle in dem Selbstmordprojekt und ihre Gefühle spricht, die sie in der Zeit und danach hatte, ihre Ängste und Befürchtungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Die Frage, ob sie sozial isoliert und labil ist und deshalb ein Opfer des "teuflischen" Adrian wurde oder ob es eine freie Entscheidung war, bleibt offen und lässt Raum für eigene Überlegungen.

Leila ist eine intelligente junge Frau, die Probleme rational und analytisch angeht und sich viel mit Philosophie und menschlichem Verhalten befasst, aber mit ihren Gefühlen wenig anfangen kann. Sie ist eine Außenseiterin, unangepasst und eigenwillig, und betrachtet die Frauen ihres Alters mit Distanz und Unverständnis wie eine außerirdische Spezies.

Leilas Erlebniswelt ist so gut wie leer. Sie hatte noch nie einen Freund, noch nicht einmal ein Date, sie hat nichts von London gesehen, obwohl sie dort aufgewachsen ist. Ihr Entdeckungsdrang ist mental und geistig ausgerichtet. Die attraktive und beliebte Tess hingegen ist das genaue Gegenteil von Leila. Als Leila in ihre Rolle schlüpft, entsteht eine gefährliche Kombination. Denn Leila lernt nicht nur das Leben aus einer anderen Perspektive kennen, sondern erfährt auch mehr über sich, ihre Wünsche und Bedürfnisse.

Fazit

Ein düsterer Roman über das Erwachsenwerden, die Lebens- und Identitätsprobleme junger Menschen in der aktuellen Lebenswirklichkeit, über Manipulation, Fremdbestimmung und Gleichschaltung. Intelligent und packend erzählt.

Die Charaktere in diesem Jugendroman sind in ihren zwanziger und dreißiger Lebensjahren. Das Buch spricht auch erwachsene Leser an.

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